„Leistung von Familien gerecht vergüten“
Freitag, 01. September 2006
Theologin Elisabeth Jünemann sieht Funktion der Familie gestört – Internationaler Kongress Renovabis setzt Arbeit fort
FREISING. Für eine gerechte materielle Vergütung der „gesellschaftlich unverzichtbaren Leistung“ von Familien hat sich die Paderborner Theologin Elisabeth Jünemann ausgesprochen. Es fehle an Strukturen, die Personen für die Leistung in der Familie „freistellten“, betonte Jünemann. Außerdem mangele es an Anreizen für Eltern, sich Kompetenzen zum Führen einer Familie anzueignen. Die Professorin für Theologische Anthropologie und Theologische Ethik an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen war prominente Referentin am zweiten Tag des zehnten Internationalen Kongresses Renovabis in Freising. Ihr Vortrag stand unter dem Thema „Familie im Wandel. Neue Rollenbilder in der Gesellschaft“.
Jünemann führte die Schwierigkeiten der Familie und ihrer Mitglieder auf die sie umgebenden Gesellschaftssysteme zurück. Wörtlich sprach sie von „Konfliktpotential“, das „von außen“ komme. Dadurch würde die Funktion der Familie gestört. Als Beispiele nannte die Theologin die „Zumutung“ der Doppelrolle in Beruf und Familie seitens der Wirtschaft sowie die Unsicherheit des Arbeitsmarkts, durch die Männer und Frauen in der Elternrolle unter Druck gesetzt würden. Die Politik schließlich honoriere die Leistung von Familien ideell und materiell nur unzureichend. Derartige Belastungen würden die Familie jedoch von der Basis her irritieren und wirkten sich negativ auf die Rolle der Familie in der Gesellschaft, aber auch auf die Rollen der Personen innerhalb der Familien aus. Jünemann plädierte deshalb nachdrücklich dafür, strukturelle Bedingungen zu schaffen, die es ermöglichten, die Familie als Ganze „in Funktion“ zu halten sowie ihr „Funktionieren in Liebe“ zu sichern.
Noch bis Samstag (2. September) werden sich auf dem Domberg in Freising über 300 Teilnehmer aus 24 europäischen Ländern auf Einladung der Solidaritätsaktion Renovabis mit unterschiedlichen Aspekten von Familie auseinandersetzen. Der Jubiläumskongress steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Lebensform Familie – Zukunftsfrage für Europa“.
Familien vielerorts in Europa unter Druck
Bereits zum Auftakt des Kongresses war deutlich geworden, dass die traditionelle Lebensform Familie vielerorts in Europa herausgefordert oder sogar bedroht ist. Als Hauptursachen für diese Entwicklung wurden die Individualisierung und die Bedingungen moderner Erwerbsarbeit im Zuge der Globalisierung angeführt. Dies erkläre auch den Widerspruch zwischen der ungebrochen hohen Wertschätzung von Familie einerseits und ihrer Krisensituation andererseits, so die Diagnose. Auf diesem Hintergrund wurde der Ruf laut, Ehe und Familie von innen heraus zu erneuern. Christliche Familien sollten Vorbildfunktion übernehmen und den Beweis antreten, dass Leben in der Familie gelingen könne.
