29. März 2011

Belarus, Slowakei, Deutschland: drei Erinnerungen an Tschernobyl

Ein ahnungsloser Schulausflug in die Ukraine, verbotene Pilze im Wald, ein fröhliche Parade am 1. Mai 1986: n-ost Korrespondentinnen aus Weißrussland, der Slowakei und der ehemaligen DDR erinnern sich, wie sie von Tschernobyl erfahren haben. Sie waren zum Zeitpunkt der Katastrophe sechs und 12 Jahre alt. Nicht zuletzt sind es auch die Bilder aus Japan, die diese Erinnerungen wieder ins Bewusstsein bringen.

Teil 2 der n-ost-Artikelreihe „Der Weg der Wolke - Sechs Reportagen aus Mittel- und Osteuropa anlässlich des 25. Jahrestags von Tschernobyl“ in Kooperation mit Renovabis. Artikelübersicht

Wenn die Angst Ungeheuer gebiert,

Eine Erinnerung von n-ost Korrespondentin Olga Karatch, Witebsk/Belarus

Olga Karatch 1986Olga Karatch 1986n-ost Korrespondentin Olga Karatch ist in der belarussischen Stadt Witebsk groß geworden, an der lettischen und russischen Grenze. 1986 war sie sechs Jahre alt. Obwohl Tschernobyl in der Ukraine liegt, gingen 70 Prozent der radioaktiven Strahlung in Belarus nieder. 25 Jahre später erzählt die Belarussin von einer Katastrophe, über die nur geflüstert wird, die aber noch immer allgegenwärtig ist, von Schweigen als Verbrechen am eigenen Volk und davon, was passiert, wenn die Angst Ungeheuer gebiert.

Witebsk (n-ost) – Schokoladeneis war in Belarus zu Sowjetzeiten Mangelware. Eine ganz köstliche Mangelware. Es wurde nur an besonderen Feiertagen verkauft, zum Beispiel am 1. Mai. Zur Parade 1986 gingen damals alle. Tatsächlich gab es schon Gerüchte, dass sich irgendein furchtbares Unglück ereignet hätte. Aber keiner machte sich allzu große Gedanken deswegen – dieser 1. Mai war dafür ein viel zu sonniger und warmer Tag. Ich bewegte mich mit meinen Eltern durch die Menge, mit riesigen weißen Schleifen in beiden Zöpfchen, ganz stolz und wichtig. Im September sollte ich schließlich in die Schule kommen. Diese Mai-Demonstration war jung, glücklich und hatte so gar nichts Verdächtiges an sich. Damals habe ich noch nicht gewusst, dass auch das Schweigen ein Verbrechen am eigenen Volk sein kann.

Dann tauchten auf einmal die so genannten „Tschernobyler“ auf. So nannten wir die Übersiedler aus dem Verwaltungsbezirk von Tschernobyl. Das waren nicht wenige. Es hieß, dass man ihnen nicht mal erlaubt habe, Gepäck mitzunehmen. Es hieß außerdem, dass sie in der Dunkelheit leuchteten und dass man sich an ihnen mit “Strahlung” anstecken könne. Niemand hat so richtig verstanden, was das sein sollte, aber es hörte sich furchtbar an. Wir hielten uns fern von ihnen, mit den Tschernobyler Kindern sollten wir uns nicht anfreunden. Viele der Familien konnten das nicht aushalten und kehrten in die Zone um Tschernobyl zurück.

Tschernobyl – das heißt, dass dein Zuhause, das vorher deine Festung und dein Rückzugsort war, auf einmal zu deinem Feind wird.

Dann, zehn Jahre später, gab es in Belarus plötzlich eine Reihe seltsamer Allergien und Krankheiten. Ich erinnere mich, dass ich wegen einer starken Kälte-Allergie ins Krankenhaus musste. Die Ärzte hatten keine Erklärung, und unter dem Siegel der Verschwiegenheit sagten sie: „Wahrscheinlich hängt es irgendwie mit Tschernobyl zusammen.“ Auch als ich wegen einer Autoimmunerkrankung in der Wirbelsäule behandelt werden musste, hörte ich das gleiche, angsteinflößende Flüstern: „Wahrscheinlich hängt es irgendwie mit Tschernobyl zusammen.“

Die Belarussen sind vom Krebs heimgesucht. Es ist eine schreckliche Krankheit, die viele vor 25 Jahren nur vom Hörensagen kannten – heute betrifft sie jede Familie. Es gibt keinen einzigen Belarussen, der nicht einen Freund oder Verwandten wegen Krebs verloren hat. Wenn die Diagnose „Krebs“ einmal gestellt ist, ist das in der Regel eine Vorhersage: Der Mensch stirbt dann meistens ziemlich schnell, nach ein paar Monaten. Es gibt kaum einen, der länger am Leben bleibt.

Tschernobyl – das heißt, dass Ärzte ihre eigene Hilflosigkeit mit dem Wort „wahrscheinlich“ entschuldigen.

Die Zone um Tschernobyl wurde zur „guten Mutter“ für alle kleinen Leute, die von den großen Systemen enttäuscht sind. Hierhin flüchtet man sich vor dem Staat, vor dem Krieg, vor dem Gefängnis oder vor Kränkung. Hierher kommen die Menschen aus anderen belarussischen Regionen und aus anderen Ländern. Keiner weiß, wie viele Leute derzeit in dieser Zone leben. Tschernobyl führt ein eigenes, mit dem Auge kaum wahrnehmbares, aber intensives Leben.

Tschernobyl – das heißt, dass der Staat angsteinflößender wird als der Tod.

2008 kamen in Belarus auf einmal Gerüchte auf, es habe eine neuen, gewaltigen Niederschlag radioaktiver Strahlung gegeben. Irgendjemand behauptete, ein russisches AKW sei in die Luft gegangen, ein anderer sagte, ein litauisches. Alle Gerüchte drehten sich vor allem um das eine: Dem Volk wird die Wahrheit vorenthalten. Zu mir kam eine äußerst seriöse Delegation von Rentnern, um mich „vor einer Gefahr zu warnen“: „Sehen Sie das Gelbe?“, sie zeigten aus dem Fenster. „Das ist die Strahlung. Sie ist überall.“ Die Wiese draußen war über und über mit gelbem Blütenstaub bedeckt.

Tschernobyl – das heißt, dass die Angst Ungeheuer gebiert, die die Umgebung zu etwas Bösem und Fremdartigem werden lassen.

Während die Welt noch um die Opfer der Katastrophe in Japan weint, „staubte“ Alexander Lukaschenko am 17. März 2011, sechs Tage nach dem Unglück in Fukuschima, bei Putin Geld ab und unterschrieb eine Vereinbarung zur Errichtung eines neuen Atomkraftwerkes in Belarus. Und zwar in einem Gebiet, das besonders stark erdbebengefährdet ist. 1908 gab es in Ostrowez, im Nordwesten von Belarus, ein Erdbeben der Stärke 7 auf der Richterskala.

Tschernobyl – das heißt, dass die Regierung auf eine zynische Art und Weise Leben und Gesundheit ihrer Bürger aufs Spiel setzt für ihre eigenen, ungesunden Ziele.

Hat die Welt überhaupt aus Tschernobyl gelernt?

Eine Erinnerung von n-ost-Korrespondentin Daniela Capcarová, Humenné/Slowakei

Daniela Capcarova war 12 Jahre alt, als das Reaktorunglück in Tschernobyl passierte. Die Katastrophe sollte ihre ganze Jugend prägen.Daniela Capcarova war 12 Jahre alt, als das Reaktorunglück in Tschernobyl passierte. Die Katastrophe sollte ihre ganze Jugend prägen.Ahnungslos im Informationsembargo: n-ost Korrespondentin Daniela Capcarova machte kurz nach der Katastrophe von Tschernobyl einen Schulausflug von der Slowakei in die benachbarte Ukraine. Die Ostslowakei, wo die damals 12-Jährige lebte, bekam die radioaktive Strahlung in zwei Wellen ab. Ein Jahr später erkrankte ihr Vater an Darmkrebs. In der Region steigt die Anzahl der Krebserkrankungen noch immer kontinuierlich an. Doch die Umweltbewegung findet bis heute nur wenige Anhänger. Wenn Daniela Capcarova die Bilder aus Japan sieht, fragt sie sich: Hat die Welt überhaupt aus Tschernobyl gelernt?

Humenné (n-ost) – Von der Katastrophe in Tschernobyl erfuhr ich erst spät, obwohl die Stadt, wo ich damals lebte, nur 50 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt ist. In der Slowakei galt unmittelbar nach dem Unglück ein Informationsembargo – die Bevölkerung wurde über den GAU und seine direkte Wirkung nicht informiert. So hat meine Schulklasse ein paar Tage nach der Katastrophe, im Mai 1986, kurz vor meinem 13. Geburtstag, einen Schulausflug zur Partnerschule ins ukrainische Užhorod unternommen. Weder die Schulleitung noch unsere Russischlehrerin ahnten damals, wie gefährlich der Ausflug ist. Obwohl die Tschechoslowakei damals enger „Bruder“ der Sowjetunion war, wurden bei der Bevölkerung absolut keine Schutzmaßnahmen gegen die Strahlung getroffen.

Die Tschernobyl-Wolke zog nach heutigen Informationen von Greenpeace insgesamt drei Mal über die Slowakei: am 30. April, am 3. Mai und am 7. Mai 1986. Die erste und dritte Wolke traf das ganze Gebiet der Tschechoslowakei, die zweite nur die Westslowakei. Die Ostslowakei, wo ich lebe, war also von zwei Radiationswellen betroffen. Die offiziellen Stellen vertuschten die Katastrophe. Nicht einmal Jodtabletten hat man uns verschrieben. Wir aßen weiter munter das Fleisch und tranken die Milch der Tiere, die mit dem radioaktivverseuchten Heu vom Frühling und Sommer 1986 gefüttert worden waren. Wir wussten nicht, dass die Strahlung auch auf diesem Weg in den Organismus gelangen kann. Forscher bezeichnen dies als die vierte Welle der radioaktiven Belastung in der Slowakei. Diese letzte Welle hätte man durch wirksame Maßnahmen ganz leicht vermeiden können.

Ein Jahr nach dem Atomunfall erkrankte mein Vater an Darmkrebs. Vor 1986 war der Tumor anscheinend gutartig, eine Umwandlung in den bösartigen Krebs könnte laut der Meinung der Ärzte auch die Strahlung verursacht haben. Mein Vater überlebte vielleicht auch deshalb, weil ihm die Ärzte nach zwei Operationen die wahre Diagnose verschwiegen. Viel später traf ich in Wien einen ukrainischen Forscher und Arzt, der mit verriet, dass die Ukraine nach dem Atomunfall bei Tumoren im HNO-Bereich einen Anstieg von 50 Prozent registriert hatte. Einen kontinuierlichen Anstieg der Krebserkrankungen verzeichnet die Ostslowakei bis heute, 25 Jahre nach Tschernobyl.

Trotz der alarmierenden Zahlen sind Umweltthemen in der Slowakei nicht stark im Kommen. Ich denke, es liegt daran, dass eine bürgerliche Gesellschaft fehlt und auch die Bereitschaft der Menschen auf die Straße zu gehen und für sich zu kämpfen. Es ärgert mich, weil es manchen Entscheidungsträgern in die Karten spielt und die Gesundheitsgefährdung durch eine solche Einstellung nicht minimalisiert wird. Die Region ist zudem auch stark durch organische Giftstoffe belastet. Nicht ohne Grund nennt man das Gebiet um die ostslowakischen Städte Humenné, Vranou nad Topľou und Strážske herum „das Dreieck des Todes“.

Wenn ich heute die Bilder aus Japan sehe, dann frage ich mich: Hat die Welt überhaupt etwas aus Tschernobyl gelernt? Durfte man in einem Land, das so oft von Erdbeben betroffen ist, überhaupt ein Atomkraftwerk bauen? Dabei denke ich an viele meiner Bekannten, die an Krebs gestorben sind. Oder an eine Freundin von mir, die an einer Schilddrüsen-Störung leidet, und wegen der hormonellen Auswirkungen vielleicht nie ein Kind bekommen wird. Diese Krankheit kommt seit Tschernobyl immer häufiger vor. Außerdem frage ich mich, ob ich von der tiefen Trauer, die ich als Teenager während der Erkrankung meines Vaters spürte, heute geheilt bin.

Pilze, Töpfe und gezielt Vertuschung

Eine Erinnerung von n-ost Korrespondentin Cornelia Kästner, Berlin

Cornelia Kästner mit ihrem Vater beim Pilze putzen 1985. Ein Jahr später fiel das traditionelle Pilze-Sammeln plötzlich aus.Cornelia Kästner mit ihrem Vater beim Pilze putzen 1985. Ein Jahr später fiel das traditionelle Pilze-Sammeln plötzlich aus.n-ost Korrespondentin Cornelia Kästner wuchs in der ehemaligen DDR auf. Im Sommer 1986 durfte sie beim alljährlichen Urlaub bei ihrer Tante auf einmal keine Pilze mehr sammeln im Wald. Ein Topf mit gefährlichen Strahlen habe ein Loch bekommen, wurde der Sechsjährigen erklärt. Lange blieb die Bevölkerung im Unklaren über die Katastrophe. Wenn sich Cornelia Kästner an Tschernobyl erinnert, denkt sie an Pilze, Töpfe und gezielt Vertuschung.

Berlin (n-ost) – Den Sommer 1986 haben wir – wie viele Urlaube – im Haus meiner Tante bei Dresden verbracht, umgeben von Wäldern, Weiden, einem kleinen Bach, und Unmengen von Pilzen. Das Pilze sammeln war dort ein festes Ritual, neben Champignons gab es Röhrlinge und Wiesenboviste, die beim Aufschneiden quietschten, und kulinarisch eher als Experiment zu werten waren.

Doch in diesem Sommer waren die Pilze tabu. Meine Mutter begründete das damit, dass ein großer Topf voller Strahlen plötzlich ein Loch bekommen habe. Die Strahlen seien ausgeströmt und säßen auf den Pilzen – eine angemessene Erklärung für eine Sechsjährige. Zwei Tage später habe ich allerdings im Wald einen zerlöcherten Kochtopf gefunden und Angst bekommen: Ich war sicher, den „Strahlentopf“ entdeckt zu haben. Erst Jahre später habe ich durch einen Zeitungsbericht den rostigen Kochtopf mit einem krebskranken Mädchen aus der Ukraine in Verbindung gebracht.

Dass ich mich nicht an mehr erinnere, hat nicht nur mit meiner Jugend zu tun: In der DDR wurde der GAU anfangs totgeschwiegen. Am 29.4.1986 meldete das Neue Deutschland: „Im KKW Tschernobyl in der Ukraine hat sich eine Havarie ereignet.“ – fünf Sätze auf Seite fünf der Zeitung. Als sich der Unfall nicht mehr leugnen ließ, wurde in enger Absprache mit Moskau vertuscht: Die Strahlung habe sich „auf niedrigem Niveau stabilisiert“, andere Nachrichten seien eine Hetzkampagne aus dem Westen.

Das Staatliche Amt für Atomsicherheit teilte am 8. Mai mit, für die Bevölkerung bestünde „keinerlei Gefahr“. Als der Salat auch in den Kaufhäusern liegen blieb, wurde er in Sachsen-Anhalt und anderswo in Schulen und Kindergärten verteilt. Meine Eltern haben eine Zeit lang mehr aus Konserven gelebt und sind an den sonst gerne gekauften Pfifferlingen polnischer Händler an der Autobahn vorbei gefahren. Sonst hat sich nichts geändert, was zum Teil an mangelnder Information lag, teilweise aber auch daran, dass es keine Erfahrungen mit einem solchen Fall gab. Meine Eltern wussten zu wenig, wir haben weiter draußen gespielt.

Dabei war die DDR-Bevölkerung auf den Ernstfall gedrillt worden. Im Fach Zivilverteidigung hatten meine Eltern als Kinder gelernt, dass man sich bei einem atomaren Angriff etwas über den Kopf zieht und hinter einem niedrigen Mäuerchen, notfalls einem Bordstein Schutz sucht. Zuvor sollte man die strahlenabweisende blaue Salbe auftragen und nach dem Angriff die verseuchte Kleidung sofort reinigen. Als Schüler hatten sie diesen sinnlosen Drill lächerlich gefunden, die Beruhigungstaktik wirkte trotzdem: „Solange nicht die blaue Salbe ausgeteilt wurde, konnte es ja nicht so schlimm sein“, meinte meine Mutter einmal. Viele Menschen in der DDR haben erst nach 1989 von dem GAU erfahren.

Wenn ich jetzt sehe, wie zögerlich der japanische Betreiber die Situation in Fukushima kommuniziert, und wie beschworen wird, dass so etwas „bei uns“ nicht passieren könne, dass „unsere Kraftwerke“ sicher seien, zeigen sich für mich viele Parallelen. Bei mir nähren diese Verlautbarungen den Verdacht, dass alles wahrscheinlich noch viel schlimmer ist.

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