28. September 2010

Rumänien: Der vergessene Holocaust

In Rumänien gehören Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zum Alltag. Auch der Lehrer Daniel Serafimescu hat das schon zu spüren bekommen. Er unterrichtet das Holocaust-Thema seit vier Jahren in der südrumänischen Kleinstadt Topoloveni - immer auch im Hinblick auf die Gegenwart. Mehr als 60 Jahre lang wurde der Holocaust im Land totgeschwiegen, die Vermittlung des Themas ist jedoch schwierig.

Teil 7 der n-ost-Artikelreihe „Über den eigenen Schatten – Versöhnungsprozesse in Mittel- und Osteuropa“ in Kooperation mit Renovabis.

Der vergessene Holocaust

Rumänien hat vor sechs Jahren offiziell den Holocaust im Land anerkannt. Das Thema an Schulen und Universitäten zu vermitteln, ist jedoch alles andere als einfach.

Eine Reportage von n-ost-Korrespondentin Annett Müller, Topoloveni.

Topoloveni (n-ost) - Daniel Serafimescu fragt zu Beginn seines Geschichtsunterrichts: „Was sind Roma für euch?“ Er schaut in eine Runde von modisch gekleideten Teenagern. Roma seien dreckig, vulgär und würden viel Goldschmuck tragen, kommt als Antwort.Eine Roma-Siedlung in der Nähe von Satu Mare in Rumänien. Foto: Caritas Satu MareEine Roma-Siedlung in der Nähe von Satu Mare in Rumänien. Foto: Caritas Satu Mare Lehrer Serafimescu überlegt kurz, reagiert dann mit ruhiger Stimme: „Das sind gleich mehrere Stereotype auf einmal, die ihr von Menschen habt, die ihr gar nicht kennt“. Die Teenager, die geantwortet haben, blicken beschämt zu Boden. „Generalisierung kann zu Diskriminierung führen“, sagt Serafimescu und fügt hinzu:

„Genau das ist den Juden und Roma in Rumänien im Zweiten Weltkrieg schon einmal passiert.“

Damit ist der 35-jährige Lehrer mitten im Stoff. Am Gymnasium der südrumänischen Stadt Topoloveni lehrt er Schülern der neunten und zehnten Klasse in einem Wahlfach die Geschichte des Holocaust.

Dass es einen Genozid in Rumänien gab, ist erst seit kurzem überhaupt ein Thema. Mehr als 60 Jahre lang wurde der Holocaust im Land totgeschwiegen. Er passte nicht zur Ideologie der Ceausescu-Diktatur, die die rumänische Geschichte glorifizierte und mit nationalistischen Mythen stark verfälschte. Nach der Wende hätte sich das ändern können. Doch statt einer kritischen Aufarbeitung setzte ein regelrechter Kult um den pro-faschistischen Militärdiktator Ion Antonescu ein, dem rumänischen Verbündeten Hitlers im Zweiten Weltkrieg, der im Oktober 1941 den Befehl zur Deportation der rumänischen Juden gegeben hatte. Das rumänische Nach-Wende-Parlament stilisierte ihn zum Nationalhelden, er wurde als Kämpfer gegen den Kommunismus gefeiert, gegen ein System, das man gerade erst gestürzt hatte.

Jahre später musste die Bukarester Regierung jedoch im Zuge der Bewerbung um eine NATO-Mitgliedschaft die Landesgeschichte in dieser Frage zurechtrücken. Schockierend war die Beweissammlung, die 2004 eine international besetzte Historikerkommission unter Vorsitz von Nobelpreisträger Elie Wiesel vorlegte: Mindestens 280.000 Juden und 11.000 Roma sind im Zweiten Weltkrieg in Transnistrien getötet worden - einem Gebiet, das heute nicht mehr zu Rumänien gehört. Die rumänische Militärdiktatur hatte darauf bestanden, die „Lösung der Judenfrage” auf eigene Weise zu erledigen, ohne den Alliierten Deutschland. Die Deportierten wurden in den rumänischen Ghettos und Arbeitslagern stark ausgebeutet. Neben willkürlichen Massenexekutionen starben viele grausam an Erschöpfung und Hunger. Ein Thema, das als Wahlfach an die Schulen muss, hieß es von der Historikerkommission. Fünf Prozent aller rumänischen Gymnasial-Klassen werden laut Bildungsministerium in diesem Fach derzeit unterrichtet.

Lehrer Daniel Serafimescu projiziert Fotos an die Wand des gelbgetünchten Klassenzimmers, die das Grauen des Holocaust zeigen. Er weiß, die Teenager reagieren auf Visuelles. Plötzlich unterbricht er: „Das ist Jahrzehnte her“. Im Videobeamer tauscht er die Bilder aus. Ärmliche Lager von Roma in Saint-Aigan sind zu sehen. Ein ungewöhnlicher Schwenk und doch schafft es Serafimescu, eine Verbindung herzustellen zu den jüngsten Ausweisungen von hunderten Roma aus Frankreich. In einem Screenshot zeigt er Internet-Kommentare, in denen steht, dass man die Roma zum Teufel jagen solle. Die Bemerkungen strotzen vor Hass, „und da habe ich die schlimmsten noch weggelassen“, sagt Serafimescu. Wieder sollen die Schüler sagen, was sie denken. Auch fragt sie ihr Klassenlehrer, wie sie die Roma integrieren würden. Eine Frage, auf die derzeit viele Politiker in Europa nicht einmal eine Antwort haben. „Ich würde sie alle in ein eigenes Land bringen“, ruft eine Schülerin. „Was?“, reagieren die anderen empört, „von was sollen sie denn dort leben?“ Serafimescus Geschichtsstunde hat sich längst in Gesellschaftskunde verwandelt.

Im Geschichtsunterricht wird der Holocaust oft ausgelassen

Dass Themen wie der Holocaust oder Integrationsprobleme an Schulen oder Universitäten gelehrt werden, „ist heute immer noch personenabhängig“, meint Petre Florin Manole. Der Historiker ist am Bukarester Elie-Wiesel-Institut zur Erforschung des Holocaust für Lehrer-Weiterbildungen zuständig. In den vergangenen beiden Jahren wurden rund 150 der mehr als 5.000 Geschichts- und Sozialkundepädagogen zum Holocaust-Thema geschult. „Die große Mehrheit ist an diesem Stoff nicht interessiert“, sagt Manole, „sie haben weiter einen nationalistischen Blick auf die Geschichte. Da werden negative Seiten wie der Holocaust natürlich ausgelassen.“ 8.000 Juden leben heute noch in Rumänien, vor dem Zweiten Weltkrieg waren es rund 800.000. Viele sind im Ceausescu-Regime nach Israel ausgewandert, der Diktator ließ sich die Ausreise mit Valuta bezahlen. Die Zahl der Roma wird hingegen auf rund zwei Millionen geschätzt. Eine konkrete Zahl gibt es nicht, denn viele verleugnen ihre Herkunft, um nicht diskriminiert zu werden. Sie sind die alten und neuen Sündenböcke der Nation. Im Internet werden sie an den Pranger gestellt, weil sie Schuld an der Armseligkeit im Land hätten und sich doch gar nicht integrieren lassen wollen.

Die Kommentare übertreffen sich an Chauvinismus und Rassismus. In Internet-Foren ist zu lesen, „dass Roma nicht mit Rumänen verwechselt werden sollten“, „dass die Öfen wieder angeheizt werden müssten“ oder dass der Militärdiktator Ion Antonescu „mit ein bisschen mehr Zeit, die Juden- und Zigeunerfrage endgültig gelöst hätte“. Strafrechtliche Ermittlungen gegen solche Bemerkungen gibt es trotz Anzeigen keine, sagt der Historiker Petre Florin Manole. Vor drei Jahren bezeichnete selbst Staatschef Traian Basescu eine hartnäckig nachfragende Journalistin als „stinkende Zigeunerin“. Ein Fall, der Aufsehen erregte, viele aber auch in ihrer Abscheu gegen Roma bestätigt haben wird. Für Manole sind die Politiker das Spiegelbild der Gesellschaft:

„Nach außen geben sie sich politisch korrekt, innerlich denken sie aber eigentlich etwas ganz anderes. Da brauchen wir noch jahrelange Aufklärungsarbeit.“

In Topoloveni wird sie bereits umgesetzt. Daniel Serafimescu lehrt das Holocaust-Thema im Wahlfach, „weil es in Rumänien immer noch stark geleugnet wird“. Die Kleinstadt Topoloveni zählt rund 10.000 Einwohner. Wenn Serafimescu durch den Ort läuft, rufen die Schüler schon von weitem: „Guten Tag Herr Lehrer!“ Die staubige Hauptstraße, an der sich frisch renovierte Neubauten aufreihen, führt in die nahegelegene Kreisstadt Pitesti, dem Geburtsort des pro-faschistischen Militärdiktators Ion Antonescu. Er rekrutierte aus dieser Gegend zahlreiche militante Anhänger für seine juden- und roma-feindliche Politik - sie kamen u.a. aus Topoloveni. Auch wegen dieser Vergangenheit hat sich Serafimescu des Holocaust-Themas angenommen. Erst in einer Allgemeinschule, jetzt am Gymnasium. Einfach war das jedoch nicht. Denn Serafimescu will in seiner Heimatstadt anders sein als die ältere Lehrergeneration, die ihn ausgebildet hat. Der junge Mann wirkt unkonventionell, vor der Klasse tritt er in T-Shirt und legerer Hose auf, statt wie die anderen Lehrer in Anzug. Die Gymnasiasten hören ihm wissbegierig zu, wenn er von Ehrlichkeit, Toleranz, gesellschaftlichem Engagement erzählt. Dann wird diskutiert. „Endlich fragt uns jemand auch mal nach unserer Meinung. Das passiert sonst wirklich selten“, sagt Schülerin Ancuta Gruia über ihren Klassenlehrer.

Die Aufklärungsarbeit im Unterricht brachte Serafimescu ein Disziplinarverfahren

Doch vor drei Jahren gab es einen Skandal in Topoloveni - ausgerechnet um Serafimescus Holocaust-Wahlfach, das er damals an der Allgemeinschule Nummer 1 in Klasse sechs unterrichtete. „Was hat denn der Holocaust mit unserer Kleinstadt zu tun, in der weder Juden noch Roma leben?“, fragte sich ein Teil des Lehrerkollegiums. Eine monatelange Debatte entfachte, die teils in Medien ausgetragen wurde. Selbst die Eltern revoltierten. Ihre Kinder sollten „doch lieber etwas fürs Leben lernen“ statt Bilder von Leichenbergen zu sehen. „Man warf mir vor, dass ausgerechnet ich als Historiker das rumänische Volk schuldig spreche“, sagt Serafimescu rückblickend, „ich sei ein Agent Israels, der Lügen verbreite.“ Gegen den Lehrer wurde ein Disziplinarverfahren an der Schule eingeleitet. Spätestens da hätte wohl so mancher Pädagoge in Rumänien aufgegeben - der Karriere wegen, des Gehorsams wegen. Anders Serafimescu. Er hatte Zusatzkurse zum Holocaust-Thema besucht. Und er brachte den Streit um sein Wahlfach beim rumänischen Bildungsministerium zur Sprache. Dort gab man grünes Licht, weil der Holocaust schließlich geschichtliche Wahrheit ist. In die Kleinstadt zog wieder Ruhe ein, die Stimmung im Lehrerkollegium blieb jedoch angespannt. Serafimescu ist deshalb lieber ans Gymnasium der Stadt gewechselt.

Das Wahlfach hat er mitgenommen. „Wir hatten Null Ahnung vom Holocaust“, erzählt Ancuta Gruia, „unsere Eltern wissen ja äußerst wenig davon.“ Die 16-jährige Schülerin diskutiert in der Stunde lebhaft mit:

„Mir ist jetzt erst klar, wie stark wir gerade jetzt in Europa aufpassen müssen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.“

Nach der Unterrichtsstunde wirkt Lehrer Serafimescu ein wenig müde. Ihn holt die Schul-Realität ein. Nach zwölf Dienstjahren verdient er rund 200 Euro monatlich. Erst im Juni hatte die rumänische Regierung angesichts der schweren Wirtschaftskrise im Land ein Viertel aller Lehrer-Gehälter gekürzt. Serafimescu denkt jetzt ans Auswandern. Wenn er geht, wird das Holocaust-Wahlfach in der Kleinstadt Topoloveni Geschichte sein. Oder aber seine Schüler rebellieren. Er hat ihnen schließlich beigebracht, sich einzumischen.

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