Zwischen Erinnerung und Neubeginn: Jüdisches Leben im Osten Europas
Dienstag, 23. September 2008
Aktuelles Heft der Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“
FREISING. „Neues Leben blüht aus den Ruinen“ – selten hat dieses Wort des Dichters Friedrich Schiller so gut eine Entwicklung charakterisiert wie während der letzten beiden Jahrzehnte die Erneuerung jüdischer Gemeinden im Osten Europas. In vielen Ländern Mittel- und Osteuropas hat sich seit 1989/90 mit dem Ende des Kommunismus ein reges jüdisches religiöses und kulturelles Leben entwickelt ‑ allerdings gibt es auch neue Konflikte.
Das vorliegende OWEP-Heft „Jüdisches Leben in Mittel- und Osteuropa“ will die aktuelle Situation anhand von Streiflichtern aus einzelnen Ländern vorstellen. Eine historische Einführung über Geschichte, Kultur und Selbstverständnis der Juden im Osten Europas soll helfen, auch die gegenwärtigen Probleme besser zu verstehen. Monica Rüthers, Osteuropahistorikerin an der Universität Basel, vermittelt dazu einen Überblick, der u. a. das Verhältnis der Juden zur nichtjüdischen Umwelt und den „Mythos Schtetl“ beschreibt.
Mit der Wende von 1989/90 öffneten sich für die Juden in der Sowjetunion die Grenzen. Hunderttausende verließen ihre Heimat, viele ließen sich auf Dauer in Deutschland nieder, so dass binnen weniger Jahre zahlreiche neue Gemeinden entstanden und alte Gemeinden sich völlig veränderten – beides war und ist mit vielen Konflikten verbunden. Der Beitrag der Schriftstellerin Lena Gorelik, die selber 1992 als „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland kam, skizziert die vielfältigen Probleme in den jüdischen Gemeinden Deutschlands. Anders sieht es in Polen aus, dessen jüdische Gemeinschaft vor dem Zweiten Weltkrieg über drei Millionen Mitglieder zählte. Bella Szwarcman-Czarnota, Redakteurin der Warschauer jüdischen Monatszeitschrift „Midrasz“ und Tochter von Holocaust-Überlebenden, beschreibt anhand ihres Lebensweges die Höhen und Tiefen der kleinen jüdischen Nachkriegsgemeinde in Polen, die auch in der Gegenwart immer wieder mit Anfeindungen zu kämpfen hat. Ihr ernüchterndes Fazit im Blick auf die Zukunft des polnischen Judentums lautet: „Wir sind einfach zu wenige, und die Demographie ist erbarmungslos.“
Interviews vermitteln sehr persönliche Sichtweisen über jüdisches Leben und Selbstverständnis – ein Beispiel: Jakob Finci, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Sarajewo; er beschreibt seinen Lebensweg und gibt einen Überblick über die Rolle der jüdischen Gemeinde in Bosnien-Herzegowina. Abgeschlossen wird das Heft mit einer Reportage von Stephan Ozsváth, Berlin, über das jüdische Leben in Budapest. Auch hier gilt: Das jüdische Leben blüht auf, doch auch die Geister der Vergangenheit sind ‑ noch oder wieder ‑ lebendig.
Die Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP) wird vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und von der Aktion Renovabis herausgegeben. OWEP kostet als Einzelexemplar 6,50 Euro. Die Zeitschrift kann telefonisch 08161/5309-71 oder per E-Mail: owep@renovabis.de angefordert werden. Ein Überblick über den Inhalt der aktuellen Ausgabe ist im Internet unter www.owep.de möglich. Außerdem sind dort zwei Beiträge im Volltext abgedruckt. Heft 2/2008 galt dem Thema „Selbstbilder – Fremdbilder“ und behandelte schwerpunktmäßig Identitäten in Europa.
