Blick hinter die Mauern einer Präsidialrepublik
Donnerstag, 03. Juni 2004
Aktuelles Heft der Zeitschrift "Ost-West" zu Weißrussland
FREISING/MAINZ (lu). Den Blick auf den autoritär geführten EU-Ostanrainerstaat Weißrussland (Belarus) öffnet das aktuelle Heft der Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“, die von dem katholischen Osteuropa-Hilfswerk Renovabis gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken herausgegeben wird.
Als „Fuhrwerk“ (weißrussische Wirtschaft) mit einem „Atomantrieb“ (Präsident), aber nur mit „Fahrradbremse“ (Parlament und Gerichtswesen) versehen beschreibt der Historiker Andrej L. Kishtymov sein Heimatland. Das Mitglied der Akademie der Wissenschaften von Weißrussland stellt damit die Ungleichzeitigkeit politischer, wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse in dem rohstoffarmen und strukturschwachen Land mit einer Fläche von rund 207.600 Quadratkilometern heraus. Dieses leidet bis heute unter der Jahrhunderte währenden Fremdbestimmung durch die Nachbarstaaten, aktuell aber immer noch unter den dramatischen Folgen durch den Fall-Out des Atomreaktors in Tschernobyl.
Das auf den Präsidenten Alexander Lukaschenko (Jahrgang 1954) ausgerichtete autoritäre System von Belarus hat dazu geführt, dass Weißrussland mit seiner Bevölkerung von rund 10 Millionen Menschen kaum mehr Beziehungen zum Europarat pflegt und auch das Verhältnis zur OSZE als nicht unbelastet beschrieben wird. Der Dialog zwischen der EU und ihrem Anrainer erweist sich nach übereinstimmender Ansicht mehrerer Autoren der Zeitschrift als ausgesprochen schwierig, so dass die Politikwissenschaftlerin Iris Kempe aus München sogar zwischen Polen, Litauen und Lettland einerseits sowie Weißrussland andererseits wieder eine „neue Trennlinie zwischen Ost und West“ ausmacht. In ihrem Beitrag fordert sie dazu auf, die Isolationspolitik des Westens gegenüber Weißrussland aufzugeben und nachhaltig das Konzept „Größeres Europa - Nachbarschaft“ voranzutreiben. Andernfalls werde der mögliche Brückenstaat Weißrussland endgültig auf einen Kurs festgelegt, den ausschließlich Freundschaftsbande mit Russland kennzeichnen.
Parallel zu dem politischen Rückschritt in dem 1991 unabhängig gewordenen Staat konstatiert der Theologe Andrej V. Danilov eine „religiöse Renaissance“ in der Bevölkerung Weißrusslands, die sich zu etwa 80 Prozent zur Russischen-Orthodoxie und zu rund zehn Prozent zur Römisch-Katholischen Kirche bekennt. Eine größere Bedeutung haben in Weißrussland noch die protestantische Kirche in ihrer „neoprotestantischen“ Ausformung von Pfingstlern und Baptisten sowie jüdische und muslimische Gemeinden. Als Besonderheit der Angehörigen der verschiedenen Religionen und Konfessionen arbeitet Danilow eine ausgeprägte Toleranz ihrer Vertreter heraus, die der Gesellschaft Stabilität verleiht.
Bezugsadresse
OST-West. Europäische Perspektiven 2/2004 (hg. von Renovabis und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken), Matthias-Grünewald-Verlag, 80 Seiten, Bezugspreis 6,15 Euro pro Heft (Jahresabonnement 18,40 Euro) Ausführliche Informationen zum Bezug unter www.owep.de
Herausgeber: Renovabis-Geschäftsstelle,
Abt. Kommunikation & Kooperation
Leiter: Burkhard Haneke, ha@renovabis.de presse@renovabis.de Tel.: 08161/5309-14, Fax: 08161/5309-44
