30. September 2010

Von Duba nach Chavarovsk – Migration von Ukrainern nach Russland und in die Europäische Union

Rund 5 Millionen Ukrainer leben und arbeiten derzeit in Ländern der EU sowie in Russland. Sowohl die Migranten als auch die zurückbleibenden Familien stellt dies vor große Herausforderungen. Ursachen und Folgen der Migration standen im Mittelpunkt des Exposure- und Dialogprogramms „Migration und Entwicklung“, zu dem Renovabis in Kooperation mit dem EDP e.V. vom 17. - 26. September 2010 in der westlichen Ukraine eingeladen hatte.

Intention der Reise

Das Exposure- und Dialogprogramm in der Ukraine hatte zum Ziel, die Kontakte zu den deutschen Diözesen zu intensivieren und insbesondere den Referenten für die weltkirchliche (Bildungs)arbeit die Möglichkeit zu geben, differenzierte Einblicke in eines der mittel-, ost- und südosteuropäischen Länder zu gewinnen. Aufgrund der dortigen thematischen Vielfalt und der Renovabis-Projektschwerpunkte wurde entschieden, die Reise in die Ukraine durchzuführen, als Schwerpunktthema Migration auszuwählen und die Reise in Form eines Exposure- und Dialogprogramms anzubieten.

Hintergrund-Info: EDP

Exposure- und Dialogprogramme (EDP) sind eine spezifische Methode der entwicklungsbezogenen Bildungsarbeit, bei denen erfahrungsbezogenes Lernen im Vordergrund steht. Die Teilnehmer leben zu Beginn des Programms drei Tage in Familien mit, die besonders von dem Schwerpunktthema - hier Migration - betroffen sind. Auf der Grundlage dieser persönlichen Erfahrungen werden in einem Dialog mit externen Experten Probleme und Perspektiven intensiv diskutiert. Weitere Informationen zur Methode unter:www.edp.de

Dokumentation

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Dokumentation EDP 2010 Ukraine (7.4 MB)

Hörfunkbeitrag des Bayerischen Rundfunks

von Friedericke Wedde, Teilnehmerin des EDP

Ukrainische Arbeitsmigration: Sendung Nahaufnahme, Bayern 2, 15.10.2010 (25.2 MB)

Fotogalerie

  • Exposure- und Dialogprogramm in der Ukraine
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Zielgruppe und Teilnehmer/innen

An dem Programm haben Weltkirche-Referenten aus acht deutschen Diözesen, der Referent für politische und gesellschaftliche Fragen der Migration im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz sowie eine Journalistin des Bayerischen Rundfunks teilgenommen. Zur Dialogphase sind Magdalena Bogner (Mitglied der Renovabis-Gremien Aktionsausschuss und Trägerkreis) sowie Gertrud Casel (Geschäftsführerin der Deutschen Kommission Justitia et Pax, Geschäftsführerin des EDP e.V.) dazugekommen.

Programmverlauf

Exposure: In der Exposure-Phase haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Samstag, 18. bis Dienstag, 21. September in Gastfamilien mitgelebt. Die Themenschwerpunkte waren unterschiedlich gelagert: In einigen Gastfamilien lebten Familienmitglieder in der Emigration in Russland, Spanien, Polen oder Italien. In anderen Fällen waren Menschen aus dem Ausland in die Ukraine zurückgekehrt und versuchen, sich dort eine Existenz aufzubauen. Einige der Gastgeber waren zur Zeit des Besuches auf Abruf: Eine 43-jährige Frau erhielt in den Tagen des Exposures einen Anruf, dass sie in zwei Tagen zur Apfelernte nach Polen reisen sollte. Ein 45-jähriger Familienvater wartete auf diesen Anruf: er würde mit einigen anderen Männern aus seinem Dorf wie seit etwa 15 Jahren in jedem Winter für sechs Monate nach Chavarovsk – einer Stadt im Osten Sibiriens an der chinesischen Grenze - aufbrechen, um sechs Monate lang Bäume zu fällen und sie mittels einer Planierraupe aus dem Wald zu transportieren. In allen Familien haben die Teilnehmer und Teilnehmerinnen nicht nur gelernt, wie das Leben unter schwierigen Bedingungen im ländlichen Raum gemeistert und organisiert werden kann, sondern auch tiefe Einblicke in die vielfältigen Aspekte von Migrationsprozessen gewonnen, wie zum Beispiel: Wie verlaufen persönliche Entscheidungen? Warum migrieren Menschen oder warum migrieren sie nicht? Wie wird Migration konkret organisiert? Welche psychischen Folgen bringt Migration mit sich? Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat sie?

Reflexion und Dialog: Entsprechend der EDP-Methode begann der Mittwoch, 22. September mit einer Reflexion in 2er-Gruppen, in denen die Teilnehmer/innen sich mit folgenden Fragen auseinandergesetzt haben:

  • Was hat mich besonders beeindruckt?
  • Was habe ich gelernt? Was verstehe ich jetzt besser?
  • Welche/s Lernerfahrung/Erlebnis hat eine ganz besondere Bedeutung für mich? Kann ich diese Erfahrung in einer Schlüsselgeschichte wiedergeben?

Im nächsten Schritt erfolgte eine Reflexion in Kleingruppen. Dabei haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Schlüsselgeschichten ausgetauscht und besprochen, was das übergeordnete Thema der einzelnen Erzählungen ist, zum Beispiel:

„Ich gebe Dir 1000 Hriwna: kauf dafür Heu oder verkauf die Kuh“ – sagte ein erwachsener Sohn zu seiner Mutter, die ihn aufgefordert hat, für die Heuernte Urlaub zu nehmen. Thema: dramatische Umbruchsituationen und Rollenverschiebungen in Familien durch Migration, aber auch durch den rasanten Sprung ins technisierte Zeitalter.

Weitere Themen waren z.B. Familiensolidarität und neue Formen von Solidarität (Schicksalsgemeinschaften in der Emigration), „Everybody does it, but nobody talks about“ – alle haben die gleichen Probleme, aber Reden über Probleme ist tabu, Beratungsstrukturen werden kaum genutzt. Darauf aufbauend wurden im Plenum die Themen für den Dialog mit Experten ausgewählt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer entschieden sich für drei Arbeitsgruppen:

  1. Psychologische Aspekte von Migration
  2. Soziale Aspekte
  3. Politische und rechtliche Aspekte

Feststellungen und Folgerungen zu den verschiedenen Aspekten haben wir im folgenden zusammengefasst.

1. Psychologische Aspekte von Migration

Feststellungen:

  • es gibt große (Entwicklungs-) Unterschiede zwischen Kindern, deren Eltern in der Migration leben und Kindern, deren Eltern zu Hause sind
  • Alkoholismus ist eines der zentralen gesellschaftlichen und sozialen Probleme – Migration auch als Flucht davor?
  • Scheidungen sind sozial nicht akzeptiert – Ist Migration manchmal eine verdeckte Scheidung?
  • Mangel an Beratungs- und Betreuungsstrukturen und keine Betreuung der Berater/Betreuer

Folgerungen:

  • es ist notwendig, im Sozialbereich ein System des “caring for carers” zu etablieren
  • in der Priesterausbildung sollten soziale Herausforderungen/soziale Arbeit thematisiert werden

2. Soziale Aspekte

Feststellungen:

  • hoher Grad an Korruption and starke Ausprägung mafiöser Strukturen
  • keine transparenten Strukturen und Verfahren

Herausforderungen für die Kirche:

  • übergeordnetes Ziel: mit den und für die Menschen da sein
  • Unterstützung für die zurückbleibenden Angehörigen von Migranten und Rückkehrer
  • Unterstützung der Emigranten: Aufbau von kirchlicher Infrastruktur
  • fehlender Fokus auf Einwanderung in die Ukraine – bisher meist Blick auf Emigration/Diaspora
  • Unterstützung/Verbreitung der Idee der ‚Zirkulären Migration’
  • Ekklesiologisches Verständnis von Migration ist zu entwickeln

3. Politische und rechtliche Aspekte

Feststellungen

  • Es gibt in Politik und Gesellschaft ein Bewusstsein für Migrationsfragen, aber keine politischen Konzepte und Maßnahmen
  • Die Kirche ist einer der Hauptakteure in der sich entwickelnden Zivilgesellschaft

Folgerungen:

  • Die Ukraine braucht internationalen Druck und Unterstützung, um Politiken und Abläufe zu entwickeln
  • Die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen ist wichtig zur Betreuung individueller Fälle und für Lobbying
  • First things first! – Es ist besser, mit realistischen Schritten wie der Unterzeichnung von Verträgen über Pensionen, Abschlüsse, Arbeitsverträge zu beginnen, anstatt einen großen migrationspolitischen Wurf zu erwarten.

Panel-Diskussion: Da es für die ukrainischen Partner – insbesondere für die Migrationskommission der UGKK - ein großes Anliegen war, die Erfahrungen und Erkenntnisse des EDP öffentlich zu machen und in den Migrationsdiskurs einzuspeisen, haben wir eine öffentliche Panel Discussion/Podiumsdiskussion angeboten. Die Sprecher/innen waren Oksana Iwankova-Stetsiuk (Soziologin), Bischof Josef Milan (Bischof für Migrationsfragen der UGKK), Sergij Olinjik (Gewerkschafter), Dr. Christian Müller (Deutsche Bischofskonferenz), Friederike Weede (Journalistin, Sprachrohr der EDP-Teilnehmer/innen). Die Moderation übernahm Andrij Waskowycz (Präsident der Caritas der UGKK). Das Panel war von zahlreichen Journalisten, Wissenschaftlern und Vertretern/innen verschiedener Institutionen gut besucht und hatte vor allem mit Blick auf Vernetzung und Bekanntmachung der Arbeit der UGKK-Migrationskommission und von Renovabis einen hohen Wert. Zum Abschluss wurden mögliche Folgeschritte besprochen.

Fazit: Die personale Dimension des Programms hat eine sehr tiefgehende Auseinandersetzung mit Migrationsfragen ermöglicht. Entsprechend war das Programm in der Dialogphase inhaltlich sehr ergiebig und hat intensive Debatten angeregt. Mit der Panel-Diskussion konnten die Ergebnisse in die Öffentlichkeit getragen werden. Die Frage, wie die Problematik von Migration in und aus der Ukraine konkret bzw. im Osten Europas allgemein in Lobbying, Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit stärker zur Geltung gebracht werden können und wie die Erkenntnisse und Kontakte aus dem EDP dafür genutzt werden können, sind für die ukrainischen und deutschen Kooperationspartner und Teilnehmer/innen ein zentrales Anliegen, für das wir gemeinsame Ziele und Perspektiven entwickeln möchten.

Programm

Übersicht über die Programmpunkte vom 17. - 26. 09. 2010

Freitag, 17.09.2010

  • mittags:Ankunft in Lemberg, Tagungsort: Exerzitienhaus der Ukrainisch Griechisch Katholischen Kirche in Lviv-Bryukowychi
  • nachmittags: Einführung zu ökonomischen und sozialen Herausforderungen von Migration
  • abends: Interaktives Studenten Theater - Szenen zu Auswirkungen von Migration

Samstag, 18.09.2010

  • morgens: Abreise zu den Gast-Familien in Lemberg, Ivano-Frankivsk und Sambir-Drohobych
  • Beginn der Familien-Besuche: Zusammenleben und -arbeiten

Sonntag, 19.09.2010

  • ganztägig: Familien-Besuche: Zusammenleben und -arbeiten

Montag, 20.09.2010

  • ganztägig: Familien-Besuche: Zusammenleben und -arbeiten

Dienstag, 21.09.2010

  • morgens: Abschied von den Gastfamilien
  • tagsüber: Besuch von migrationsbezogenen Sozialprojekten: Sambir-Drohobych: Rehabilitations-Zentrum “Nazareth”, Beratungs-Zentrum „Anti-human trafficking; Zentrum für Kinder von Migranten - “Stronger Together”, Ivano-Frankivsk: Besuch der Diözesan-Caritas, Gespräch mit der Geschäftsführerin Natalya Kozakevych und Mitarbeiter/innen sowie mit Vertretern der Migranten-Organisation “Pieta“, Lemberg: Caritas-Beratungsstelle für Kinder, Haus für Flüchtlinge und Asylbewerber des Jesuit Refugee Service
  • abends: Ankunft im Tagungshaus Lviv-Bryukhovychi

Mittwoch, 22.09.2010

  • morgens: Reflexion der Erfahrungen: Austausch in 2-er Gruppen und dann in Kleingruppen. Ziel: Formulierung von „Schlüsselerfahrungen“ und „Schlüsselgeschichten”
  • nachmittags: Austausch im Plenum über Schlüsselgeschichten und Entscheidung über die Themen für die Dialog-Phase

Donnerstag, 23.09.2010

  • morgens: Gespräch mit dem römisch-katholischen Erzbischof Mieczyslaw Mokrzycki, Dialog-Workshop mit externen Ressource-Personen zu psychologischen, sozialen sowie rechtlichen und politischen Aspekten von Migration
  • nachmittags: Fortsetzung Dialog-Workshop

Freitag, 24.09.2010

  • morgens: Öffentliche Panel-Diskussion: “Promotion of Christian perspectives on migration”
  • nachmittags: Stadtführung, Freizeit

Samstag, 25.09.2010

  • morgens: Evaluation des EDP-Lernprozesses, Ideensammlung zu Folgeschritten
  • nachmittags: Gespräch mit dem griechisch-katholischen Weihbischof Benedikt Alexejtschuk,
  • abends: Abschiedsparty

Sonntag, 26.09.2010

  • morgens: Heilige Messe in der Römisch-Katholischen Kathedrale in Lviv, Abreise nach München

Kontakt

Bildungsarbeit

Claudia Gawrich
Renovabis, Domberg 27, 85354 Freising
Tel.: (08161) 5309-72, Fax: (08161) 5309-44
E-Mail: cg@renovabis.de

Partnerschaften und Dialog

Thomas Müller-Boehr
Renovabis, Domberg 27, 85354 Freising
Tel.: (08161) 5309-46, Fax: (08161) 5309-44
E-Mail: mb@renovabis.de