Schutz des Lebens - Beratung und Nothilfe für Schwangere und Mütter

Projektbeschreibung

Projekthintergrund

Russland hat heute weit mehr Waisenkinder als am Ende des zweiten Weltkrieges. 80% von ihnen sind Sozialwaisen - sie haben also zwar noch mindestens einen Elternteil, der aber nicht Willens oder in der Lage ist, sich um das Kind zu kümmern. Diese Eltern sind oftmals selbst Heimkinder gewesen. Im Zuge der schweren Wirtschaftskrise der 90er Jahre wurden zahlreiche verlassene Kindern in überfüllten Krankenhäusern und Heimen „aufbewahrt“ - es gab keinerlei pädagogische Konzepte, wie aus diesen Kindern auch im Heim selbstbewußte, eigenverantwortliche Menschen heranwachsen.
Diese Generation von Heimkindern und Kindern aus zerrütteten, von Alkohol- und Drogenmissbrauch gekennzeichneten Familien stellt nun einen ständig wachsenden Anteil an der neuen Elterngeneration. Ihnen fehlt jede Erfahrung von Familie, von elterlicher Liebe und Fürsorge. Sie haben keinerlei Vorstellungen von den Bedürfnissen eines Kindes und nie die Erfahrung gemacht, das Eltern die Verantwortung tragen für das Leben und die Entwicklung ihrer Kinder. Die Gefahr, dass auch ihre Kinder wieder zu Sozialwaisen werden, ist sehr hoch.

Schwangere und junge Mütter, die von ihren Familien keine Unterstützung bekommen, haben es schwer, gerade in Sibirien. Oft werden Schwangere von ihrer Familie oder ihrem Partner zu einer Abtreibung gedrängt, oder sehen aus wirtschaftlicher Not keine Möglichkeit, das Kind zur Welt zu bringen, obwohl die dies gerne würden.

Mutter-Kind-Zentren der Caritas

Um sich für Frauen in derartigen Krisensituationen einzusetzen, unterhält die ostsibirische Caritas zehn Mutter-Kind-Zentren. Diese Heime sind stationäre sozial-pädagogische Rehabilitationseinrichtungen für obdachlose Schwangere und Mütter mit Kleinkindern. Während des Heimaufenthaltes lernen die Frauen ihre Rolle als Mütter kennen. Sie lernen die altersgerechte Pflege und Erziehung ihrer Kinder, eine wirtschaftliche Haushaltsführung und das Leben in Gemeinschaft. Sie erhalten Rat und Hilfe bei der Lösung ihrer Probleme und der Erarbeitung einer realistischen Lebensperspektive. Dazu gehören unter anderem der Abschluss einer Berufsausbildung und die Suche nach Arbeit und Wohnraum.

Um die Mutter zu befähigen, dauerhaft ein selbständiges Leben mit ihrem Kind zu führen und seine harmonische Entwicklung zu ermöglichen, bedarf es bei fast allen Frauen eines Entwicklungsprozesses in 3 Stufen:

  1. Einübung in die Mutterrolle: Befähigung, sich selbst und das Kind zu versorgen. Vermittlung von Grundkenntnissen zur psychischen, physischen und emotionalen Entwicklung des Kindes, zu gesunder Ernährung, Stärkung des Imunsystems, persönlicher Hygiene und altersgerechtem Spiel des Kindes. Ausstellung aller erforderlichen Personaldokumente für Mutter und Kind.

  2. Einübung in soziales Verhalten: Sorge für die Kinder anderer Mütter. Weitergabe eigener Erfahrungen an neue Mütter. Beteiligung an gemeinsamen Hausarbeiten. Berufsausbildung. Einübung in wirtschaftliche Haushaltsführung.

  3. Einübung in ein eigenständiges Leben ausserhalb des Mutter-Kind-Zentrums: Klärung von Beziehungen. Entwicklung eigener Lebensperspektiven. Suche nach einem Kindergartenplatz und schrittweise Eingewöhnung des Kindes. Suche nach Arbeit und Wohnraum. Entlassung aus dem Heim.

Zu den Hilfsangebote der Mutter-Kind-Zentren gehören:

  • Psychologische und sozialpädagogische Beratung und Betreuung
  • Geburtsvorbereitung für Schwangere
  • Schulung und Anleitung in Stillen, Säuglingspflege, Ernährung und Haushaltsführung
  • Ausleihdienst für Babysachen, Umstandskleidung, Kinderwagen, Kinderbettchen etc.
  • Soziale Hilfe aus dem Babyhilfsfonds
  • Hilfe bei der Suche nach Arbeit und Unterkunft, sowie bei der Klärung von Rechtsfragen
  • Vermittlung von Ausbildungs- oder Umschulungsplätzen
  • Kurse zu Fragen von Partnerschaft, Ehe und Familienplanung für Jugendliche und Erwachsene

Die durchschnittliche Verweildauer einer Familie beträgt in den Mutter-Kind-Heimen acht Monate, bei Schwangeren und Müttern mit Neugeborenen 18 Monate, bei minderjährigen Müttern bis zu vier Jahre. Im Laufe eines Jahres leben durchschnittlich 10 - 15 Familien in jedem Heim.

Die Geschichte von Olga

Olgas Eltern starben, als sie 15 Jahre alt war. Sie wurde in einer Internatsschule untergebracht, machte eine Ausbildung als Malerin/Stuckateurin und träumte davon, eine Familie zu haben. Als sie schwanger wurde, verliess sie ihr Freund und verweigerte jeden weiteren Kontakt mit ihr. Im Internat durfte Olga nur bis zur Entbindung bleiben. Sie hätte sich ein Zimmer mieten müssen, doch als Schwangere fand sie keine Arbeit. So verließ sie die Entbindungsklinik mit ihrem Neugeborenen auf dem Arm und stand vor dem Nichts.

In einer Kleingartensiedlung fand Olga Unterschlupf in einem Datschahäuschen, das scheinbar von den Eigentümern nicht genutzt wurde. Sie ernährte sich von Gurken und Radieschen, die sie heimlich in den benachbarten Gärten stahl. Sie glaubte, dass wenigstens Andrej satt sei, so lange sie ihn Stillen kann. Doch ihre eigene Unterernährung hatte zur Folge, dass auch die Muttermilch keine Nährstoffe mehr bot für das Baby. Als Olga aus Zufall von Gartennachbarn entdeckt wurde, war Andrej bereits lebensbedrohlich geschwächt. Mutter und Kind wurden in eine Kinderklinik eingewiesen, wo es gelang, Andrej zu retten. Nach wochenlangem Klinikaufenthalt wurden beide ins Mutter-Kind-Heim aufgenommen. Im Heim lernte Olga alles über altersgerechte Ernährung, Pflege und Entwicklung eines Kindes und das wirtschaftliche Führen eines Haushaltes. Andrej erholte sich sehr langsam von den Folgen der Unterernährung und ist bis heute gesundheitlich labil. Doch Olgas liebevolle Fürsorge für ihr Kind stärkt seine Lebenskräfte.

Projektbewertung

Das Programm „Schutz des Lebens“ ist ein wichtiges Projekt, um Frauen, die sich aus materieller Not nicht für ihr Kind entscheiden wollen, zu helfen und Leben zu retten. Die zehn Beratungsstellen in Ostsibirien – zum Beispiel in Irkutsk, Jakutsk und Angarsk – bieten täglich Beratung für Schwangere und Mütter in Konfliktsituationen und ihre Angehörigen. Sie erhalten psychologische und materielle Hilfe vor und nach der Geburt des Kindes. Jährlich kann hier über 1.200 Schwangeren geholfen werden; viele von ihnen entscheiden sich während der Beratung gegen eine Abtreibung. 5.000 hilfsbedürftige Menschen im Jahr profitieren von der Arbeit dieser zehn Beratungsstellen.

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