Zum Sex gezwungen – und dann?

Freitag, 07. März 2008

Fachtagung greift Schicksal der Opfer von Frauenhandel auf

WÜRZBURG. Ein stimmiges Konzept für die Opfer von Frauenhandel im deutschen Strafrecht vermisst der Jurist Michael Kilchling. Zwar habe es in der Strafprozessordnung manche Fortschritte gegeben, sagte Kilchling. Er verwies auf das Zeugenschutz-Gesetz von 1998 sowie das Opferrechtsreform-Gesetz aus dem Jahr 2004. Auch gebe es so etwas wie einen „privilegierten Opferanwalt“ und den Anspruch der Opfer auf Begleitung durch eine Vertrauensperson. Aber der „dogmatische Überbau“ des Strafrechts bedürfe dringend einer Revision, betonte der promovierte Jurist vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg. „Hier finden sich Relikte, die einem effektiven Opferschutz widersprechen“, so Kilchling. Problematisch sei außerdem, dass die Strafverfolgung teils massiv die Opfer selbst berühre, die als Zeugen aussagen. „Auch bei der Wiedergutmachung liegt Manches im Argen.“

Kilchling gehörte zu den circa 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern einer Veranstaltung am 6. März im Würzburger Kolping-Center Mainfranken. Die Tagung stand unter dem Thema „Zum Sex gezwungen – und dann…?! Wer hilft den Opfern von Frauenhandel?“ Kooperationspartner der Veranstaltung im Vorfeld des Weltfrauentags (8. März) waren das bayernweite „Aktionsbündnis gegen Frauenhandel“, die Hanns-Seidel-Stiftung, das Kolpingwerk und die Solidaritätsaktion Renovabis. Die Veranstaltung fand zum fünften Mal statt.

Laura aus Rumänien berichtet über ihren Leidensweg

Großen Eindruck auf die Tagungsteilnehmer machte die „Geschichte von Laura“. Die gebürtige Rumänin war Opfer von Frauenhändlern und schilderte die Stationen ihres Leidenswegs zwischen der Phase ihrer Zwangsprostitution und vielen Jahren eines durchlittenen Traumas. Sie hatte Glück – nicht nur, weil es ihr gelang, dem Teufelskreis von Frauenhandel und Zwangsprostitution zu entkommen. Laura wurde posttraumatisch behandelt. Einer ihrer Therapeuten, Bjoern Nolting von der LWL-Universitätsklinik in Dortmund, beschrieb die traumatischen Folgen der physischen und psychischen Grausamkeiten für die Opfer von Frauenhandel. Solche Erlebnisse führten häufig zu einer dauerhaften Erschütterung des Selbstverständnisses und zu einem Gefühl des vollständigen Kontrollverlusts, so Nolting. Bei Laura könne man aber von einem „Idealfall“ der Traumatherapie sprechen: Die Patientin habe ihre traumatischen Erinnerungen durch eine Behandlung erfolgreich überwunden.

Vertreterinnen von Opferschutz- und Beratungsorganisationen (SOLWODI, JADWIGA) wiesen darauf hin, dass keineswegs alle Opfer von Frauenhandel eine Chance wie Laura erhielten. Die optimale Betreuung und Behandlung der Opfer scheitere oft an finanziellen Problemen. Einig waren sie sich mit den anwesenden Juristen darin, dass eine intensive persönliche Begleitung der Opfer durch geschulte Betreuer gerade im Prozess der Strafverfolgung besonders wichtig sei.

Auf die „großen „Defizite“ an Wissen und Sensibilität in der Gesellschaft beim Thema Frauenhandel wies der Polizeipsychologe Professor Adolf Gallwitz von der Polizeihochschule Villingen-Schwennigen hin. Das Phänomen der Zwangsprostitution sei viel zu wenig bekannt oder werde nicht genügend ernst genommen. Gallwitz forderte „mehr Fachlichkeit und Menschlichkeit“ im polizeilichen Umgang mit den Opfern. Allerdings habe die psychologische Ausbildung der Polizisten hier in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht. Dennoch bräuchte es noch viel mehr Polizisten, Staatsanwälte und Richter, welche die Zeuginnen in den Prozessen „als Mensch und Opfer“ und nicht als Instrument der Beweisführung ansähen.

zu den Bildern:

Foto 1 (v.l.n.r.): Laura, die Journalistin Inge Bell, der Therapeut Dr. Bjoern Nolting von der LWL-Klinik Dortmund —-> herunterladen

Fachtagung gegen Frauenhandel Würzburg 2008

Foto 2: Laura —-> herunterladen

Fachtagung gegen Frauenhandel Würzburg 2008

„Mir kann niemand helfen. Damit muss ich allein fertigwerden.“ So denken viele Trauma-Opfer und das war auch Lauras Meinung, wenn es um ihre traumatischen Erlebnisse in der Vergangenheit ging.

Laura aus Rumänien arbeitete Ende der 90-er Jahre als Zwangsprostituierte in einem Bordell in Mazedonien, das KFOR-Soldaten besuchten. Die Soldaten, so Laura, waren zwar freundlich. Hilfe aber bekam die Frau, die in dem Bordell gefangen gehalten wurde, von ihnen nicht.

Laura konnte schließlich entkommen und ist mittlerweile seit sieben Jahren in Deutschland glücklich verheiratet. Die traumatischen Erlebnisse in der Zwangsprostitution machten ihr allerdings auch nach vielen Jahren ein normales Leben unmöglich. Fortdauernde schwere physische und psychische Beeinträchtigungen waren Grund genug für Laura, im vergangenen Jahr doch noch eine Traumatherapie zu beginnen - eine Entscheidung, die ihr Leben verändert hat. Die junge Frau wirkt heiter und gelöst, und sie hat es geschafft, mit ihrer Vergangenheit umzugehen. Nun möchte sie über ihr Schicksal und ihre erfolgreiche Therapie sprechen, um auch andere Frauen zu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Laura berichtete auf der Fachtagung „Zum Sex gezwungen und dann…? Wer hilft den Opfern von Frauenhandel?“ am 6. März im Kolping-Center Mainfranken in Würzburg (siehe angefügte Pressemitteilung). Unser Bild zeigt sie im Gespräch mit ihrem Therapeuten Dr. Björn Nolting von der LWL-Klinik Dortmund sowie mit der Journalistin Inge Bell. Ihrer Schilderung zollte das Publikum viel Respekt und Beifall.

Quelle: Renovabis