Auf der Suche nach eigener Identität – ohne Rücksicht auf Anrainerstaaten?

Donnerstag, 09. Dezember 2004

Zeitschrift "OST-WEST" zu „schwierigen Nachbarschaften“ – Deutsche, Polen und Tschechen, Kroaten und Slowenen, …

FREISING/MAINZ (lu). Diejenigen europäischen Staaten, die in ihrer Substanz vom Fall des „Eisernen Vorhangs“ betroffen sind, beschreiten derzeit den schwierigen Weg, eine eigene Identität zu finden. Dazu arbeiten sie die eigene Vergangenheit auf. Dies geschieht, wie die jüngste Ausgabe der Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ zeigt, meist ohne Rücksicht auf die Nachbarvölker – aber nicht ohne Auswirkungen. Auf „schwierige Nachbarschaften“ konzentriert die Redaktion der Zeitschrift, die gemeinsam von der Solidaritätsaktion Renovabis und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken herausgegeben wird, die Beiträge im aktuellen Heft. Beispiele liefern dafür das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen sowie zwischen Tschechen und Deutschen. Das Heft 04/2004 zeigt auf der Basis der Analyse dieser Konflikte viele neue Handlungsfelder für ein gelingendes Europa auf.

Mit dem Bild von einem „Kollaps“ etwa beschreibt der polnische Journalist Wojciech Pięciak die derzeitigen Beziehungen zwischen Deutschen und Polen. Und diese Sicht teilt im Kern auch die deutsche Wissenschaftlerin Katrin Steffen – freilich mit unterschiedlichen Nuancen. Die Suche nach der eigenen Identität der beiden Völker schlägt sich in Konfliktfeldern wie den Plänen für ein „Zentrum für Vertreibungen“ ebenso nieder wie in der Rolle der beiden Staaten im Irak-Krieg und bei der Debatte über die Europäische Verfassung. Den Hintergrund der aktuellen Ereignisse liefert jedoch die gemeinsame Geschichte der beiden Völker, die im Lauf der letzten beiden Jahrhunderte starken Belastungen ausgesetzt war. Die Frage „Wer sind wir?“ werfen auch die Deutschen und die Tschechen mit Blick auf den jeweils anderen neu auf. Angehörige beider Völker wurden, wie die Beiträge von Tomáš Kafka, dem Geschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, und dem Münchner Osteuropa-Historiker Prof. Martin Schulze Wessel belegen, zu verschiedenen Zeiten und in voneinander abweichenden Formen Opfer von staatlichen Zwangsmaßnahmen des jeweils anderen, nicht zuletzt Opfer von Vertreibungen.

Die Identitätssuche, so Natalija Bolschakowa, kann auch Verstimmungen innerhalb eines Landes verursachen: In Lettland macht die Vorsitzende der Alexander-Men-Stiftung ein großes Defizit an Demokratie aus. 1990 hätten sich Letten, Polen, Ukrainer, Juden und Russen noch als ein Volk zusammengefunden, um unabhängig zu werden. Heute gerierten sich die Letten gegenüber den Russen als „Besatzer“ gerieren. Einem Drittel der Bevölkerung, u.a. den Russen, würden Bürgerrechte vorenthalten. Dass Grenzstreitigkeiten zwischen Kroatien und Slowenien anno 2004 – trotz gemeinsamer politischer und wirtschaftlicher Interessen - noch zu politischen Auseinandersetzungen führen kann, lässt sich dem Beitrag von Prof. Silvo Devetak von der Universität Maribor entnehmen.

OST-WEST. Europäische Perspektiven 4/2004 (hg. von Renovabis und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken), Matthias-Grünewald-Verlag, 80 Seiten, Bezugspreis 6,15 Euro pro Heft (Jahresabonnement 18,40 Euro).

TIPP: Auf der Homepage der Zeitschrift OWEP haben Sie die Möglichkeit, zwei Artikel des aktuellen Heftes im Volltext zu lesen. http://www.owep.de