Von der Wolga als "lieber Mutter" bis zur uns so "fremden" Memel

Donnerstag, 09. September 2004

Zeitschrift "OST-WEST" richtet den Blick auf Flüsse in Mittel- und Osteuropa und erzählt, wie sie Geschichte machten

FREISING/MAINZ (lu). Von den vielfältigen Funktionen der Flüsse in Mittel- und Osteuropa als Räume, in denen Menschen ihre kulturellen Fähigkeiten und vielfältiges soziales Leben entfalten sowie Handel treiben, als Grenzen zwischen Staaten und Kulturen und zugleich Verbindungen unterschiedlichster Völker handelt die jüngste Ausgabe der Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“. Die Zeitschrift wird von der Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa, Renovabis, gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken herausgegeben.

Als nahezu klassisches Beispiel für die völker- und religionenverbindende Rolle der großen Ströme Osteuropas stellt der russisch-orthodoxe Priester Georgij Tschistjakow aus Moskau die Wolga vor. Der mit rund 3500 Kilometer längste und wasserreichste Strom Europas, der in den Waldajhöhen entspringt und bei Astrachan ins Kaspische Meer mündet, verkörpert für den Autor eine „ganze Welt“. Die Wolga symbolisiere für viele Russen, Ukrainer, Tataren, Deutsche, die in ihrem Einzugsgebiet lebten oder noch leben, die „liebe Mutter“, die sie ernähre. Und Tschistjakow erzählt, wie ihn die erste Begegnung mit diesem „Meer“ als 20-Jährigen in Jaroslawl geprägt hat. Anhand dieses „russischen Flusses“, an dessen Ufern sich Nischni-Nowgorod bereits im Mittelalter zum zentralen Handels- und Messeplatz mit Asien entwickelte, schildert der Priester wichtige Stationen der Historie Russlands.

Diese lassen sich beispielsweise durch den Beitrag des Kieler Osteuropahistorikers Dr. Martin Aust über die Beresina ergänzen. Schließlich setzte sich für Napoleons Große Armee Ende 1812 an diesem Nebenfluss des Dnjepr die Agonie fort, die durch den Brand von Moskau begonnen hat und in Waterloo eingemündet ist.

Auch scheinbar im kulturellen Bewusstsein vergessene Flüsse wie die Memel im Selbstverständnis der Bundesbürger anno 2004 werden von den Autoren aufgegriffen. Dr. Christof Dahm, Redakteur bei der Zeitschrift Ost-West, etwa erinnert unter Hinweis auf das Volkslied „Zogen einst fünf wilde Schwäne“ an die große Bedeutung, die der heutige Grenzfluss zwischen der EU und Weißrussland in der Volkskultur einnahm - bei Deutschen und Litauern gleichermaßen.

Weitere Flüsse, die in diesem Heft von „OST-WEST“ behandelt werden, sind der Bug, der Dnjepr, die Donau, die Leitha, die Moldau, die Moskwa, die Neretva, die Sutjeska, die Oder und die Save. Ferner präsentieren ZDF-Redakteur Prof. Dr. Michael Albus und der Münsteraner Hochschullehrer Prof. Dr. Thomas Bremer grundlegende Gedanken über Flüsse in Literatur, Geschichte und Gegenwart.

OST-WEST. Europäische Perspektiven 1/2003 (hg. von Renovabis und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken), Matthias-Grünewald-Verlag, 80 Seiten, Bezugspreis 6,15 Euro pro Heft (Jahresabonnement 18,40 Euro).

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