Sand im Getriebe?

Donnerstag, 30. März 2006

Deutsch-polnisches Verhältnis war Thema im Berliner Kathedralforum St. Hedwig

BERLIN/FREISING. Der Dialog zwischen Polen und Deutschen stockt. Doch nicht nur das: Wenn beide Seiten miteinander reden, tauchen immer häufiger Positionen auf, die längst überwunden schienen. Aktuelles Beispiel: die Diskussion um das geplante „Zentrum gegen Vertreibungen“. Die bildlich gern beschworene „Brücke über die Gräben der Vergangenheit“ trägt jedenfalls immer weniger. Diese ernüchternde Bilanz zogen die Teilnehmer einer deutsch-polnischen Fachtagung im Kathedralforum St. Hedwig in Berlin. Zu der Veranstaltung mit dem Thema „Solidarność – Solidarität überschreitet Grenzen“ hatten das katholische Osteuropa-Hilfswerk Renovabis und die Europäische Konferenz „Justitia et Pax“ eingeladen.

Das Verhältnis der Nachbarländer Polen und Deutschland steht nach wie vor unter dem Eindruck der jüngeren Geschichte, speziell des Zweiten Weltkriegs, wie der Direktor der Kommission für Zeitgeschichte in Bonn, Karl-Joseph Hummel, deutlich machte. Er skizzierte die Umstände des Briefwechsels der katholischen Bischofskonferenzen beider Länder aus dem Jahr 1965, der bis heute als Meilenstein auf dem Weg der Verständigung zwischen Polen und Deutschen gilt. Hummel hob allerdings hervor, dass sich die Bedeutung dieser Geste erst richtig aus der heutigen Perspektive erschließe. Einen Wendepunkt im schwierigen Annäherungsprozess markiere die Verhängung des Kriegsrechts in Polen 1980, die in Deutschland eine beispiellose Welle der Solidarität auslöste. Dem hielt Krzysztof Ruchniewicz, Direktor des Willy-Brandt-Zentrums an der Universität Wrocław (Breslau), die Ergebnisse einer Umfrage unter polnischen Studierenden entgegen: Danach ist die damalige deutsche Hilfe unter jungen Polen so gut wie unbekannt. Doch auch auf deutscher Seite bestimmen Unkenntnis und Desinteresse das Bild Polens – eine Tatsache, die in der Diskussion bekräftigt wurde. Daran beteiligten sich auch die Sonderbeauftragte Botschafterin Polens für die deutsch-polnischen Beziehungen, Professor Irena Lipowicz aus Warschau, sowie Thomas Urban, Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ in Warschau. Dabei unterstrich Hummel, wie wichtig gerade Veranstaltungen dieser Art seien: „Sie bringen das Gespräch wieder in Gang.“

Fortgeführt wurde die Thematik der Fachtagung in einer öffentlichen Runde mit dem Titel „Polen und Deutsche – Europäische Nachbarn in einer Beziehungskrise?“ Neben Moderator Urban diskutierten Professor Lipowicz, Berlins Erzbischof, Kardinal Georg Sterzinsky, und Professor Dieter Bingen, Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt mit den anwesenden Zuhörern. Dabei widersprach Professor Lipowicz der Einschätzung, es befinde sich „Sand im Getriebe der deutsch-polnischen Nachbarschaft“. Polen und Deutsche seien nicht mehr nur Nachbarn, sondern gehörten seit 2004 einer Familie an: „Und dort kann es nun einmal kriseln.“ Kardinal Sterzinsky und Professor Lipowicz erläuterten ferner, warum sie Pläne für ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ ablehnen. Beide befürchten Missbrauch und eine verzerrte Darstellung historischer Tatsachen. Professor Bingen forderte Polen und Deutsche auf, zu einem sachlichen Dialog zurückzukehren – auch wenn dies derzeit schwierig scheine. Mit Blick auf das augenblickliche Stimmungstief sprach Kardinal Sterzinsky von „Wunden, die verheilt sind, deren Narben aber noch schmerzen“. Es liege nun an allen Beteiligten, dafür zu sorgen, „dass diese Wunden nicht erneut aufbrechen“.