"Kein einseitiger Verfall der Sitten und Werte"

Freitag, 03. September 2004

Internationaler Kongress Renovabis richtet Blick auf die Lage der Jugendlichen in einzelnen Staaten Osteuropas

FREISING (lu). Am zweiten Tag des 8. Internationalen Kongresses von Renovabis stand die Situation der Jugendlichen in einzelnen Staaten Mittel- und Osteuropas im Mittelpunkt der Beratungen der rund 400 Teilnehmer. Am ersten Tag hatten die Repräsentanten aus 25 Staaten ihr Hauptaugenmerk auf die Zukunftsvisionen der jungen Frauen und Männer in Osteuropa gerichtet und dabei die Vorstellungen von jungen Studierenden aus acht osteuropäischen Staaten einbezogen.

Einem einseitigen Bild vom „Verfall der Werte und Normen“ bei Jugendlichen und der Gesamtbevölkerung Polens seit der Wende wollte Prof. Dr. Janusz Marianski aus Lublin nicht zustimmen. Stattdessen notierte der polnische Moralsoziologe einen schwierigen Wandel von der kommunistischen zur modernen bzw. postmodernen Gesellschaft, der mit tiefgreifenden Veränderungen der Lebenseinstellungen und Werthaltungen einhergehe. „Unter den Bedingungen der schnellen gesellschaftlichen Veränderungen“, so der Professor, „verliert ein Teil der anerkannten Werte und Lebenserwartungen an Bedeutung, andere erlangen eine neue gesellschaftliche Tragkraft“. Die katholische Kirche wird für den Wissenschaftler weiterhin eine große Bedeutung behalten. Zwei Drittel der Jugend schätze die Rolle der Religion und der katholischen Kirche als ausgesprochen positiv bei der Transformation der Gesellschaft ein. Nur knapp 10 Prozent der Jugendlichen bekennen sich als Atheisten. Jedoch machte Marianski deutlich, dass überkommene Denkstrukturen aus der Zeit des Kommunismus den Weg zu einer freiheitlichen Demokratie und einem sozialen Rechtsstaat behinderten.

Die schwierige Situation der Jugendlichen in Russland schilderte Marie-Luise Dreber vom Internationalen Jugendaustausch- und Besucherdienstes der Bundesrepublik Deutschland. Das Leben eines Großteils der 35 Millionen jungen Menschen in der Russischen Förderation sei von schweren sozialen Problemen bis hin zu Obdachlosigkeit und Drogenkonsum geprägt. Im Verbund zentraler und föderaler Kräfte versuche der russische Staat die Notlage der betroffenen Menschen zu mildern - bisher weithin erfolglos, so Dreber.

Für Slowenien schilderte Prof. Dr. Vinko Potocnic eine sich höchst vielfältig darstellende Situation der Jugendlichen. Einerseits erkennt der Religionssoziologe aus Ljubljana eine Welle des Optimismus bei der heranwachsenden Generation. Andererseits lasse sich ein hohes Desinteresse an der Gestaltung der politischen Zukunft anhand eine sehr geringen Wahlbeteiligung nachweisen.

Am morgigen Samstag, an dem der Kongress zu Ende geht, wird der ehemalige polnische Außenminister Prof. Dr. Wladyslaw Bartoszewski, der viele Jahre an den Universitäten München, Augsburg und Eichstätt gelehrt hat, seine Analyse der Entwicklung Europas und der Chancen der Jugendlichen, diese zu beeinflussen, darlegen.

Eröffnet hatte Joachim Kardinal Meisner, der Erzbischof von Köln und Vorsitzende des Trägerkreises von Renovabis, den Internationalen Kongress von Renovabis eröffnet, an dem über 400 Jugendliche und Erwachsene aus insgesamt 25 Nationen teilnehmen. Für ihn steht außer Frage, dass die Jugendlichen, die an Gott glauben, als „Vitaminspritze für unsere oft marode Gesellschaft“ wirken werden.