„Zwangsprostitution ist kein Kavaliersdelikt“

Donnerstag, 09. März 2006

Bei Fachtagung zum Thema Frauenhandel stand Rolle der Männer im Mittelpunkt

AUGSBURG/FREISING. Als einen vollen Erfolg hat Renovabis-Geschäftsführer Burkhard Haneke den Verlauf der Fachtagung „Männersache Frauenhandel“ am diesjährigen Weltfrauentag (8. März) bewertet. Die breite öffentliche Aufmerksamkeit und die zahlreichen Teilnehmer an der Veranstaltung im Kolpinghaus Augsburg hätten erfreulicherweise deutlich gemacht, dass Menschenhandel und Zwangsprostitution nicht länger gesellschaftliche Tabu-Themen seien. Durch jahrelange Kampagnenarbeit sei es gelungen, das öffentliche Bewusstsein für diese moderne Form des Sklavenhandels zu sensibilisieren, so Haneke.

Bei der Fachtagung war die entscheidende Rolle von Männern bei Prostitution und Menschenhandel von Fachleuten aus Politik und Gesellschaft, Wissenschaft und Justiz diskutiert worden. Dabei hatte sich die bayerische Justizministerin Beate Merk dafür ausgesprochen, „Null Toleranz“ gegenüber skrupellosen Freiern zu üben, welche die Situation von Zwangsprostituierten schamlos ausnutzten. Sie unterstrich die Forderung der bayerischen Staatsregierung, das Strafrecht in diesem Sinne zu verschärfen. „Erst die Nachfrage schafft den Markt für skrupellose Menschenhändler“, so Merk.

Der Strafrechtler Professor Joachim Renzikowski von der Universität Halle sprach sich in diesem Zusammenhang für mehr Opferhilfe aus. Die Kriminalpolitik verkomme zu einem bloßen Alibi, wenn man den Opfern nicht wirklich helfe, betonte Renzikowski. Der Strafrechtler erinnerte an die Europaratskonvention Nummer 197, die ein humanitäres Aufenthaltsrecht für die Opfer von Menschenhandel vorsieht. In Italien etwa wird dieses schon seit 1998 umgesetzt. In Deutschland aber, so Renzikowski weiter, folge der ersten Instrumentalisierung der Opfer durch die Zuhälter und die Freier die zweite durch den Staat: Habe ein Opfer im Strafverfahren seine Schuldigkeit als Zeugin getan, so könne es getrost nach Hause gehen – „und das heißt zurück in das Elend, das es in die Zwangsprostitution getrieben hat“.

Einig waren sich alle Teilnehmer darin, die bisherige Aufklärungs- und Kampagnenarbeit weiter voranzutreiben. Zwangsprostitution und Menschenhandel seien entgegen landläufiger Meinung eben nicht ausschließlich Frauenthemen, sondern hier trügen alle und speziell die Männer Verantwortung, sagte der Hauptgeschäftsführer der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Rosowski. Er plädierte für eine „Aufklärung ohne Moralin“ unter Freiern an den Schnittstellen des Milieus. Freier hätten die Wahl und könnten bei entsprechender Aufklärung und durch Aktionen dazu gebracht werden, sich verantwortungsbewusst zu verhalten. Bereits zum Auftakt der Tagung hatte die Journalistin Inge Bell deutlich gemacht: „Zwangsprostitution ist kein Kavaliersdelikt!“

Zu der Tagung hatten das „Aktionsbündnis gegen Frauenhandel“, das katholische Osteuropa-Hilfswerk Renovabis, die Münchner Hanns-Seidel-Stiftung und das Kolpingwerk Bayern gemeinsam eingeladen. Dem Aktionsbündnis gehören mittlerweile 20 Organisationen, Verbände und Beratungsstellen aus dem bayerischen Raum - vorwiegend aus dem kirchlichen Bereich - an. Die Landtagsabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Professor Ursula Männle, würdigte dieses breite gesellschaftliche Bündnis. Der Einsatz der darin zusammengeschlossenen Partner habe sich „ausgezahlt“. Es sei so etwas wie ein Netzwerk entstanden. Die Augsburger Fachtagung war bereits die dritte ihrer Art.

www.gegenfrauenhandel.de