Zwischen Heldentum und Verrat
Montag, 22. Oktober 2007
Aktuelles Heft der Renovabis-Zeitschrift OWEP beschäftigt sich mit den „Schatten der Vergangenheit“ in Mittel- und Osteuropa
FREISING. Die Geschichte kennt keinen Schlussstrich. Dies gilt in Deutschland für die Nachwirkungen des Dritten Reichs ebenso wie für das kommunistische Regime der früheren DDR mit ihrem System der Staatssicherheit. Wenn sich die aktuelle Ausgabe der Renovabis-Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP) mit den „Schatten der Vergangenheit“ in Mittel- und Osteuropa befasst, geschieht dies vor dem Hintergrund der spezifischen Situation in Deutschland. Außerdem liegt ein Schwerpunkt auf der Rolle der Kirche.
Der Eröffnungsbeitrag wirft einen Blick auf den Umgang mit der Vergangenheit in Deutschland. Verfasserin ist Marianne Birthler, die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.
Zu welchen Folgen die Leugnung der Verstrickung in die Strukturen eines kommunistischen Systems führen kann, zeigen die Texte, die sich mit dem Selbstverständnis der katholischen Kirche in Polen auseinandersetzen. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit spielte sich im Januar 2007 das Drama des neuen Erzbischofs von Warschau Stanisław Wielgus ab, der kurz vor der Amtseinführung zurücktrat. Der Publizist Zbigniew Nosowski schildert die Hintergründe dieses spektakulären Ereignisses und entwirft zugleich ein Gesamtbild der aktuellen Auseinandersetzungen in Polen. Auf die innere Zerrissenheit des Klerus geht Józef Źyciński, Erzbischof von Lublin, ein. Sein Beitrag trägt den Titel „Kirche unter dem Kommunismus: zwischen Heldentum und Verrat“.
Staatssicherheit nahm massiv Einfluss
Anders als in Polen stellte sich die Situation in der Tschechoslowakei und in Kroatien dar, wie die Historiker Jiří Plachý und Vjekoslav Perica deutlich machen. In der Tschechoslowakei gab es in den 50er und 60er Jahren einen regelrechten Kirchenkampf, in dessen Folge sich eine Untergrundkirche bildete. Unter vielen Schwierigkeiten bestand die „offizielle“ Kirche fort, doch hat die Staatssicherheit massiv Einfluss genommen. In Jugoslawien festigte die katholische Kirche in Kroatien nach einer Phase der Unterdrückungen ihre Stellung und spielt seit der Unabhängigkeit des Staates eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist jedoch bis heute nicht erfolgt.
Des Weiteren geht der Historiker Nikolaj Mitrochin der Frage nach, wie sich die Russische Orthodoxe Kirche an ihre Geschichte in der Sowjetzeit erinnert. Der Publizist Taras Wosnjak schildert essayistisch die gegenwärtigen politischen Strukturen in der Ukraine. Die Situation der Bulgarischen Orthodoxen Kirche beschreibt die Religionswissenschaftlerin Daniela Kalkandjieva aus Sofia.
Abgeschlossen wird das Heft mit zwei weiteren Beiträgen aus dem südosteuropäischen Raum. Gesa Wicke, Stipendiatin des europäischen Studienkollegs in Berlin, schildert ihre Eindrücke von einer Reise durch Bosnien-Herzegowina Ende 2006. In einem Interview äußert sich der Rechtsanwalt Ivan Janković aus Belgrad zur Vergangenheitsbewältigung in Serbien.
Die Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP) wird von der Solidaritätsaktion Renovabis und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gemeinsam herausgegeben. Sie kostet als Einzelexemplar 6,50 Euro und kann per E-Mail owep@renovabis.de angefordert werden. Ein Überblick über den Inhalt des aktuellen Hefts ist unter www.owep.de möglich. Dort lassen sich ausgewählte Artikel im Volltext lesen. Außerdem sind dort alle Ausgaben von „OST-WEST“ aufgeführt.
