18. April 2011

Milliarden-Grab Tschernobyl

Die Baustelle am Sarkophag mit Hinweisschildern zur Evakuierung. Foto: Lutz KüchlerDie Baustelle am Sarkophag mit Hinweisschildern zur Evakuierung. Foto: Lutz KüchlerAuch 25 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl verschlingt die Atomanlage Milliarden. Allein das stillgelegte Kraftwerk selbst beschäftigt 3.400 Mitarbeiter. Mindestens noch 100 Jahre wird Tschernobyl Geld verschlingen, schon jetzt weit mehr als eine Milliarde Euro – eine Vorahnung, was nach der Katastrophe in Fukushima auch auf die Japaner zukommen könnte.

Teil 5 der n-ost-Artikelreihe „Der Weg der Wolke - Sechs Reportagen aus Mittel- und Osteuropa anlässlich des 25. Jahrestags von Tschernobyl“ in Kooperation mit Renovabis. Artikelübersicht

Milliarden-Grab Tschernobyl

Eine Reportage von n-ost-Korrespondent Jan Pallokat, Berlin/Slawutitsch.

Slawutitsch (n-ost)Die Baustelle am Sarkophag in Tschernobyl. Foto: Lutz KüchlerDie Baustelle am Sarkophag in Tschernobyl. Foto: Lutz KüchlerEs tut sich was rund um die Reaktorruine von Tschernobyl. Ein Baufeld ist abgesperrt mit rot-weißem Band. Bagger sind aufgefahren. Auf Besuchertribünen betrachten Presseleute, Politiker und Touristen die Szenerie. Seit der Betonsarg um Block IV im Jahr 2008 für 50 Millionen Dollar notdürftig stabilisiert wurde, sticht seine Baufälligkeit ins Auge. Ein gelb lackiertes Metallgerüst stützt seither die Westwand des Reaktorgebäudes, die die Hauptlast des tonnenschweren Schutzmantels trägt. Der ruht zudem auf erhaltenen Entlüftungsschächten der Ruine, die größeren Erschütterungen nicht standhalten würden. „Auf der Ostseite hätte man eigentlich auch etwas tun müssen“, erklärt Tschernobyl-Kenner Lutz Küchler von der Deutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS), die die Ukraine im Umgang mit dem strahlenden Erbe berät. „Man verzichtete aber im Vertrauen darauf, dass die geplante neue Schutzhülle rechtzeitig fertig wird.“ Schon deswegen duldet das vom Westen finanzierte Riesenprojekt eigentlich keinen Aufschub.

Und doch ist der new safe confinement (neuer sicherer Einschluss), wie die internationalen Geldgeber das gleichsam gewaltige wie ambitionierte Vorhaben getauft haben – Spannweite: 257 Meter, Höhe: 108 Meter –, derzeit wieder in Turbulenzen. Das Budget ist gesprengt, noch bevor die erste Schweißnaht der Stahlkonstruktion gezogen wurde. Eine Geberkonferenz soll noch vor dem 25. Jahrestag der Katastrophe fehlende Millionen einspielen. Nach dem Unglück in Japan wuchs die Sorge, Tschernobyl könne an Aufmerksamkeit verlieren. Inzwischen gibt es aber Signale, dass die aktuelle Finanzlücke von einer dreiviertel Milliarde Euro zum guten Teil geschlossen werden könnte.

Auch gut zehn Jahre, nachdem die drei nicht explodierten Blöcke I-III auf westlichen Druck hin abgeschaltet wurden, hält der Atomkomplex von Tschernobyl Dutzende Berater, Finanziers und Projektmanager in Atem – und versorgt noch immer rund 3.400 Kraftwerksmitarbeiter mit Lohn und Brot. Der dickleibige, detaillierte Regierungsplan zum Rückbau der Anlage umfasst Arbeit für 100 Jahre.

Alexander Schimchuschnikow arbeitet heute in Tschernobyl. Foto: Anastasija GraschtschenkoAlexander Schimchuschnikow arbeitet heute in Tschernobyl. Foto: Anastasija GraschtschenkoAlexander Schimchuschnikow etwa, ein massiger, freundlicher Mann, arbeitet in der Dokumentations- und Sicherheitsabteilung der Anlage. Schimchuschnikow fährt jeden Werktag mit dem Oberleitungszug, genannt „Elektritschka“, an seinen weltbekannten Arbeitsplatz. Die Bahn fängt bei der Fahrt durch die gesperrte 30-Kilometer-Zoneso so viel radioaktiven Staub auf, dass sie regelmäßig gründlich gereinigt und dekontaminiert werden muss. Schimchuschnikow und seine Kollegen, die taschenrechnergroße Strahlen-Messgeräte bei sich tragen wie andere ihren Führerschein, ziehen sich vor Schichtbeginn komplett um. Der Büroarbeiter steigt in seine nur für die Strahlenzone reservierte Kleidung: dunkelblaue Hose und Jackett, Hemd, Krawatte.

Die Beschäftigten in Tschernobyl sind erhöhter Strahlung ausgesetzt, die allerdings im für Arbeiter in Atomkraftwerken vorgesehenen Rahmen bleibt, wie die Kraftwerksleitung versichert. Für den Fall des Einsturzes des Sarkophags, der jede Menge radioaktiven Staub aufwirbeln dürfte, sind Evakuierungspläne vorbereitet. Wenn es gelegentlich brennt im Wald um Tschernobyl, setzen Schimchuschnikow und Kollegen Atemmasken auf. Denn das Gehölz in der fast menschenleeren 30-Kilometer-Zone hat viele schädliche Nukleide gespeichert.

Es strahlt auch aus dem verseuchten Boden heraus und durch den spröden Sarkophag hindurch. Die Belastung steigt und sinkt manchmal schon nach mehreren Schritten erheblich; spezielle Karten zeigen, ähnlich den Isotop-Linien beim Wetterbericht, Abschnitte, in denen man sich problemlos, andere, in denen man sich besser nicht zu lange aufhält. Mal erreicht die Strahlung das hundert-, mal das tausendfache der natürlich Radioaktivität.

„Angst vor den Strahlen ist ein schlechter Ratgeber“, erläutert Schimchuschnikow. „Man muss wissen, was man tut.“

Seit die EU und die G7-Industriestaaten 1997 zunächst 300 Millionen Euro für verschiedene Umbauten in Tschernobyl versprachen und die Summe bald vervielfachten, sind im Vergleich zur Armut der Ukraine gewaltige Gelder geflossen. Westliche Bau- und Nuklearkonzerne haben Großaufträge ergattert. Und doch lösen all die Vorhaben nur einen Bruchteil der Probleme, so Kritiker wie Dmitri Chrama vom Nationalen Ökologischen Zentrum in Kiew. „Jeden Tag spült der Dnjepr radioaktive Partikel in die Hauptstadt“, sagt der junge Umweltschützer. „Sie wollen nur den Anschein erwecken, als hätten sie die Dinge im Griff.“

Prypjat ist heute eine Geisterstadt. Hier wohnten bis zum Reaktorunglück die Arbeiter des Kernkraftwerks. Foto Lutz KüchlerPrypjat ist heute eine Geisterstadt. Hier wohnten bis zum Reaktorunglück die Arbeiter des Kernkraftwerks. Foto Lutz KüchlerSchon jetzt haben allein die Projekte, die die Londoner Osteuropabank verwaltet, darunter die neue Schutzhülle, 1,2 Milliarden Euro gekostet. Die Bank gibt keine Detailinformationen etwa über Beraterhonorare heraus. Jedenfalls kommen die zentralen Bauvorhaben selbst nur im Schneckentempo voran – wie etwa drei Projekte zur Beseitigung hochradioaktiver Brennelemente sowie verschiedener Arten von Nuklearmüll. Immerhin eine Anlage zur Lagerung sogenannter fester Nuklearabfälle knapp unter der Erde hat der fränkische Atommüll-Spezialist Nukem vor zwei Jahren fertiggestellt. Inzwischen läuft ein Testbetrieb.

„Mal werfen die internationalen Partner ihre eigenen Planungen über den Haufen, mal bekommen unsere Behörden die Genehmigungsverfahren nicht hin“, klagt Schimchuschnikow.

Aufgeschreckt durch die Ereignisse in Japan, sollen nun alle Projekte zusätzlich auf Erdbebensicherheit hin überprüft werden.

Für den neuen Sarkophag ist rund anderthalb Jahrzehnte nach Projektstart inzwischen immerhin der Boden bereitet. Die vorgesehene Baufläche, ein paar hundert Meter von Block vier entfernt, wurde planiert und weitgehend dekontaminiert. Um die Strahlenbelastung der Arbeiter zu verringern, soll das riesige Runddach auf Abstand montiert und erst nach Vollendung über Schienen auf die Reaktorruine geschoben werden. Tonnenweise belastetes Erdreich musste ausgetauscht werden. Dabei stießen Arbeiter auf seinerzeit offenbar eilig verscharrte, kontaminierte Baufahrzeuge.

Lutz Küchler von der Deutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit. Foto: Jan PallokatLutz Küchler von der Deutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit. Foto: Jan PallokatDerweil weiß man von Ballonmessungen, dass die Strahlung weiter oben zunimmt. Offenbar schirmt der Kraftwerkskorpus unten besser ab. Was aber problematisch ist für die Montage eines Bauwerks von über 100 Metern Höhe. Daher will man möglichst große Einzelteile am Boden montieren und dann aufsetzen; ähnlich ging man auch schon beim Stabilisierungs-Gerüst für die Westwand vor. Wenn der neue Schutzmantel erst einmal aufliegt, soll eine unter dem Dach verankerte Krananlage den Reaktor ferngesteuert Zug um Zug zu zerlegen – und freizulegen, was noch an strahlender Masse in ihm ruht. Ganz genau weiß das keiner – ebenso wenig, wo die strahlenden Überreste einmal gelagert werden sollen.

„Sie haben sicher auch deswegen eine Lebensdauer von 100 Jahren für die Umhüllung angesetzt, weil sie in Wahrheit gar nicht wissen, wohin mit den Abfällen“, vermutet Berater Küchler von der GRS.

Von der strahlenden Dauerbaustelle profitiert die Retortenstadt Slawutisch erheblich. Schimchuschnikow sitzt wieder in der Elektritschka, um viertel vor sechs wird sie ankommen. Die Leute im Zug unterhalten sich über den vergangenen langen Winter oder darüber, was sie einkaufen müssen. Die Strahlung ist Alltag und kein Thema.

Der Ort Slawutitsch überrascht. Flache, weiß getünchte Gebäude mit Bungalow-Charme geben dem Ort einen Hauch von Kurort. Gleich zwei gemütliche Gaststätten bitten zu Tisch, gepflasterte Fußgängerzonen werden von Messinglaternen bestrahlt, Birken und Kiefern vergrünen das Stadtbild. Hinter fast jedem Wohnblock finden sich bunt gestrichene Spielgeräte für Kinder; und anders als in der 200 Kilometer entfernten Hauptstadt Kiew sind die eisernen Reckstangen nicht entwendet und an Metallhändler verschachert. Im Angesicht der Katastrophe rückten die Menschen beim Bau der Stadt zusammen. In Rekordzeit und unter starker finanzieller Zuwendung aus Moskau bauten Russen, Ukrainer, Balten und Georgier noch 1986 „ihre“ Wohnviertel auf.

„Man nennt uns das letzte Museum der Sowjetunion“, sagt Ljubima Mikolajewna von der Stadtverwaltung stolz.

Heute sind fast nur noch Ukrainer da, und westliche Berater und Projektleiter, die in der Stadt Wohnungen mieten, im Restaurant „Tallinn“ essen gehen und viel Geld in den Ort bringen. Das ausgediente Atomkraftwerk ist mit Abstand größter Steuerzahler. Auch Mikolajewnas Sohn arbeitet in Tschernobyl. Der Gatte ging vorzeitig in Rente: Ein Jahr Arbeit im GAU-Reaktor wird von der Rentenkasse wie drei Jahre behandelt. Und so finden sich kaum Atomkraft-Kritiker in Slawutitsch. Es gebe für ein armes Land leider keine Alternative, meint Dokumentar Schimchuschnikow mit Blick darauf, dass der ukrainische Kraftwerkspark in den nächsten Jahrzehnten kräftig ausgebaut werden soll. Derzeit gibt es 15 Atomreaktoren. Die Anlagen stehen teils direkt an riesigen Djnepr-Stauseen, deren Dämme keinen sehr vertrauenserweckenden Eindruck machen. „Lieber in 50 Jahren an Strahlen sterben als im Winter Hunger leiden“, sagt er. Er arbeite im Übrigen gern in Tschernobyl. Er kenne sich da aus, er wisse da Bescheid. „Tschernobyl ist mein Leben.“

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