Jugend Hoffnungsträger für ein Europa ohne Vorurteile
Freitag, 03. September 2004
Interview mit Prof. Dr. Wladislaw Bartoszewski, dem ehemaligen Außenminister der Republik Polen
FREISING/WARSCHAU (lu). In der „Gemeinsamkeit im Geistigen, im Denken, in der Wissenschaft, der Kultur und der Kunst“ macht der ehemalige polnische Außenminister Prof. Dr. Wladislaw Bartoszewski die Basis für ein künftiges zukunftsfähiges Europa aus. Dies betonte er in einem Interview in Freising anlässlich des 8. Internationalen Kongresses von Renovabis, der Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa.
Auch den ideologischen Blöcken von Kommunismus und Liberalismus, die durch den Eisernen Vorhang und die Berliner Mauer die Menschen in West- und Osteuropa getrennt hatten, sei es nicht gelungen, die grundsätzliche Einheit im Denken, in Wissenschaft und Forschung sowie der Kultur nachhaltig zu zerstören. Im Denken und in der Kultur Europas spiele das Christentum eine zentrale Rolle, so der polnische Politiker. Das Christentum und vor allem die katholische Kirche mit Papst Johannes Paul II. an der Spitze habe einen maßgeblichen Beitrag zum Ende der kommunistischen Herrschaft geleistet, erinnert Wladislaw Bartoszewski. Zu den geistigen Grundlagen kämen heute, gerade angesichts der EU-Osterweiterung im Mai dieses Jahres, gemeinsame Interessen der Bürger, aber auch der Unternehmen, hinzu.
Bei der Gestaltung Europas setzt Wladislaw Bartoszewski ganz auf die Jugend. Dieser werde es gelingen, „Druck auf die Politiker und Parteien auszuüben, damit diese nicht logisch begründbare Hürden auf dem Weg zu mehr Einheit abbauen“. Konkret stehen für den Politiker aus Warschau einer weiter reichenden Einheit übertrieben nationale Töne, aber auch der Hang zu Gewalt und Brutalität im Wege. Die Jugendlichen müssten den Entscheidungsträgern auch klar machen, dass eine erfolgreiche Politik nicht auf die zeitliche Dimension einer Legislaturperiode ausgerichtet sein dürfe.
Gerade Jugendliche können, so Wladislaw Bartoszewski, die Kultur und Geschichte anderer Völker vorurteilsfrei kennen lernen und so Barrieren im Bewusstsein der Angehörigen älterer Generationen niederreißen. Zu den Säulen eines zukunftsfähigen Europas zählt er deshalb Einrichtungen wie die Internationale Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, weil dort Jugendliche aus unterschiedlichen Ländern miteinander lernen und Wissenschaftler verschiedener Nationen gemeinsam Forschungsarbeit leisten können.
Und auch auf die „Normalität“ im Umgang von Angehörigen benachbarter Völker setzt der ehemalige polnische Außenminister Wladislaw Bartoszewski. Als Beispiel für den gelingenden Dialog nennt er gerade das mittlerweile sehr gute Verhältnis zwischen Polen und Deutschen. Heute gibt es jährlich zwischen 150 bis 180 Millionen Grenzübertritte an der Grenze zwischen Deutschland und Polen - nicht einbezogen sind die per Flugzeug, zitiert er statistische Daten. Und die Zahl der Ehen zwischen deutschen und polnischen Partnerinnen und Partner steige weiter und liege höher als die von Ehen zwischen Deutschen und Amerikaner sowie Deutschen und Niederländern.
In Polen lernen die Schüler nach Englisch als erster Fremdsprache Deutsch als zweite Fremdsprache, weist Wladislaw Bartoszewski auf langfristige Folgen des Fremdsprachenunterrichts für eine bessere Verständigung zwischen den Angehörigen der beiden Nachbarstaaten hin.
Seit dem Abkommen von 1991, in dem die beiden Staaten ihre Existenz und Grenzen anerkannt haben und damit faktisch die Vergangenheit als „politisch abgeschlossenes Kapitel der Geschichte“ eingestuft haben, habe sich eine gute Atmosphäre zwischen den beiden Nachbarvölkern entwickelt. Der ehemalige Außenminister, der viele Jahre als Hochschullehrer an den deutschen Universitäten München, Augsburg und Eichstätt Studierende ausgebildet hatte, freut sich, dass er in den Jahren 1995 wie auch 2000 und 2001 einen „kleinen Ziegelstein auf dem Weg zum Aufbau einer dauerhaften Freundschaft“ zwischen Polen und Deutschen habe legen können - nicht zuletzt mit seiner Rede im Bundestag am 28. April 1995, fast auf den Tag genau 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.
Trotz der gegenwärtigen Irritationen im Zusammenhang mit Fragen, die den Zweiten Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit betreffen, sieht Wladislaw Bartoszewski optimistisch in die Zukunft im Verhältnis zwischen deutschen und polnischen Bürgern. Er verweist dabei nochmals auf die Fortschritte in den deutsch-polnischen Beziehungen seit der Wende. „Wo hat man so schnell noch nicht ganz vernarbte Wunden geheilt?“ fragt er. Visionen zur Zukunft Europas erwartet sich der polnische Politiker und Wissenschaftler von den „alternativen Eliten“ - weithin mitgetragen von der katholischen Kirche.
Wladyslslaw Bartoszewski
Wladislaw BartoszewskiFoto herunterladen (ca. 490kb) Wladislaw Bartoszewski amtierte 1995 und von 2000 bis 2001 als Außenminister der Republik Polen. Er wurde 1922 in Warschau geboren. Im Jahr des Einfalls der deutschen Truppen in Polen machte er Abitur. Er nahm Kontakt zu Widerstandskreisen auf und wurde im September 1940 ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt, aus dem er erst schwer erkrankt 1941 entlassen wurde. Als Student der geheimen Warschauer Universität rief Wladislaw Bartoszewski eine katholische Hilfsaktion zugunsten verfolgter Juden des Warschauer Gettos ins Leben und nahm 1944 am Warschauer Aufstand teil. Aufgrund seiner journalistischen Tätigkeit geriet er nach der Errichtung der kommunistischen Herrschaft in seinem Heimatland ins Visier der Stalinisten und wurde für mehrere Jahre interniert. 1955 wurde er rehabilitiert und konnte als Wissenschaftler und Publizist arbeiten. Der Gewerkschaft Solidarnosc schloss sich Wladislaw Bartoszewski an. Er wurde 1981 - nach Verhängung des Ausnahmezustands in Polen - erneut inhaftiert. Nach seiner Freilassung lehrte er u.a. als Gastprofessor für Politische Wissenschaften in München, Eichstätt und Augsburg. Er gilt als Vertreter einer Politik des Ausgleichs zwischen Deutschen und Polen. Von 1990 bis 1995 vertrat er Polen als Botschafter in Wien. Von 2000 bis 2001 verantwortete er als Minister für Auswärtige Angelegenheiten die Kontakte zwischen Polen und der internationalen Staatengemeinschaft. Sein Engagement für Frieden und Versöhnung sowie für die von den Nazis verfolgten Juden brachte ihm zahlreiche Auszeichnungen ein, u.a. die Ehrenbürgerschaft des Staates Israel sowie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
