„Neuer Reichtum – neue Armut“
Freitag, 02. September 2005
Renovabis-Kongress beleuchtet Entwicklungen im Osten Europas
Die sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen seit der Wende der Jahre 1989/90 in Mittel- und Osteuropa stehen im Mittelpunkt des 9. Internationalen Renovabis-Kongresses vom 1. bis 3. September in Freising. Rund 350 Teilnehmer aus 23 Ländern, davon etwa die Hälfte aus Osteuropa, waren der Einladung in die Domstadt gefolgt. In seiner Rede zur Eröffnung des Kongresses betonte der Bamberger Erzbischof und Renovabis-Aktionsausschussvorsitzende Ludwig Schick, dass von der Zukunft unserer östlichen Nachbarstaaten auch unsere Zukunft in Westeuropa und die Zukunft ganz Europas abhänge. Wieviel jedoch in Mittel- und Osteuropa in den letzten Jahren geschehen sei, habe er gerade bei einer Reise durch Polen und Tschechien erfahren. Der ehemalige „Ostblock“ habe sich völlig verändert. Es sei „nicht nur neuer, sondern auch guter Reichtum festzustellen, aber auch neue und schlechte Armut zu spüren“. So gebe es in einigen Ländern eine hohe Arbeitslosigkeit, gerade unter jungen Menschen. Es gebe arme Alte, „die sich im alten System nichts erwerben konnten, deshalb haben sie im neuen System nichts.“ Die rasante Dynamik in den osteuropäischen Ländern habe so auch ihre Schattenseiten. Soziale Bindungen seien schwächer geworden. Geld, Reichtum, Selbstverwirklichung, hohe Mobilität und Flexibilität hätten mitunter aus dem Blick geraten lassen, dass bei allen sozialen Umbrüchen „der Mensch im Mittelpunkt stehen muss“.
Irena Lipowicz, Sonderbeauftragte Botschafterin Polens für die Polnisch-Deutsche Zusammenarbeit, bilanzierte für ihr Land, dass binnen eines Jahres der EU-Beitritt „praktisch ferne Vergangenheit“, das heißt „selbstverständlich“ geworden sei. Schon die Erfüllung der EU-Beitrittskriterien habe heilsame Strukturreformen nötig gemacht, bei denen man manchen westlichen Ländern heute voraus sei, andererseits teile Polen jetzt aber auch zahlreiche Sorgen mit den Westeuropäern, beispielsweise die hohe Arbeitslosigkeit. Und regional gebe es erhebliche soziale und wirtschaftliche Unterschiede, so etwa ein großes Gefälle zwischen West- und Ostpolen.
Der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel hob hervor, die Geschichte der Europäischen Gemeinschaft sei letztlich „eine einzige Erfolgsgeschichte“. Die Wende in Europa 1989/90 bezeichnete er als einen „Glücksfall der Geschichte“, für den gerade die polnische Gewerkschaft Solidarnosc 1980 „die Grundlage gelegt habe“. Nun müsse Europa aber wieder „vom Kopf auf die Füße gestellt werden“. Die EU werde in West und Ost zunehmend als zentralistisch erfahren und müsse wieder stärker von den Bürgern her, „von unten nach oben gedacht werden“.
