27. Oktober 2009
Die Zeit des Kommunismus in Osteuropa ist noch längst nicht aufgearbeitet
20 Jahre nach der Wende ist die Zeit des Kommunismus in Osteuropa längst noch nicht aufgearbeitet - diese Einschätzung teilten Referenten aus Polen, Tschechien, Ungarn, der Slowakei und Deutschland bei der Tagung „20 Jahre nach der Wende - Brüche und Perspektiven im neuen Europa“, die Renovabis und die Katholische Akademie in Bayern am 23. und 24. Oktober 2009 durchgeführt haben.
Bis heute gebe es keine wirkliche Aufarbeitung der Vergangenheit in Ungarn, so Dr. Zsuzsa Breier, Gründungsdirektorin der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa aus Budapest. Manche Akteure des damaligen Regimes bekleideten auch heute noch wichtige Ämter. Viele Chancen zur Neugestaltung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft konnten nicht genutzt werden, weil die Beteiligten unterschätzten, wie schwierig sich der Transformationsprozess tatsächlich gestalten würde.
„Die ersten fünf Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus war eine Zeit der Euphorie, des Aufatmens und Ausprobierens“, so Bischof Duka, Bischof von Hradec Králové in der Tschechischen Republik. „Wir hatten das Gefühl, wir sind frei, wir können alles machen.“ Wichtige Entscheidungen für den Wiederaufbau der Kirche wurden in dieser Phase getroffen. Dann sei eine Phase der Resignation und Regression gefolgt, für die Kirche habe sich dies in einem Rückgang von Priestern und Gläubigen sowie in finanziellen Problemen geäußert. Im 21. Jahrhundert lautet für Bischof Duka die zentrale Frage, wie der Kirche der Dialog mit den säkularen Teilen der Gesellschaft und einer wachsenden Anzahl von Agnostikern und Atheisten gelingen kann. Auch die ökumenische Zusammenarbeit sei von großer Bedeutung. Der Papstbesuch im September 2009 habe für ihn jedoch eine neue Phase des gesellschaftlichen Dialogs eingeleitet.
Der „homo sovieticus“ existiere auch heute noch, so Marek Zajac (Publizist und Sekretär des internationalen Auschwitz-Rates, Krakau/Polen). Er zeige sich nach wie vor in antidemokratischen Phänomenen und einer oftmals übersteigerten Anspruchshaltung an den Staat. Provozierend betonte Ondrej Matejka (Anti-Komplex, Prag), dass sich die Wertewelt der jungen Generation leider kaum von der ihrer Eltern unterscheide: ein „marxistischer Materialismus“ sei im Grunde in einen „kapitalistischen Materialismus“ übergegangen.
Zu Beginn der Tagung hatte Prof. Dr. Horst Teltschik, in der Zeit der Wende Kanzleramts-Vizechef und einer der wichtigsten Berater von Helmut Kohl, Einblicke in die deutsch-deutschen Verhandlungen zur Wiedervereinigung Deutschlands gegeben. In nur 329 Tagen sei die Deutsche Einheit vollendet worden. Das Tempo der ‘friedlichen Revolution’, die das erst möglich machte, hätten die Menschen in der ehemaligen DDR, vor allem die Flüchtlinge, aber auch die Montagsdemonstranten vorgegeben. Die große Sorge damals sei gewesen, diesen Prozess unter Kontrolle zu halten und Gewaltausübungen zu verhindern.
Ebenso wie Teltschik wies der frühere ZDF-Korrespondent Joachim Jauer darauf hin, dass die Wende in Deutschland nur durch die „Vorarbeit“ in Ländern wie Polen (durch die Gewerkschaft Solidarnosc) und der Tschechoslowakei (mit der Charta 77) möglich gewesen sei. Jauer betonte vor allem die Rolle der Christen als Wegbereiter der Wende, namentlich die große Bedeutung von Papst Johannes Paul II., der mit seinem ersten Besuch als Papst in seiner polnischen Heimat die Oppositionsbewegung gestärkt habe: die Entwicklung von Solidarnosc wäre ohne den Rückhalt des Papstes so nicht denkbar gewesen. Von den Entwicklungen in Polen Anfang der 80er Jahre sei ein „Domino-Effekt“ angestoßen worden, der die kommunistischen Regime nach und nach zu Fall gebracht habe.
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