"Der Staat muss seiner sozialen Verantwortung stärker nachkommen"

Montag, 05. Juli 2004

"Der Staat muss seiner sozialen Verantwortung stärker nachkommen"

FREISING/BRATISLAVA (lu). Mehr Unterstützung für Menschen in sozial schwierigen Situationen, mehr Hilfen für kinderreiche Familien und allein erziehende Mütter sowie eine strukturelle Stärkung des Osten seines Landes forderte der katholische Bischof Milan Chautur CSsR aus der Slowakei bei einem Besuch des Osteuropa-Hilfswerks Renovabis in Freising.

Als besonders schwierig schilderte der Oberhirte der griechisch-katholischen Diözese Kosice, der dem Redemptoristenorden angehört, die Situation von Familien und jungen Menschen, die östlich der Hauptstadt Bratislava leben. Während in den Zentren des westlichen Landesteiles der Durchschnittsverdienst bei etwa 400 Euro pro Monat liege, sinke das Niveau östlich der Landeshauptstadt unter rund 200 Euro monatlich ab. „Viele Leute erreichen selbst dieses Level nicht“, unterstrich der Bischof der griechisch-katholischen Kirche, die unter dem kommunistischen Regime besonders schwer zu leiden hatte. Die Lage sei noch schwieriger geworden, weil die Regierung in diesem Jahr die Sozialhilfe weiter abgesenkt habe. Die mangelnde strukturelle Erschließung der Ostslowakei, etwa in Richtung Ukraine, Polen und Ungarn, demonstrierte der Bischof anhand des Verlaufs der Autobahnen. Es gebe keine Autobahn, die Bratislava mit einem östlich gelegenen Nachbarstaat verbinde. Der östliche Landesteil verzeichne zum Teil Arbeitslosenquoten von mehr als einem Drittel.

Die Mehrheit der 5,4 Millionen Menschen umfassenden Bevölkerung der Slowakischen Republik habe die EU-Osterweiterung begrüßt. Aber, so befürchtet der Geistliche, nicht in erster Linie, weil sie einen raschen Aufschwung erwartete. Vielmehr hoffe sie auf einen erleichterten Zugang zu den westlichen Nachbarländern, um dort zu arbeiten und auf Dauer auch dorthin überzusiedeln.

Bereits heute verlassen viele Slowaken ihr Heimatland und suchen in den Nachbarstaaten Österreich, Deutschland, ja selbst in den fernen Vereinigten Staaten, eine neue Arbeit und ein neues Zuhause.

Die Chancen der Kirche in der Slowakischen Republik maßgeblich mitzuhelfen, den Strom der Migranten einzudämmen, beurteilt der Bischof als sehr gering. Seine lange verfolgte Kirche könne sich mit Hilfe der Caritas gerade um die Ärmsten der Armen wie die Obdachlosen kümmern. Allerdings werde die katholische Kirche weiterhin an die Regierung appellieren, ihre Verantwortung für die gesamte Bevölkerung wahrzunehmen.

Erst jüngst hatte Bratislavas Erzbischof Jan Sokol den slowakischen Präsidenten Ivan Gasparovic dazu aufgefordert, die Kluft zwischen Arm und Reich abzubauen.