„Junge“ Freundschaften überwinden selbst tiefe Gräben

Mittwoch, 10. November 2004

Solidaritätsaktion Renovabis begleitet viele Partnerschaften von Pfarrgemeinden und Vereinen mit Osteuropa

FREISING. Rund 200 menschliche „Brücken“ zwischen Gemeinden und Vereinen in Deutschland sowie ihren heutigen Partnern in Ländern Mittel- und Osteuropas hat Renovabis, die Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa, seit 1993 „bauen“ helfen. Weitere 1800 Partnerschaften begleitet das Osteuropa-Hilfswerk mit seiner Geschäftsstelle in Freising bei ihrer Arbeit und lädt einmal pro Jahr, Ende November oder Anfang Dezember, zum Austausch über die Arbeit vor Ort nach Freising ein. Die Beziehungen zwischen den Pfarrgemeinden und Verbänden in Deutschland sowie deren Gegenüber in Osteuropa erweisen sich als höchst unterschiedlich.

Ein kleines Jubiläum der Gemeindepartnerschaft, nämlich das zehn-jährige Bestehen, feierten die Verantwortlichen der Pfarreien St. Albert in Freiburg-Bischofslinde und St. Maria-Königin der Märtyrer in Elektrenai in Litauen in diesem Jahr. Pfarrer Peter Zedtwitz von St. Albert freut sich über die gelingenden Beziehungen über eine Entfernung von gut 2000 Kilometern, die Renovabis angestoßen hat. Schwerpunkt der Partnerschaft Freiburg-Elektrenai sind persönliche Begegnungen, die durch den Besuch der Studentin Roberta Piraskeviciute im November 1994 eröffnet wurden, aber auch der Austausch über unterschiedliche Erfahrungen in der Kirche. Während in der Bundesrepublik Deutschland seit Mitte der 1960er Jahre das Bild einer „neuen“ Kirche, für die auch Laien Verantwortung tragen, entsprechend der Beschlüsse des Vatikanums II umgesetzt wurde, beherrschte für die Christen in Litauen die Pression durch das sozialistische Regime das religiöse Leben.

Fünf Jahre älter ist die Freundschaft zwischen der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) im Bezirk Soest-Hamm in der Erzdiözese Paderborn und dem polnischen Pfadfinderverband ZHP im Bezirk Ostrow/Wielkopolski. In den vergangenen 15 Jahren fanden gemeinsame Camps, Studienfahrten, Konferenzen und Leiterschulungen statt. Pfadfinderinnen und Pfadfinder der Nachbarstaaten überwanden Gräben, die Angehörige der vorangehenden Generationen während dem und nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt hatten. Hier, so Klaus Berg vom Internationalen Arbeitskreis der DPSG in der Erzdiözese Paderborn, wurden Grundlagen für ein künftiges Europa gelegt. Die Sprachprobleme konnten auch in diesem Fall überwunden werden, weil viele Schüler in Mittel- und Osteuropa Deutsch als Fremdsprache erlernt hatten.

Die Bevölkerung von Mostar hatte unter den Folgen des Krieges im ehemaligen Jugoslawien sehr zu leiden. Den Maltesern in Marburg-Schröck entging die Not der Menschen in Bosnien nicht. Mit Pfarrer Stefan Krönung an der Spitze organisierten sie Hilfslieferungen für die Menschen in der Stadt an dem Fluß Neretva, deren Wahrzeichen, die Brücke „Stari Most“, im November 1993 zerstört worden war. Auch 2004 haben die Malteser aus dem oberhessischen Schröck wieder Hilfsgüter nach Mostar geliefert. Es handelte sich um Lebensmittel, tragfähige Kleidung und Schuhe. Verteilt werden die Güter in Zusammenarbeit mit dem Verein „Helft Bosnien“, einer in Kassel ansässigen Initiative. Übrigens wurde die Brücke von Mostar, die als „Symbol des friedlichen Zusammenlebens von Muslimen und Christen“ galt, im Juli dieses Jahres wieder eröffnet. Und genau diesem Ziel, Kontakte und Freundschaften zwischen Bosniaken und Kroaten aufzubauen, haben sich die Malteser in Schröck verschrieben.

Aus ersten Kontakten im Jahr 1998 entwickelte sich eine offizielle Schulpartnerschaft zwischen dem Staatlichen Gymnasium „St. Josef“ in Dingelstädt im Eichsfeld und dem Katholischen Lyzeum Gerhardinum in Timisoara. Anfangs stand die materielle Hilfe des rumänischen Partners durch das bundesdeutsche Gymnasium im Mittelpunkt. So konnte 1999 eine Delegation der Schule aus dem thüringischen Dingelstädt den Erlös einer Spendenaktion in der Advents- und Fastenzeit sowie eine Computeranlage den Partnern in Timisoara übergeben. Dort drücken junge Ungarn, Rumänen, Deutsche, Bulgaren und Slowaken gemeinsam die Schulbank. Später rückten Brieffreundschaften und Begegnungen stärker in den Vordergrund der Beziehungen zwischen Schülern und Lehrkräften in Dingelstädt und Timisoara. In gemeinsamen Unterrichtsprojekten, bei denen das World Wide Web eine zentrale Rolle spielte, und Lehrerfortbildungen bearbeiteten sie Themen aus der jüngsten europäischen Geschichte wie Fragen der Naturwissenschaften.

Staatliche und ethnische Grenzen überschreiten Frauen und Männer in einer Partnerschaft zwischen dem Caritasverein St. Martin in Witten und der katholischen Kirchengemeinde in Alsószentmárton in Südungarn. Noch im Jahr der Wende organisierte der eingetragene Caritasverein in Witten erste Transporte mit Hilfsgütern nach Ungarn. Seit 1991 bieten der Caritasverein St. Martin und die Kirchengemeinde Alsószentmártin, in der vorwiegend Zigeuner wohnen, gemeinsame Jugendfreizeiten und Besuchsprogramme an. 1993 konnte in der südungarischen Gemeinde mit Unterstützung von Renovabis ein leer stehendes Schulgebäude zu einem Gemeindezentrum umgebaut werden, in dem auch die deutschen Gäste bei Besuchen in Ungarn untergebracht werden. Bis heute unterstützen die Partner in Witten ein Schulprojekt, mit dessen Hilfe die jungen Roma eine Schulausbildung durchlaufen, sowie eine Armenküche, so dass die ärmsten Bewohner von Dörfern der Gemeinde von Pfarrer József Lankó mittags ein warmes Essen zu sich nehmen können.

An der „stillen Wallfahrt“ nach Mariaschein in der Tschechischen Republik haben erst im September dieses Jahres Frauen und Männer mit Pfarrer Theo Hau aus der unterfränkischen Pfarrei St. Bartholomäus in Volkach auf Einladung der Salesianer in Teplice-Turn teilgenommen. Für Partnerschafts-Begeisterte in Volkach wie Franz Halbritter stellt sich angesichts des Wechsels in der Leitung der Pfarrei im Herbst die Frage, wie es künftig mit der Pfarrpartnerschaft Volkach-Teplice weitergehen wird. Für Renovabis, so Dialog-Referent Thomas Müller-Boehr, ist klar: Renovabis wird auch weiterhin für die partnerschaftlichen Kontakte zwischen Volkach und Teplice beratend zur Seite stehen. Die Partnerschaft wurde 1997 aus der Taufe gehoben. Die Gläubigen von St. Bartholomäus hatten im Laufe der Jahre ihren Beitrag geleistet, dass die Gemeinde in Teplice das Dekanatsgebäude ausbauen konnte. Dieses dient seither als Wohnung für Salesianerpatres, als Ort der Jugendbegegnung sowie als Büro für die Caritas. Die Bande zwischen Volkach und Teplice in der Diözese Leitmeritz wurden intensiviert. Regelmäßige Besuche von Gemeindemitgliedern, der Austausch von Schülern sowie eine Gebetsbrücke haben sich etabliert.

In Deutschland engagieren sich einer Studie zufolge rund 60.000 Jugendliche und Erwachsene in der kirchlichen Partnerschaftsarbeit mit Mittel- und Osteuropa. Ludwig Unger