Versöhnung noch in weiter Ferne

Donnerstag, 07. August 2008

Weihbischof Pero Sudar fordert ein Ende der „ethnisch ungerechten“ Teilung von Bosnien und Herzegowina

SARAJEVO/FREISING. Sehr deutlich hat der Weihbischof im Erzbistum Sarajevo, Pero Sudar, eine Veränderung der politischen Verhältnisse in seiner Heimat Bosnien und Herzegowina angemahnt. Solange Vertreter der internationalen Staatengemeinschaft an der „ethnisch ungerechten“ Teilung und an der „Dominanz des Stärkeren über den Schwächeren“ festhielten, werde es keine Versöhnung unter den Bürgern und Völkern in Bosnien und Herzegowina geben, betont Sudar in einer Stellungnahme für das katholische Osteuropa-Hilfswerk Renovabis. Darin bewertet der Weihbischof die Folgen von Festnahme und Auslieferung des früheren bosnischen Serbenführers Radovan Karađžić für die Zukunft von Bosnien und Herzegowina. – Sudar ist als geistiger Vater der multi-ethnischen „Schulen für Europa“ seit 14 Jahren Projektpartner von Renovabis.

Vertrag von Dayton ist Hürde auf Weg zu wahrhaftem Frieden

In seinem Positionspapier geht der Weihbischof davon aus, dass die Verhaftung von Karađžić zumindest teilweise den Schmerz zehntausender Menschen mindern werde, die in Konzentrationslagern gefoltert wurden. Dasselbe gelte auch für die Hunderttausenden, die Familienangehörige in dem Bürgerkrieg verloren hätten, sowie für die vielen Vertriebenen. Unabhängig von ihrer Nationalität und politischen Einstellung sei für sie alle die Botschaft des Prozesses wichtig, dass niemand jemals Verbrechen durchführen könne, ohne dafür bestraft zu werden.

Allerdings befürchtet Sudar, dass das Verfahren gegen Karađžić ein grundlegendes Ziel verfehlen könne. Das sei der Fall, wenn der wegen Kriegsverbrechen Angeklagte zwar verurteilt werde, daraus jedoch keine Konsequenzen für die Zukunft Bosnien und Herzegowinas gezogen würden. Sudar spielt damit auf eine Änderung des Abkommens von Dayton an. In dem Vertrag sieht er eine „unüberwindbare Hürde“ auf dem Weg zu einem wahrhaften Frieden. Seiner Meinung nach reichen die Bemühungen positiver einheimischer Kräfte allein nicht aus, an der Rechtsform des Landes etwas zu ändern. Deshalb appelliert der Weihbischof an die internationale Staatengemeinschaft, das Dayton-Vertragswerk aus „moralischer Pflicht und politischer Weisheit“ zu korrigieren. Ansonsten vertiefe sich der Riss in der Bevölkerung weiter, so Sudar. Schon jetzt sei bei der Bekanntgabe der „guten Nachricht“ von der Festnahme Karađžićs diese gesellschaftliche Spaltung „schmerzhaft“ spürbar gewesen: „Und genau das brauchen wir am allerwenigsten.“ –

In seiner Heimat hat Weihbischof Pero Sudar (57) die Idee für das Projekt „Schulen für Europa“ entwickelt. Orthodoxe Serben, muslimische Bosnier und katholische Kroaten lernen in den Schulzentren, die mehrere Bildungseinrichtungen umfassen, Vorurteile abzubauen und sich gegenseitig zu respektieren. Mittlerweile gibt es Europa-Schulen in sechs Städten Bosnien und Herzegowinas. Bislang hat Renovabis das Projekt mit rund 4,2 Millionen Euro gefördert.