Großes historisches Glück
Freitag, 30. Oktober 2009
Auf Einladung von Renovabis erinnerten sich Zeitzeugen an die politische Wende vor 20 Jahren
BERLIN/FREISING. Den Begriff „Wende“ für das, was 1989 in Deutschland und Europa geschah, möge er eigentlich nicht. Das machte Bundestagsvizepräsident Wolfang Thierse bei einem Zeitzeugengespräch in Berlin deutlich. Den Ausdruck „Wende“ habe vielmehr Egon Krenz, der frühere DDR-Staatsratschef, geprägt. Die Oppositionellen in der damaligen DDR hätten vielmehr von einer „Revolution“ gesprochen, so Thierse. Voraussetzung für diese Revolution und den Erfolg der Unabhängigkeitsbewegung in Mittel- und Osteuropa sei nicht zuletzt das „Scheitern der Perestroika-Politik Gorbatschows“ gewesen, betonte der SPD-Politiker: „Ohne dieses Scheitern wären die Satellitenstaaten der Sowjetunion nicht frei gegeben worden.“ Die friedliche Revolution bewertete Thierse als „ein großes historisches Glück“. Er würde persönlich durchaus von einem Wunder sprechen. Was damals geschah, sei keineswegs vorhersehbar gewesen: „Es war nicht das Ergebnis planvoller Politik.“ – Thierse gehörte zu einer Gruppe von Zeitzeugen, die sich bei einem Gespräch in der Katholischen Akademie der Hauptstadt über die politischen Ereignisse vor 20 Jahren austauschten. Zu der Veranstaltung mit dem Thema „Zur Freiheit befreit: 20 Jahre nach der Wende. Der Beitrag der Christen beim Aufbruch zur Freiheit“ hatte das katholische Osteuropa-Hilfswerk Renovabis gestern abend (29. Oktober) eingeladen.
„Kirchen waren einziger Zufluchtsort für Gegner des Kommunismus“
In seiner Einschätzung war sich Thierse mit den weiteren Zeitzeugen einig. Der Erzbischof aus dem polnischen Gniezno (Gnesen), Henryk Muszynski, betonte, dass in seiner Heimat die Entwicklungen der 1980er Jahre eher als „Umbruch“ denn als „Wende“ bezeichnet würden. Entscheidende Stationen dafür seien die drei Pilgerreisen von Johannes Paul II. in seine polnische Heimat in den Jahren 1979, 1983 und 1987 gewesen. Der Papst habe die Menschen ermutigt, die Hoffnung nicht aufzugeben, so Muszynski. Er habe zwar nicht zur Revolution aufgerufen, aber über die christliche Solidarität gesprochen, und so der Solidarnosc-Bewegung den Rücken gestärkt. Eine große Sorge der Kirche sei stets gewesen, dass es nicht zur Gewalt komme, so der Erzbischof. Die Predigten beim ersten Papst-Besuch im Juni 1979 bezeichnete Muszynski als „Anfang der Demontage des Eisernen Vorhangs“. Wie Thierse und der Berliner Erzbischof, Kardinal Georg Sterzinsky, beurteilte er den Beitrag der Christen und der Kirchen beim Aufbruch zur Freiheit im Osten Europas ähnlich: Die Kirchen seien „der einzige Zufluchtsort für die Gegner des Kommunismus“ gewesen – dies habe auch für Nicht-Gläubige und Oppositionelle gegolten.
Für die innerdeutsche Perspektive unterstrich Kardinal Sterzinsky, dass evangelische und katholische Kirche in unterschiedlicher Weise Verdienste für den Zusammenbruch des kommunistischen Systems hätten. Die katholische Kirche habe sich zwar bei den Montagsgebeten und Massendemonstrationen im Herbst 1989 zurückgehalten. Durch ihre konsequente Verweigerungshaltung gegenüber dem Regime hätte sie aber „ein starkes politisches Zeugnis“ abgelegt.
Zum Abschluss der Veranstaltung äußerte sich Thierse enttäuscht, dass der „Poesie des Aufbruchs 1989“ nun die „Prosa eines Alltags“ gefolgt sei. Viel von dem damaligen Optimismus sei heute wieder verloren gegangen.
Fotogalerie
Im Rahmen der Veranstaltung „Zwanzig Jahre Wende in Europa. Der Beitrag der Christen beim Aufbruch zur Freiheit“ am 29. Oktober 2009 in Berlin konnte Renovabis-Geschäftsführer Burkhard Haneke den Referenten einige Fragen zum Thema „Wende“ und „Aufbruch zur Freiheit“ stellen. MP3-Dateien anhören
