Bosnien und Herzegowina – im Aufbruch oder vor dem Abgrund?
Freitag, 15. April 2011
REGENSBURG/FREISING. Die Neuordnung von Bosnien und Herzegowina vor gut 15 Jahren nach dreieinhalb Jahren Bürgerkrieg durch den Vertrag von Dayton war jetzt Anlass für ein Podiumsgespräch beim Regensburger Südost-Institut, das zusammen mit dem Verlag Friedrich Pustet und der Osteuropa-Solidaritätsaktion Renovabis eingeladen hatte. Gut 70 Teilnehmer hörten an diesem Abend (14. April) von Franjo Komarica, dem 65-jährigen Bischof von Banja Luka, der sich von Anfang an persönlich für die Belange seiner Landsleute – unabhängig davon, ob sie bosnisch-muslimisch, serbisch und orthodoxen Glaubens oder kroatisch-katholisch waren – engagiert hatte, von der ebenfalls aus Bosnien stammenden Historikerin Armina Galijaš, dem serbischen Theologen Rade Kisić und dem Südosteuropa-Historiker Edvin Pezo – alle drei noch keine 40 Jahre alt – wie fern das Land Europa und wie nah es „am Abgrund“ ist. Auch der Moderator des Abends, der Medienpädagoge Michael Albus (früher ZDF, jetzt Chefredakteur von „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ / Renovabis, Freising) setzte an dieser offenen Wunde an. Die Ignoranz westeuropäischer und amerikanischer Politiker und die breite Unkenntnis über die Vorgänge „in diesem Teil des sonst so zivilisierten Europa“ veranlassten Bischof Komarica zu deutlichen Worten der Verärgerung: Sein Aufschrei prangerte an, dass in seiner Heimat nicht dieselben Menschenrechte gelten, wie überall sonst in Europa – insbesondere das Recht auf Freizügigkeit.
Zurückhaltender und eher nüchtern äußerten sich die drei anderen, wesentlich jüngeren Podiumsteilnehmer. Sie nehmen das heterogene Staatsgebilde als gegeben hin, weil es immer noch besser sei als eine völlige Anarchie. So bemerkt Rade Kisić: „Wir müssen die Wirklichkeit akzeptieren. Auf dieser Basis müssten die drei Völker eine gemeinsame Vision entwickeln. Aber daran fehlt es.“ Frau Galijaš vermisst „klare Ziele in den Vorgaben der internationalen Gemeinschaft, sieht jedoch durchaus große Kompromissbereitschaft aller Ethnien, irgendwie weiterzukommen“. Bei den nicht abgestimmten Verwaltungsstrukturen der 13 Regierungsbehörden auf dem Staatsgebiet bleibt allerdings vor allem die Lösung der drängenden sozialen Probleme auf der Strecke.
Wie massiv und allgegenwärtig die Vergangenheit ist und aus schlechten Erfahrungen geborenes Misstrauen die Menschen immer noch prägt, hoben alle Gesprächsteilnehmer hervor. Der „ungerechte Dayton-Vertrag“, so Bischof Komarica, lasse zu, dass Mehrheiten über Minderheiten herrschen, er lähme die Gestaltung eines souveränen Staatswesens, verhindere die gesamtstaatliche Lösung existentieller Problem, wie etwa des Gesundheitswesens. Armina Galijaš: „Normen aufzustellen, bedeutet nicht, dass der Staat funktioniert.“ Insofern kreise das Land also heute tatsächlich um einen Abgrund herum. Nur punktuell gelängen richtungsweisende Initiativen, wie etwa die inzwischen 14 Schulen für Europa, die seit 17 Jahren mit der Hilfe des Osteuropa-Hilfswerks Renovabis von der katholischen Bischofskonferenz des Landes gemeinsam für Bosniaken, Serben und kroatisch-stämmige Kinder etabliert werden konnten, damit diese von klein auf miteinander lernen, spielen und auch streiten lernen. In ähnlicher Weise stellt sich Bischof Komarica das Ein- und Mitwirken von außen vor; dann könnten die Volksgruppen sich für ihr eigenes Land auch wieder selber stark machen.
Insgesamt – so das Fazit des Abends – bleibt die Situation in diesem leider von der Tagesordnung der Weltpolitik vernachlässigten Land labil. Die internationale Gemeinschaft täte gut daran, sich verstärkt zu engagieren und besonders solche Initiativen zu unterstützen, die auf ein gedeihliches Miteinander der Ethnien hinarbeiten.
