Dayton darf nicht das letzte Wort sein
Freitag, 18. November 2005
Freising. Zehn Jahre nach dem Friedensabkommen für Bosnien-Herzegowina, das am 21. November 1995 in Dayton/Ohio geschlossen wurde, braucht das Land dringend neue Perspektiven für seine Weiterentwicklung. Das betont Pater Dietger Demuth, Hauptgeschäftsführer von Renovabis, angesichts der nach wie vor schwierigen Situation in dem Vielvölkerstaat. In Bosnien-Herzegowina seien die Spuren des Bosnien-Krieges (1992 – 1995) noch nicht beseitigt, ethnische Diskriminierung gebe es weiterhin in allen Landesteilen und die Rückkehr von Hunderttausenden Flüchtlingen in ihre Heimatorte sei noch längst nicht beendet.
Man müsse aber auch fragen, ob der Dayton-Vertrag nicht Strukturen festschreibe, die eine positive Entwicklung des Gesamtstaates erschweren. Demuth spricht dem Friedensabkommen, mit dem die brutalen Kriegshandlungen und sogenannten „ethnischen Säuberungen“ beendet wurden, seine Bedeutung nicht ab. Die dadurch aber faktisch vollzogene Teilung des Landes, in dem jeder Teil seine eigenen Institutionen habe und es auf relativ engem Raum rund 150 Minister gebe, führe zu höchst komplizierten Strukturen in Politik und Verwaltung. „Dies wiederum behindert die wirtschaftliche Erholung Bosnien-Herzegowinas“, so Demuth wörtlich. „Die internationale Staatengemeinschaft muss Wege finden, um mittelfristig einen wirklichen Gesamtstaat mit starken gemeinsamen Strukturen, Institutionen und Rechtssystemen zu schaffen.“
Der Hauptgeschäftsführer von Renovabis verweist aber auch auf die Möglichkeiten der Kirchen im Lande, Räume der Verständigung für die verschiedenen Ethnien und Glaubensgemeinschaften zu schaffen. Seien die Religionsgemeinschaften während des Bosnien-Krieges noch stark für nationalistische Interessen instrumentalisiert worden, so könnten sie heute „Agenten der Versöhnung“ zwischen den ethnischen Gruppen sein. Renovabis unterstützt daher gezielt solche Projekte, die zu Begegnung und Austausch der Ethnien sowie zum Abbau von Vorurteilen beitragen, wie etwa die inzwischen dreizehn „Schulen für Europa“ im Erzbistum Sarajevo. In diesen Schulen werden seit 1994 Kinder der kroatischen, der serbischen und der bosniakischen Volksgruppe gemeinsam unterrichtet.
