Nur direkte Begegnungen bauen Ängste zwischen den Völkern beiderseits der Oder ab
Freitag, 03. Dezember 2004
Präsidentin der polnischen Robert-Schuman-Stiftung
FREISING/WARSCHAU (lu). Allein mit Hilfe von vielen persönlichen Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlichen Alters aus Deutschland und Polen wird es gelingen, dass gegenseitige Vorurteile abgebaut werden. Diese Position vertrat die Präsidentin der Polnischen Robert-Schuman-Stiftung, Róza Gräfin Thun, beim Osteuropa-Hilfswerk Renovabis in Freising. Als Vorbild, dass man Aversionen und Feindschaften erfolgreich abbauen kann, nannte die Vorsitzende der polnischen Nichtregierungsorganisation (NGO) das Deutsch-Französische Jugendwerk.
Die Regressforderungen, die von bestimmten Gruppen in beiden Nachbarstaaten jüngst wieder erhoben worden sind, und die Diskussion um ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ hätten in den Staaten beiderseits der Oder neue Ängste aufkommen lassen. Diese könnten zwar die Versöhnungsarbeit der vergangenen Jahrzehnte zurückwerfen, aber nicht grundsätzlich gefährden, betonte Róza Thun. Zur konstruktiven Aufarbeitung der Vergangenheit zwischen Deutschen und Polen habe die katholische Kirche seit dem Austausch von Versöhnungsbotschaften zwischen den Bischofskonferenzen einen wichtigen Beitrag geleistet.
Ziel ist es für Róza Gräfin Thun, dass sich in Zukunft Deutsche ebenso selbstverständlich ihre Erfahrungen mit der Vertreibung wie auch Polen ihre mit der NS-Diktatur gegenseitig erzählen können. Dazu müssten sie sich in gemischten Gruppen und Gremien mit der eigenen Geschichte auseinander setzen, aber auch an gemeinsamen Zukunftsprojekten arbeiten, zeigte die NGO-Chefin einen Weg, damit die Angehörigen der beiden Völker die Erfahrungen und Ängste des Gegenübers erkennen und beim eigenen Denken und Handeln auch berücksichtigen. Das gemeinsame Dach der Europäischen Union könne zusätzlich als einigende Klammer zwischen den Menschen in den beiden Nachbarstaaten wirken.
Den Weg in die EU hat Polen nach der Einschätzung von Róza Gräfin Thun bisher mit Bravour gemeistert. Entgegen der Vorbehalte, die in Polen vor dem Referendum zum EU-Beitritt bestanden haben, setze sich nach der Aufnahme des Staates mit seinen rund 38 Millionen Einwohnern in die Europäische Union der positive wirtschaftliche Trend fort – begünstigt durch zu erwartende Subventionen der EU. So erfüllen mittlerweile rund 85 Prozent der Landwirte in ihrer Heimat die Voraussetzungen für eine Förderung durch Brüssel. Es sei auch gelungen, sich für die Anforderungen zu rüsten, aus dem Strukturfonds Subventionen zu erhalten.
Zur Lage in Polens Nachbarland Ukraine bezog die Präsidentin der polnischen NGO Stellung. Róza Gräfin Thun, die aus Sympathie zur Opposition einen orange-farbenen Schal trug, will, dass es den Ukrainern gelingt, zur Freiheit jenseits des sowjetischen Einflusses zu gelangen. Viele Polen, so die Gräfin, seien nach Kiew gefahren, um Solidarität mit der ukrainischen Opposition zu praktizieren.
