Stabile Brücken zwischen den Christen in Europa bauen
Donnerstag, 18. November 2004
Renovabis ruft zu neuen Partnerschaften mit Mittel- und Osteuropa auf - Interview mit Dr. Gerhard Albert
FREISING (lu). Die nachdrückliche Bitte, partnerschaftliche Beziehungen zu Pfarreien und Gruppen in den Ländern Mittel- und Osteuropas ins Leben zu rufen, hat Renovabis-Geschäftsführer Dr. Gerhard Albert nun in einem Interview geäußert. In einem Gespräch erläutert der stellvertretende Leiter der Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa, seinen Vorstoß und seine Beweggründe zu diesem.
Herr Dr. Albert, Sie haben einen Appell an die kirchlichen Gemeinden, Verbände und Initiativen gerichtet, neue Partnerschaften mit Pfarreien und Gruppen in Mittel- und Osteuropa ins Leben zu rufen. Warum?
Dr. Gerhard Albert: Diese Partnerschaften stellen menschliche Brücken zwischen den Gesellschaften in West-, Mittel- und Osteuropa dar. Sie sind Wege, um nachhaltig die alten Gräben und Grenzen auf dem Kontinent zu überwinden. Menschen lernen bei gegenseitigen Besuchen, die nicht selten vorhandene Fremdheit zu überwinden und Interesse am „Gegenüber“ zu entwickeln. An die Stelle von vielfach verbreiteten Klischees tritt die Erfahrung der persönlichen Begegnung. Unsere Nachbarn in Europa bekommen einen Namen und ein Gesicht, sie werden zu Nächsten und nicht selten zu Freunden. In Zeiten, in denen überwunden geglaubte nationale Egoismen wieder Boden gewinnen, werden Menschen, die sich in den von der Kraft des gemeinsamen Glaubens getragenen Partnerschaften begegnen, zu Botschaftern der Verständigung und Versöhnung.
Warum haben Sie ausgerechnet im Jahr 2004 diese Initiative gestartet?
Dr. Gerhard Albert: Die Öffnung der Mauer zwischen beiden deutschen Staaten im November 1989 hat den Deutschen unerwartet neue Perspektiven der Einheit in Freiheit und Demokratie beschert, letztlich Grund genug für die Deutsche Bischofskonferenz auf eine Initiative des Zentralkomitees der deutschen Katholiken hin die Solidaritätsaktion Renovabis ins Leben zu rufen. Wir dürfen heute dankbar sein, das wir seit 1993 aufgrund von Spenden, Kirchensteuermitteln und Zuschüssen der öffentlichen Hand rund 300 Millionen Euro in über 11.000 sozial-caritative, religiös-pastorale und zivilgesellschaftliche Projekte in den Staaten des ehemaligen „Ostblocks“ investieren konnten. Aber die Bedeutung der Partnerschaftsarbeit darf dabei nicht vergessen werden. Aus ihr erwachsen nämlich die menschlichen Brücken für eine gemeinsame Zukunft, in der aus Nachbarn Nächste werden, die füreinander einzustehen bereit sind.
Gibt es weitere Gründe für ihren Vorstoß?
Dr. Gerhard Albert: 15 Jahre nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs hat sich ein Stück Alltag im Verhältnis zwischen den Bewohnern der benachbarten Länder eingestellt, bisweilen lässt sich sogar von einem „Nebeneinander“ und unter wirtschaftlichen Aspekten bisweilen sogar von einem „Gegeneinander“ sprechen. Bei vielen Menschen, die unmittelbar nach dem Fall der Mauer humanitäre Hilfe zugunsten der Menschen in Mittel- und Osteuropa geleistet haben, ist das Engagement dazu unterdessen erlahmt. Gerade die sogenannte Osterweiterung der Europäischen Union hat den Eindruck entstehen lassen, dass eine Hilfe für die Menschen dort nicht mehr nötig sei. Auch die Partnerschaftsarbeit leidet unter dieser Großwetterlage. Doch sowohl die Hilfe – bisweilen in differenzierterer Form - ist weiterhin gefragt, vor allem aber sind der Aufbau und die Pflege von Partnerschaften nötig.
Welche Formen der Partnerschaftsgruppen gibt es gegenwärtig im kirchlichen Raum?
Dr. Gerhard Albert: Die Schwerpunkte und Ziele der Partnerschaftsarbeit vor Ort sind höchst unterschiedlich. Um nur wenige Beispiele zu nennen, die für Hunderte anderer stehen: Lebendige Partnerschaften bestehen etwa zwischen den katholischen Pfarreien in Ladbergen (Diözese Münster) und in Klezna in Montenegro, zwischen St. Albert in Freiburg und St. Maria-Königin der Märtyrer in Elektrenai in Litauen sowie zwischen St. Bartholomäus in Volkach und der katholischen Pfarrei in Teplice-Thurn in Tschechien. Hier geht es vor allem um die Begegnung zwischen Gemeindemitgliedern und die Erfahrung mit dem religiösen Alltag in der Partnergemeinde. Auch humanitäre Hilfe wird geleistet. Im oberhessischen Marburg etwa organisiert ein Malteser-Ortsverband die Lieferung von Hilfsgütern in ehemalige Kriegsgebiete in Bosnien-Herzegowina, wo noch heute die Mehrzahl der Menschen unter den Folgen von Gewalt und Vertreibung leidet. Christen aus der Pfarrei St. Antonius in Rheine unterstützen bis heute Menschen in Litauen, die bei mit tiefgreifenden Veränderungen der nachsowjetischen Ära nicht mithalten konnten und sich nun an den Rand gedrängt sehen, mit Kleidung und Medikamenten.
Gibt es über die pfarrliche und humanitäre Partnerschaftsarbeit hinaus weitere Formen der Beziehungen zwischen Menschen in West- und Osteuropa?
Dr. Gerhard Albert: Selbstverständlich, so können auch die Begegnung zwischen Jugendlichen und der Austausch zwischen diesen im Mittelpunkt der Beziehungen über die Grenzen hinweg stehen. In nahezu allen deutschen Diözesen gibt es Partnerschaften dieser Art, die im Zeichen des bevorstehenden Weltjugendtages 2005 in Köln jetzt neu bewähren. Da lassen sich zum Beispiel die Kontakte zwischen dem BDKJ im Bistum Regensburg und der katholischen Jugend in der tschechischen Diözese Plzen-Pilsen nennen. Als Beispiele möchte ich auch die Begegnungs- und Versöhnungsarbeit in dem Jugendhaus Hardehausen bei Warburg zwischen jungen Menschen aus der Erzdiözese Paderborn und Bosnien ansprechen. Unter dem Vorzeichen der „Lilie“ der Pfadfinder begegnen sich Jugendliche aus der Region Soest-Hamm in der Erzdiözese Paderborn mit denen aus dem polnischen Bezirk Ostrów Wielkopolski.
Wo sehen Sie den besonderen Wert der kirchlichen Partnerschaften?
Dr. Gerhard Albert: Für uns Katholiken in Deutschland gehen von der Glaubensfreude und dem großen Engagement vieler Christen für den Glauben und die Kirche, die vielerorts in den Ländern Mittel- und Osteuropas gelebt werden, vielfältige Impulse aus. Es beeindruckt, dass ausgerechnet in Staaten, in denen die sozialistischen Funktionäre das „Ende des Christentums“ propagiert hatten, der Glaube vielerorts kraftvoll gewachsen ist und inmitten von Säkularisierung und Wertewandel neue Frucht hervorbringt. Und wir lernen durch den Dialog mit den christlichen Kirchen des Ostens den Reichtum ihrer Liturgie und Spiritualität kennen, von dem wir uns beschenken lassen können.
Welche Rolle messen Sie den Partnerschaftsgruppen speziell im Prozess des zusammenwachsenden Europas zu?
Dr. Gerhard Albert: Die Partnerschaftsgruppen können gleichsam ein zivilgesellschaftliches Netz für das zusammenwachsende Europa knüpfen, ihre Mitglieder bilden ein lebendiges und buntes Band einer europäischen Gesellschaft und lassen im Zusammenwirken wieder das Christentum als einigende Klammer Europas sichtbar werden.
Welche Rolle kann Renovabis bei Partnerschaften zwischen Gemeinden und Gruppen in West-, Mittel- und Osteuropa spielen?
Dr. Gerhard Albert: In den elf Jahren des Bestehens von Renovabis ist es uns gelungen, rund 200 Partnerschaften unmittelbar zu initiieren. Außerdem begleitet unsere Geschäftsstelle die Arbeit von rund 1800 weiteren Beziehungen zwischen Gemeinden und Initiativen in Deutschland sowie in Partnerländern jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Wir möchten gern auch in Zukunft den Jugendlichen und Erwachsenen in unseren Gemeinden und Verbänden helfen, Beziehungen zu Pfarreien und Gruppen in Mittel- und Osteuropa aufzubauen und sie auf dem weiteren Weg bei Treffen, beim Gedanken- und Erfahrungsaustausch und bei gemeinsamen Projekten zu begleiten.
Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Glück bei Ihrem Bemühen.
