Ein neuer „Koloss auf tönernen Füßen“?

Dienstag, 31. Mai 2005

Zeitschrift "OST-WEST" zu Russland als „Herausforderung für Europa“

FREISING/MAINZ (lu). Als schwierige Situation einer Großmacht, vergleichbar mit dem „Koloss auf tönernen Füßen“, also dem Osmanischen Reich im frühen 20. Jahrhundert, beschreiben Autoren des aktuellen Heftes der Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ die Lage Russlands. Diese Zeitschrift wird gemeinsam von der Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa, Renovabis, und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) herausgegeben. Und die Redaktion widmet die aktuelle Ausgabe dem Themenschwerpunkt „Russland – eine Herausforderung für Europa“.

Militärisch spiele Russland aufgrund der Atomwaffen zwar noch in der Ersten Liga der Weltmächte, politisch und wirtschaftlich aber gelte der riesige Flächenstaat auf dem euro-asiatischen Festland „gewiss nicht“ als „starke Macht“. So beurteilt Prof. Hans-Henning Schroeder von der Universität Bremen die Lage des Nachfolgestaats der Sowjetunion und folgert daraus: Russland muss sich nach Partnern umsehen. Und Europa ist für den Osteuropa-Historiker jedenfalls einer, mit dem die Zusammenarbeit in sicherheits- und außenpolitischen Fragen derzeit sehr gut funktioniert – trotz noch bestehender Vorbehalte. Peter Wittschorek, der als Berater für den Aufbau der Zivilgesellschaft in der Ukraine arbeitet, konstatiert Russland als „besondere Herausforderung für Europa“ und zwar aufgrund der „eigentümlichen fernen Nachbarschaft“. Diese macht sich für den ehemaligen Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung nicht zuletzt in der kulturellen Orientierung der Mehrheit der russischen Bevölkerung nach Europa, aber in der wirtschaftlichen Anbindung an Asien fest.

Das Verhältnis zwischen römisch-katholischer und russisch-orthodoxer Kirche greifen Dr. Johannes Oeldemann vom Johann-Adam-Möhler-Institut in Paderborn und der katholische Erzbischof von Lublin, Dr. Józef Życiński, auf. Vielfältige Ursachen für die Spannungen, die sich im Umfeld der Errichtung von vier katholischen Diözesen im „Krisenjahr“ 2002 ergaben, macht Oeldemann aus. Einen Weg zu einer gelingenden Kooperation der Schwesterkirchen sieht er dann, wenn der Dialog zwischen beiden Kirchen verstärkt unter den Prämissen der „Liebe gegenüber dem Gesprächspartner“ sowie der Offenheit erfolgt, die eigenen Handlungen kritisch zu hinterfragen. Erzbischof Życiński votiert dafür, dass im Verhältnis zwischen den beiden christlichen Kirchen das Evangelium höher rangieren müsse als die Theorie des kanonischen Territoriums. Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen katholischer und orthodoxer Kirche zeigt der russisch-orthodoxe Bischof Dr. Hilarion Alfeyev auf. Beide Kirchen müssen sich auf dem Weg zu einem Europa dafür einsetzen, dass sie die Möglichkeit haben, ihrem Missionsauftrag gerecht zu werden. Diese Chance sieht er angesichts des „postchristlichen Humanismus“ in Europa empfindlich bedroht. Bischof Hilarion wörtlich: „Militanter Säkularismus kann für die Religion ebenso gefährlich sein wie militanter Atheismus.“

Eine interessante Ergänzung zur aktuellen Diskussion um die Vergabe von Visa in der Ukraine liefert ein Interview mit Andrij Waskowycz, dem Leiter der Caritas Ukraine. Dieser befürwortet eine liberalere Vergabepraxis für Visa und vor allem auch, dass in dem rund 603.000 Quadratkilometer großen Staat südlich Russlands mehr Konsularabteilungen eingerichtet werden, damit Reisewillige nicht unter Umständen 3600 Kilometer zurücklegen, mehrere Tage Urlaub nehmen sowie Reise- und Aufenthaltskosten aufbringen müssen, um ein Visum für Deutschland zu erhalten.

Kurzinfo OWEP

Die Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP) wird gemeinsam von Renovabis und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) herausgegeben und erscheint vierteljährlich mit einem neuen Themenschwerpunkt. OWEP kostet als Einzelexemplar 6,50 Euro. Die Zeitschrift kann telefonisch 08161/5309-71, per E-Mail: owep@renovabis.de oder über die Internetseite der Zeitschrift www.owep.de angefordert werden.
Auf der Internetseite haben Sie die Möglichkeit, gezielt einzelne Hefte zu bestellen oder ein Abo einzurichten. Außerdem gibt es aus jedem Heft zwei Artikel im Volltext zu lesen.