Kommunismus als Trauma
Donnerstag, 16. Juni 2011
OWEP-Heft über psychische Folgen der Unrechtssysteme
FREISING. Der „real existierende Sozialismus“ hat nicht nur zerstörte Landschaften hinterlassen, sondern auch traumatisierte Menschen, von denen viele bis heute unter körperlichen und seelischen Verletzungen leiden. Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP) aus dem Regensburger Verlag Friedrich Pustet informiert über diese Problematik und weist auf die betroffenen Menschen und ihre Schicksale hin.
Mehr als zwanzig Jahre liegen die politisch-gesellschaftlichen Umwälzungen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa zurück. Die historische Aufarbeitung der damaligen Ereignisse ist noch längst nicht abgeschlossen. Zu den schwierigsten Fragestellungen gehört die Untersuchung der psychischen Folgen der Unrechtsregime für die Menschen, sowohl für den Einzelnen als auch für die Familien; oft sind die Folgen sogar über mehrere Generationen hinweg spürbar. Am Beispiel der ehemaligen DDR widmet sich Thomas Hoppe von der Universität Hamburg den psychosozialen Folgen: Viele Menschen trügen Erinnerungen in sich, unter denen sie leiden; in ihrer Umgebung fänden sie jedoch wenig oder überhaupt kein Verständnis. Betroffen seien sowohl Opfer als auch Täter. Eine Therapie müsse darauf zielen, den Menschen ihre Würde zurückzugeben.
Einzelschicksale aus Polen und Litauen stellen Krzysztof Rutkowski, Direktor des Zentrums für die Behandlung von politischen Verfolgten an der Universität Krakau, und die Psychologin Gražina Gudaite von der Universität Vilnius vor. Es geht einerseits um Personen, die in den 40-er und 50-er Jahren inhaftiert oder in die Sowjetunion deportiert worden sind. Das löste posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) mit körperlichen und seelischen Folgen aus. Andererseits wurden Fälle von Jugendlichen dokumentiert, deren Entwicklung durch die Verfolgung ihrer Eltern im „System“ nachhaltig gestört worden ist. Neben den konkreten Einzelfällen ist stets zu bedenken, dass der Kommunismus die Gesellschaft als Ganzes geprägt hat, was sich in bestimmten Verhaltensweisen des „homo sovieticus“ äußert, die bis heute nachwirken: Ein gebrochenes Verhältnis zur Obrigkeit oder zum Eigentum kennzeichne etwa Rumänien und seine Bürger. Dies stellt der orthodoxe Theologe Radu Preda von der Universität Cluj-Napoca dar.
Welche Rolle kommt bei der Lösung der gesamten Problematik der Kirche zu? Diese Frage ist nicht in wenigen Sätzen zu beantworten, denn von Land zu Land und auch je nach Verlauf der vorhergehenden Geschichte waren die Kirchen, ihre Repräsentanten und viele Christen Opfer, Mitläufer, manchmal auch sogar – meist gezwungenermaßen – Teil des Systems (vgl. den Beitrag von Thomas Hoppe). „Bleibende Verantwortung der Kirchen“ steht über vier kurzen Gesprächen, in denen Prälat Hellmut Puschmann (Dresden), Pfarrer Friedrich Schorlemmer (Wittenberg), Weihbischof Pero Sudar (Sarajevo) und Äbtissin Ágnes Tímár OCist (Budapest) die Zeit vor 1989 und die seitherige Entwicklung Revue passieren lassen. Vieles hat sich zum Besseren gewendet, aber es gibt auch Stillstand, ja sogar Rückschritt.
Die Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP) wird vom katholischen Osteuropa-Hilfswerk Renovabis und vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) herausgegeben und erscheint im Verlag Friedrich Pustet. OWEP kostet als Einzelexemplar 6,50 Euro. Die Zeitschrift kann telefonisch (08161/5309-71) oder per E-Mail: owep@renovabis.de angefordert werden. Ein Überblick über den Inhalt der aktuellen Ausgabe ist im Internet unter www.owep.de zu finden.
