Nur Neuwahlen bringen Ausweg - Teilung unwahrscheinlich
Mittwoch, 01. Dezember 2004
Katholischer Weihbischof von Kiew zur politischen Lage in der Ukraine
FREISING/KIEW (lu). Nur mit Hilfe von Neuwahlen unter internationaler Aufsicht kann die Gesellschaft in der Ukraine einen erfolgreichen Weg in eine wirklich demokratische Zukunft beschreiten, unterstrich der römisch-katholische Weihbischof der Diözese Kiew-Zhytomir, Stanislaw Szyrokoradiuk, heute bei einem Besuch der Geschäftsstelle des Osteuropa-Hilfswerks Renovabis in Freising.
Auf dem Weg zu einer stabilen Demokratie stellt, so der kirchliche Würdenträger, der friedliche Protest gegen die gefälschten Ergebnisse der Stichwahl vom 21. November zwischen Ministerpräsident Janukowitsch und Oppositionsführer Juschtschenko eine echte demokratische Erneuerung dar. Damit habe die Bevölkerung die „erste Revolution“ von 1991, die er als eine „Revolution von oben“ beschrieb, zu einer echten „Revolution von unten“ gegen das frühere System ausgeweitet. „Ein Zurück zum alten System gibt es nicht!“, so der Weihbischof - auch unter Hinweis auf den Einfluss aus dem Ausland.
Zur Rolle der katholischen Kirche beim Umbruch im November 2004 betonte der Weihbischof: „Unsere Kirchen sind ganztags geöffnet, die Caritas Spes unterstützt die Demonstranten humanitär durch die Ausgabe von heißen Getränken, Essen und warmer Kleidung“. Vor den Wahlen haben sich die Kirchen jeder politischen Einflussnahme enthalten, aber nach der Wahl haben die Kirchenführer im Lande, darunter die der katholischen Kirche, bereits am 23. November 2004 die Unregelmäßigkeiten der Wahl beanstandet.
Als mutig stufte der Weihbischof von Kiew die Entscheidung des Ukrainischen Parlaments in den jüngsten Tagen ein, das von der Zentralen Wahlkommission verkündete Wahlergebnis nicht anzuerkennen und damit einer Prüfung durch das Oberste Gericht seines Landes den Boden zu bereiten.
Eine Teilung des Landes, bei der die östlichen Gebiete um Charkiv, Donezk und Lugansk ihre eigenen Wege und zwar mit dem Ziel des Anschlusses an Russland gehen, befürchtet der Weihbischof auch im Fall eines Wahlsieges von Viktor Juschtschenko nicht: „Zwar ist alles möglich, aber eine Spaltung des Landes doch eher unwahrscheinlich“. Lediglich die Propaganda aus dem Umfeld des derzeitigen Ministerpräsidenten Janukowitsch habe das Vorurteil aufkommen lassen, dass Oppositionsführer Juschtschenko einseitig einen Schulterschluss nach Westen suche. Für Stanislaw Szyrokoradiuk steht fest, dass Juschtschenko einen Weg des Ausgleichs zwischen dem westlichen und dem östlichen Landesteil sowie zwischen West- und Osteuropa einschlagen werde.
