30. Juni 2011
Streit um Windparks
„Gegenwind“-Demonstration durch den tschechischen Ort Moldava, links mit Hut: Organisator Michael Eilenberger. Foto: Egbert Kamprath, n-ostRaus aus dem Atom, rein in die Erneuerbaren. Das Ziel der Energiewende, die heute wohl mit überwältigender Mehrheit vom Bundestag beschlossen wird, ist klar. Doch nicht jedem gefallen 140 Meter hohe Windräder in Sichtweite. Was tun, wenn es noch dazu der tschechische Nachbar ist, der einen Windpark baut?
Teil 4 der n-ost-Artikelreihe „Osteuropas Mutbürger“ in Kooperation mit Renovabis. Artikelübersicht.
Gegen Wind im Erzgebirge
Eine Reportage von n-ost Korrespondent Steffen Neumann, Prag
Moldava/Holzhau (n-ost) –
Restaurator Michael Eilenberger rief die Bürgerinitiative „Gegenwind“ ins Leben. Foto: Egbert Kamprath, n-ostMichael Eilenberger sitzt auf der Bank, wo früher eine alte Zollstation stand, auf dem Erzgebirgskamm an der tschechisch-deutschen Grenze. Die Sicht ist gut und der Blick geht über die Bergwiesen weit ins sächsische Osterzgebirge hinein, aber auch hinüber nach Böhmen. Eilenberger liebt diesen Ort. Der 39-Jährige ist durch und durch Erzgebirgler. Aufgewachsen im benachbarten Holzhau musste er mit ansehen, wie der Wald im Erzgebirge vor allem auch durch Industrieabgase nach und nach abgestorben war. Umso mehr freute er sich, als sich nach der politischen Wende 1989 endlich die Luft verbesserte und sich der Wald wieder erholte. Als sich 2007 mit dem Schengen-Abkommen die Grenze öffnete, wurde das so genannte „Battleck“ wieder zu einem beliebten deutsch-tschechischen Wandertreffpunkt.
Doch seit einiger Zeit beunruhigt Eilenberger der Blick in die böhmische Idylle. Ein Investor will nämlich genau hier einen Windpark mit 25 Windrädern errichten. Für Michael Eilenberger ein Alptraum. „Wir haben in den letzten 20 Jahren einen sanften Tourismus aufgebaut, der den Naturschutz respektiert. Dieser Windpark würde alles zunichte machen“, befürchtet Eilenberger. Dabei scheinen die riesigen baumfreien Bergwiesen wie gemacht für die Windkraftnutzung. Denn der Wind weht hier stabiler als anderswo.
Restaurator Michael Eilenberger rief die Bürgerinitiative „Gegenwind“ ins Leben. Foto: Egbert Kamprath, n-ostEilenberger selbst versteht sich als Heimatschützer. Derzeit arbeitet der Restaurator wertvolle Epitaphe in der Kirche des Nachbarortes wieder auf. Um auf die drohende Zerstörung der Natur aufmerksam zu machen, schmiedete er eine Koalition aus Naturschützern und Touristikern und gründete die Bürgerinitiative mit dem passenden Namen „Gegenwind“. Er sorgt sich vor allem um die Natur, die durch ein europäisches Programm ausdrücklich geschützt ist:
„Diese Wiesen sind ein Geschenk. Sie sind Heimat seltener Pflanzen und Tiere. Vor allem das Birkhuhn wäre durch die Windräder bedroht. Es braucht nämlich die Wiesen für seine Balz.“
Susanne van Loo (ganz rechts) mit ihrer Familie im Ausflugsrestaurant „Teichhaus“. Sie fürchtet, dass die Windräder die Touristen abschrecken könnten. Foto: Egbert Kamprath, n-ostZu Eilenbergers Mitstreitern gehört auch Susanne van Loo. Sie verbindet mit den Windrädern existenzielle Sorgen. Die Holländerin erweckte erst vor kurzem das alte Ausflugsrestaurant „Teichhaus“ aus seinem jahrelangen Winterschlaf.
„Wenn die Windräder kommen, ist das unser Aus. Unsere Gäste schwärmen immer wieder, wie schön die Natur hier ist. Sie ist unser wichtigster Trumpf“, sagt sie.
„Gegenwind“-Demonstration durch den tschechischen Ort Moldava, links mit Hut: Organisator Michael Eilenberger. Foto: Egbert Kamprath, n-ostDie Bürgerinitiative begann, um Aufmerksamkeit zu werben, verteilte Flugblätter, schrieb Protestpostkarten, veranstaltete einen Sternmarsch zum „Battleeck“, fuhr mit dem Fahrrad bis nach Prag. Eilenberger sprach sogar beim Europäischen Parlament in Brüssel vor. „Ich bin auch für erneuerbare Energien. Aber das darf nicht zu Lasten des Naturschutzes passieren“, wehrt er sich gegen den permanenten Vorwurf, immer nur dagegen zu sein. Zuletzt organisierte er mit Gleichgesinnten aus Tschechien eine Demonstration durch den angrenzenden tschechischen Ort Moldava.
Der stellvertretende Bürgermeister des Ortes, Tomas Tvrdik, ärgert sich in seinem Büro noch heute beim Gedanken an die Demonstration. Er forciert mit seiner Gemeinde den Bau der Windräder. „Ich empfinde die Proteste als Einmischung in die Angelegenheiten eines fremden Staates“, sagt er. Wenn er die Argumente seiner Gegner hört, kann er nur mit dem Kopf schütteln.
„Deutschland steigt doch gerade aus der Atomenergie aus. Wohin wollen die denn ihre Windräder bauen, wenn nicht ins Erzgebirge?“, fragt er und fügt hinzu: „Ich prophezeie Ihnen, dass hier bald ganz viele Windräder in den Himmel wachsen.“
Tomas Tvrdik ist stellvertretender Bürgermeister von Moldava. Der Ort setzt auf den Bau eines Windparks. Foto: Egbert KamprathTvrdik kann den großen Widerstand gegen das Bauvorhaben nicht verstehen. Jahrzehntelang wurde der Erzgebirgswald schließlich durch böhmische Kohlekraftwerke zerstört. Die Windräder hinterm Dorfrand sind ihm deshalb lieber. „Wir haben ja auch etwas davon“, rechnet Tvirdik. „Der Investor zahlt uns zehn Jahre lang insgesamt drei Millionen Euro. Damit können wir endlich die Häuser an die Kanalisation anschließen und weitere Ideen verwirklichen, um attraktiv für Touristen zu werden.“
Die meisten Einwohner von Moldava sehen das genauso. Für sie sind die Windräder ein lang ersehnter Hoffnungsschimmer. Denn nach der politischen Wende machten nacheinander das Bergwerk und der große Landwirtschaftsbetrieb zu. Maschinenhallen, Ställe und Verwaltungsgebäude stehen heute als Ruinen in der Landschaft. Auch der Grenztourismus floriert immer weniger, je mehr sich die Preise in Tschechien den deutschen annähern.
Außerdem hat Tschechien, genau wie Deutschland, zu wenige Windanlagen. Anfang Juni waren in ganz Tschechien gerade einmal 93 Anlagen in Betrieb, 54 davon im Erzgebirge. „Wir haben uns verpflichtet, bis 2020 den Anteil erneuerbarer Energien auf 13 Prozent anzuheben“, sagt die Sprecherin des Umweltministeriums in Prag Michaela Jendekova. „Und Windkraft spielt dabei eine wichtige Rolle.“ Das Erzgebirge ist eine der wenigen Regionen, die vom Umweltministerium in Prag als Vorranggebiet ausgewiesen sind. Tschechien spekuliert auch darauf, Deutschland nach dem Atomausstieg mit Energie auszuhelfen. Und zwar sowohl mit Atomstrom, auf den das Land weiter setzt, als auch mit Windkraft. Da erst spät mit dem Windkraftausbau begonnen wurde, stehen in Tschechien im Schnitt heute bereits modernere und ertragreichere Anlagen, als in Deutschland. Tschechien könnte also in Zeiten deutscher Energieknappheit dem Nachbarn nicht nur mit Atomstrom, sondern auch grüner Energie aushelfen. Doch dafür müssen mindestens die Projekte auch umgesetzt werden, die in den kommenden Jahren im Erzgebirge geplant sind. Der Vorsitzende des Windkraftverbandes, Michal Janecek spricht von 115 Anlagen. Der Konflikt ist programmiert: Denn im sächsischen Teil des Gebirges wiederum sind bislang nur wenige Flächen für Windräder ausgewiesen. Naturschutz und Tourismus haben Vorrang, heißt es in den Regionalplänen der betroffenen Landkreise.
Doch dass mehr Windräder auch in Sachsen kommen werden, scheint unausweichlich.
„Windenergie hat derzeit im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energien das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis“, begründet Jeanette Kopte von der Sächsischen Energieagentur.
Und auch das sächsische Wirtschaftsministerium erwartet einen verstärkten Windkraftausbau. Für „Teichhaus“-Wirtin Susanne van Loo sind das alles beunruhigende Aussichten. Sie sitzt auf der Terrasse ihres Restaurants und hat einen Zeitungsartikel vor sich. „Die Grünen sagen hier, dass jetzt Windräder aufs Erzgebirge müssen. Ich bin ja auch dafür, dass wir aus der Atomkraft aussteigen und habe selbst Solarplatten auf dem Dach. Aber dieser Ausstieg darf nicht kopflos passieren.“ Es hat angefangen zu regnen. Bevor sie ins Haus geht, schaut sie noch einmal hinauf auf den Kamm:
„Wir müssen uns Rückzugsgebiete erhalten. Nicht nur für Tiere, sondern auch für uns.“
Infos zu Tschechien
- Länderinfo Tschechien
- Projekt: Unterstützung für die Ausstattung des Hospizes in Cercany
- 7 Fragen an den tschechischen Bischof Dominik Duka OP
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