Viele Entwicklungschancen, aber auch Not

Donnerstag, 13. Mai 2004

Litauen hat sich mit großer Energie aus der ehemals sowjetischen Klammer gelöst - schwieriger Transformationsprozess

Als „armes Land mit erheblichem Potential“ stellt sich gegenwärtig Litauen dar. Dieser Ostseeanrainerstaat, in dem rund 3,5 Millionen Menschen auf einer Fläche von gut 65.300 Quadratkilometern leben, wittert seit der Wende „Morgenluft“. Mit starkem Selbstbewusstsein hatte das litauische Parlament im März 1990 die Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärt. Mit großen Erwartungen geht die litauische Gesellschaft in die Zukunft. Rund 4000 € pro Person und Jahr, und damit gerade einmal die Hälfte von Tschechien und Ungarn, macht das Bruttoinlandsprodukt aus. Die politisch Verantwortlichen erhoffen sich von dem unmittelbar bevorstehenden EU-Beitritt Litauens einen Modernisierungsschub für Gesellschaft und Wirtschaft und damit gute Chancen für eine erfolgreiche Zukunft. Die politische Krise - die sich auch in der Abwahl des Staatspräsidenten gezeigt hatte - dürfte nach Ansicht von Experten rasch überwunden sein.

Auf dem Weg von einem weithin agrarisch geprägten Staat mit Industrieansiedlungen vor allem um die Hauptstadt Vilnius zu einem Staat mit wirtschaftlicher Basis in Industrie und Dienstleistungen befindet sich gegenwärtig der größte der drei baltischen Staaten.

Neuaufbruch der katholischen Kirche

Unter der „kirchlichen Brille“ betrachtet stellt eine Neuevangelisierung der Gesellschaft die zentrale Herausforderung der katholischen Kirche dar. Diese ist organisatorisch in zwei Erzdiözesen und fünf Diözesen mit zusammen knapp 1000 Pfarreien aufgeteilt. Schulen oder Krankenhäuser in katholischer Trägerschaft gehören - anders als im Nachbarland Polen - zu den Ausnahmen. Dennoch nehmen Ordensangehörige auch in Litauen erzieherische und soziale Aufgaben war.

Rund 80 Prozent der Bevölkerung gehören der katholischen Kirche an. Der Anteil der regelmäßigen Gottesdienstbesucher dagegen liegt bei zehn bis zwölf Prozent, so Arunas Kučikas, der Leiter des Erzbischöflichen Jugendamtes der Erzdiözese Vilnius. Als gläubig dagegen bezeichnen sich vier Fünftel der Katholiken in Litauen. In der ehemaligen Sowjetrepublik Litauen hatte die katholische Kirche über gut sieben Jahrzehnte nämlich schwere Verfolgungen ausgesetzt. Vor allem unter Stalins Terror erlebte die katholische Kirche einen Substanzverlust, der kaum gutzumachen scheint. Sie wurde auf die Feier der Liturgie in den Gotteshäusern zurückgedrängt, öffentliche kirchliche Aktivitäten wurden streng bestraft, Priester und Laien wurden nach Kasachstan und Sibirien verbannt, darunter auch der heutige Oberhirte von Kaunas, Erzbischof Tamkevicius. Die Ausbildung von Priesteramtskandidaten wurden für die gesamte Sowjetunion auf die Seminare in Kaunas (Litauen) und Riga (Lettland) reduziert, ebenso wurde ihre Zahl der Alumnen eng begrenzt, erinnert Martin Buschermöhle, der bei der katholischen Solidaritätsaktion Renovabis für Litauen zuständige Länder- und Projektreferent. Eine wirkungsvolle und nachhaltige Katechese war in dieser Zeit nicht zu leisten, eine nachhaltige religiöse Sozialisation hat unter diesen Rahmenbedingungen kaum stattgefunden.

Doch seit der Wende investiert die katholische Kirche Litauens viel Kraft in dieses Vorhaben, auch in die Erneuerung gemäß den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils - eine schwierige Aufgabe angesichts der Verlockungen der Transformationsgesellschaft. Sie wird dabei auch von „Rückkehrern“ unterstützt, also lange im Ausland lebenden in Litauen aber beheimateten Schwestern und Priestern. Übrigens leben derzeit gut 800.000 Litauer im Ausland, die Mehrzahl davon in den Vereinigten Staaten von Amerika. Viele junge Männer streben das Priesteramt an. Rund 230 Alumnen bereiten sich derzeit auf das Priesteramt vor, nennt Arunas Kučikas Zahlen, die angesichts von knapp 1000 Priestern im Land als hoch zu bewerten sind. Dabei werden gerade die Priester, die in Diözesen wie Vilnius mit einem hohen Anteil an polnischen Gemeinden arbeiten werden, zweisprachig ausgebildet.

Aufbruch, Freude am Glauben, frischer Wind in der Liturgie sowie neue geistliche Lieder kennzeichnen für Martin Buschermöhle die Situation in der katholischen Kirche des nordosteuropäischen Landes. Dennoch lässt sich die Vergangenheit von Bedrängnis und Unterdrückung der Kirche durch den Staat nicht einfach abschütteln. Nach Ansicht von Arunas Kučikas müssen einige ältere Geistliche und Laien die neue Situation für die Kirche, nämlich dass der Glaube in der Öffentlichkeit verkündet und gelebt werden kann, erst langsam verinnerlichen.

Soziale Arbeit der Kirche unverzichtbar

Im Aufbau befindet sich auch die Caritas in Litauen. Diese versucht nicht nur die Notlagen zu lindern, die sich für die Menschen aufgrund der nach der Wende weg gebrochenen Arbeitsplätze ergaben und ergeben. Treibende Kräfte der Caritasarbeit sind, berichtet Martin Buschermöhle, vor allem die Gemeinden. Vielerorts betreibt eine lokale Caritas Suppenküchen, Kleiderkammern, Besuchsdienst, Kinderbetreuung mit Hausaufgabenbetreuung. Die Bereitschaft weiter Teile der ländlichen Bevölkerung, diese Aktivitäten mit Hilfe von Nahrungsmittelspenden zu unterstützen, ist groß.

Wirtschaftlich herrscht in Litauen in den Großstadtgebieten um Vilnius und Kaunas Frühlingsstimmung, schwierig dagegen entwickelt sich die ökonomische Lage auf dem Lande. Das Groß der Erwerbstätigen in Litauen muss mit durchschnittlichen Löhnen von rund 130-150 Euro im Monat ihr Leben gestalten, macht Arunas Kučikas die soziale Lage der Bevölkerungsmehrheit an harten Zahlen fest.

Die Arbeitslosigkeit, die offiziell bei etwa 13 Prozent liegt, gehört zu den großen sozialen Lasten, mit denen sowohl der Staat wie auch die katholische Kirche konfrontiert sind. Dazu kommt der verbreitete Alkoholismus, dem sich vor allem Männer nicht nur aufgrund mangelnder beruflicher Perspektiven hingeben. Die Suche nach einer persönlichen Zukunft hat seit der Wende nach Einschätzung von Arunas Kučikas bereits gut eine Viertel Million vor allem jüngere Menschen aus dem Lande migrieren lassen. Für Martin Buschermöhle bedürfen viele Menschen in Litauen, nicht zuletzt die zahllosen Straßenkinder und die verarmten alten und kranken Menschen sowie die Bewohner der Grenzregionen, noch lange der Solidarität aus Deutschland. Gerade die sozialen Missstände, unter denen Familien leiden und die Kinder zum Weglaufen treiben, sind ein sumpfiger „Nährboden“ für den Frauenhandel. Und diesen Nährboden gilt es auszutrocknen. Im Rahmen der Möglichkeiten unterstützt Renovabis die Bemühungen der Caritas im Kampf um die Menschenwürde der Frauen.

Ludwig Unger