Kirche ist vom Pfingstursprung her universal

Sonntag, 30. Mai 2004

Bischof Algermissen predigte am Pfingstsonntag im vollbesetzten Fuldaer Dom

Fulda (bpf). „Bei aller Schwäche, all den Krisensymptomen der deutschen Kirche, die sicher auch festgestellt werden können, gibt es doch ein deutliches Zeichen innerer Leuchtkraft, das uns froh machen kann“, unterstrich Bischof Heinz Josef Algermissen am Pfingstsonntag im vollbesetzten Fuldaer Dom. In einem festlichen Pontifikalamt, in dem zugleich der Abschluß der Renovabis-Pfingstaktion gefeiert wurde, hob Algermissen hervor, daß die katholischen Bistümer Deutschlands seit Jahrzehnten der Einsicht entsprächen, daß die Kirche von ihrem Pfingstursprung her universal, eine Glaubensgemeinschaft mit weltweitem Horizont und aus vielen Völkern sei. In den großen Hilfsaktionen Misereor, Advenia(t, Missio und Renovabis werde manifest, daß die katholische Kirche in einem ursprünglichen und authentischen Sinn „katholisch“ sei: In allen Sprachen sprechend und doch eins in demselben Geist, der zur Anteilnahme und zum Teilen rufe. „Wir sind in der Tat entweder Universalkirche oder nicht wirklich katholische Kirche“, so der Bischof.

Zu Beginn seiner Predigt hob Algermissen hervor, daß die Kindheit eines Menschen keineswegs nur der Vorspann zu seinem Leben als Erwachsener bzw. eine unbedeutende Übergangsphase sei. „Wir müssen immer mehr erkennen, daß das Leben eines Erwachsenen darin besteht, die Chancen auszufalten, die Gott in den Anfang eines Menschenlebens gelegt hat.“ Die Entwicklungspsychologie bestätige heutzutage diesen Ansatz und lehre uns, daß die ersten drei bis vier Jahre eines Menschenlebens von entscheidender Bedeutung seien. Was man in seinem persönlichen Leben feststelle, das gelte auch im Leben der Kirche: „Ihr Anfang ist der Pfingsttag. Deshalb kann sie ihn nie hinter sich lassen und als überholt betrachten. Alles, was sie ist und was sie sein soll, ist hier schon angelegt und vorgezeichnet.“ Vielleicht könne man deshalb auch ermessen, was der Evangelist Lukas sagen wolle, wenn er berichte, noch am Geburtstag der Kirche sei der Funke der frohen Botschaft auf 17 Völker übergesprungen: Parther, Meder und Elamiter, Menschen aus Mesopotamien, Judäa und Kapadozien, Asien, Phrygien, Pamphylien.

„Sichtbar zu werden beginnt damals schon, was eine Weltkirche ist und welche Ziele sie schon vom ersten Pfingsttag an angesteuert hat. Es geht um die Universalität der Kirche, und zwar bereits in ihrer Geburtsstunde“, erinnerte Bischof Algermissen. Aber nicht nur das Ziel, auch der Weg werde schon am ersten Tag sichtbar, als die Methode also, die zum Ziel führe. Algermissen verwies auf moderne Pfingstbilder, die zeigten, wie die Apostel aus einem Haus in Jerusalem herausstürmten und in alle Himmelsrichtungen liefen. Durch die vorgehaltenen Hände der Jünger schalle die neue Botschaft in alle Welt. Dieses dynamische Bild entspreche allerdings nicht der Wahrheit des Pfingstgeschehens. Die Apostel seien nicht auseinandergelaufen, sondern die Menschenmenge sei zusammengelaufen vor dem Haus, in dem die Jünger sich versammelt hatten. Nicht die Jünger hätten den ersten Schritt zur Ausbreitung des Evangeliums getan, sondern die Menschen, die sich vor dem Haus sammelten und einander bestürzt fragten: „Was soll das? Worauf will das hier hinaus?“ Daraufhin erst habe der Apostel Petrus die erste Predigt als Antwort auf eine Frage gehalten, die Menschen stellten, die von den Vorgängen ganz betroffen gewesen seien.

„Wenn das aber im Anfang gültig war, gilt es auch jetzt, von wem und wie auch immer das Wort Gottes weitergegeben wird: ob von Eltern, Lehrern, Priestern, Katechetinnen“, so der Bischof weiter. „Eine Kirche, in deren Mitte sich nichts regt, predigt in den Wind, auch wenn sie noch so viele Zeitungsspalten und Rundfunk- wie Fernsehsender zur Verfügung hätte.“ Eine Kirche dagegen und darin einzelne Christinnen und Christen, die durch die Art, wie sie lebten, und durch das, was sie umtreibe, ihrer Umgebung ein Rätsel und eine Frage seien, hätten leicht predigen. Sie brauchten nur wie Petrus zu erklären, woher das komme, was den anderen auffalle. Weil jede Erneuerung der Kirche am Pfingstgeschehen ihr Modell und ihren Maßstab habe, fuhr Algermissen fort, sei es falsch, wenn etwa mündige Laien zusammen mit Priestern in die Welt hinausstürmten, um das Evangelium zu bringen. „Denn was zum Wachstum der Kirche und des Reiches Gottes führt, ist nicht unsere eigene Stoßkraft, sondern unsere innere Leuchtkraft; ist nicht die Macht, sondern der Geist, den wir als Gnadengeschenk besitzen.“ Das erste Pfingstfest sei keine Explosion, sondern eine tiefe Erschütterung im Innern gewesen. Weil die Jünger sich vom Geist Gottes ergreifen ließen, seien die Funken nach außen übergesprungen. Nur ganz Überzeugte könnten andere überzeugen, nur vom Geist wirklich Erfüllte könnten andere begeistern, machte der Bischof deutlich.

Wann immer er Besuche in der Weltkirche über Europa hinaus mache, werde je dankbar erwähnt, daß die deutschen Bistümer diese theologische Einsicht umsetzten und mit ihren großen Hilfsaktionen den Bistümern in den armen Ländern spürbar hülfen. Das dürfe man an diesem Pfingstfest dankbar in Erinnerung rufen, da die Renovabis-Pfingstaktion in unserem Jubiläumsjahr „1250. Todestag des Hl. Bonifatius“ am Grab des Apostels der Deutschen abgeschlossen werde. „Diese wichtige Aktion kümmert sich besonders um Straßenkinder und Flüchtlinge, um Vertriebene und Migranten im östlichen Europa, das nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems bis zum heutigen Tag wirtschaftliche Not, Gewalt und Flüchtlingsströme kennt“, stellte Algermissen heraus. Renovabis wolle mit dazu beitragen, daß „das Angesicht der Erde erneuert“ werde. Gottes Geist wohne in der Welt wie die Seele im Leib. Die Welt sei nicht geistlos und Gottes Geist nicht weltlos. Das zu zeigen, sei Aufgabe der Spendenaktion Renovabis, wofür sich der Bischof sehr dankbar zeigte.

Bischof Algermissen wies sodann darauf hin, daß man kein einziges Pfingstlied besitze, das den Hergang des Pfingsttages erzähle, denn die Christen, die daran gehen wollten, solche Lieder zu dichten, seien sich bewußt geworden, daß sie den Hl. Geist nicht besingen konnten, sondern herbeirufen mußten. Also sei es bei dem unermüdlichen: Komm, Hl. Geist – Leben – Licht – Tröster geblieben. Im Innersten zeige die Kirche, daß sie in allen Stürmen und Verirrungen ihres langen Weges durch die Geschichte der Menschheit dem Kind treu geblieben sei, das sie einmal war. „Wie alt sie auch werden mag, bis ihr Herr sie aus der Welt der großen Kämpfe und kleinen Balgereien, des aufreibenden Einsatzes und des Mitleidens mit den Menschen in seine Herrlichkeit erlösen wird ─ immer wird durch Gottes Gnade das Kind in ihr lebendig, das erste Pfingstfest zu Jerusalem, die Gnade des Anfangs, die Kraft des Hl. Geistes“, sagte Algermissen zum Schluß.

In dem Gottesdienst konzelebrierten mit Bischof Algermissen Bischof emeritus Dr. Josef Koukl (Leitmeritz), Weihbischof Johannes Kapp, Generalvikar Prälat Peter-Martin Schmidt, Pater Dietger Demuth CSsR (Renovabis), Dr. Miloš Raban (Haindorf/Heinice) und Prälat Dr. Lucian Lamza.