Ungarn befindet sich auf einem guten Weg, aber...
Mittwoch, 28. April 2004
Nicht nur bei der Integration der Roma ergeben sich große Probleme
Als „Musterknabe“ unter den Kandidaten für einen EU-Beitritt galt Ungarn bereits Mitte der 1990er Jahre, Joint Ventures zum Beispiel zwischen deutschen und ungarischen Unternehmen galten als Beispiele für einen gelingenden Transformationsprozess. Heute scheint nicht nur Slowenien durch die „Bestnoten“, die dem kleinen Nachbarn Ungarns bescheinigt werden, der Republik Ungarn das Image der Vorbildlichkeit abgenommen zu haben. Dies betrifft vor allem das Bruttoinlandsprodukt. Immerhin liegt Ungarn mit rund 7080 Euro pro Kopf der Bevölkerung im Jahr noch deutlich über Lettland und Estland, und auch das jährliche Wirtschaftswachstum von knapp vier Prozent und die niedrige Arbeitslosenquote von weniger als sieben Prozent lassen Ungarn im mittel- und osteuropäischen Vergleich günstig dastehen. Dennoch „beuteln“ Strukturprobleme den südosteuropäischen Staat.
Die Regierung von Ministerpräsident Péter Medgyessy muss zum Beispiel der sozialen Schieflage im Südosten und Osten Ungarns begegnen und sich der verbreiteten Korruption widersetzen. Im Südosten des Landes, das schon vor der offiziellen Wende eine gewisse Öffnung der Planwirtschaft für marktwirtschaftliche Elemente durchlaufen hat, ist die für das ehemals kommunistische Ungarn typische Schwerindustrie nach der Öffnung zum Westen eingeknickt. Unter Armut leidet auch die weithin überalterte Bevölkerung in den ländlichen Gebieten Ostungarns, die Arbeitslosigkeit hat dort ein Niveau von gut einem Viertel erreicht, wogegen sich der Arbeitsmarkt in den Ballungszentren des Landes als eher entspannt darstellt.
Als problematisch erweist sich dabei auch die Tatsache, dass lediglich ein Drittel der rund 10,5 Millionen Ungarn erwerbstätig sind und die sozialen Lasten des Transformationsprozesses schultern.
Viele Roma leiden Not
Nahezu ungelöst präsentiert sich nach Einschätzung von Markus Leimbach, dem Leiter der Abteilung Länder und Projekte der Solidaritätsaktion Renovabis, die angespannte soziale Not der Roma. Diese stellen rund fünf Prozent der Bevölkerung. Selbst die EU-Kommission hat dies bemängelt. Hier muss es nach Auffassung von Markus Leimbach gelingen, die erschreckend hohe Arbeitslosigkeit und das niedrige Bildungs- und Ausbildungsniveau spürbar zu heben. Rund neun Zehntel der Roma im erwerbsfähigen Alter sind arbeitslos. Renovabis beispielsweise fördert Anstrengungen der Maristen in der Erzdiözese Esztergom-Budapest, die Roma in Esztergom in einem eigenen Programm seelsorglich begleiten. In der Umgebung von Miskolc leistet der Jesuit Pater Joszef Hofher Pastoralarbeit für Zigeuner. Im Dekanat Kaposfö in der Diözese Kaposvar subventioniert Renovabis die Bemühungen von Pfarer Laszlo Somos, die Sozialarbeit und Seelsorge zugunsten der Zigeuner auszubauen. Diese umfasst gegenwärtig eine Hausaufgabenhilfe sowie Beratung für arbeitslose junge Zigeuner, eine Suppenküche und Kleiderkammer, soziale Begleitung für arbeitslose und alkoholabhängige Roma sowie ein Tagesaltenheim. Auch die Zigeunerarbeit im Bistum Pecs, die von Zigeunerseelsorger Jozsef Lanko gemeinsam mit der Caritas Szent Marton Stiftung in Alsoszentmarton sowie in einem Dutzend Nachbarorten geleistet wird, unterstützt Renovabis. Die Maßnahme wendet sich u. a. an Jugendliche, um sie für die Ausbildung und Erwerbsarbeit zu qualifizieren. Sie könnte sich als Modell für andere Regionen Ungarns erweisen. Ferner umfasst das Projekt Lankos eine allgemeine soziale Beratungstätigkeit. In der Diözese Pecs, die zum Grenzgebiet zu Kroatien zählt, leben derzeit rund 40.000 Zigeuner, sie bilden einen großen Teil der ländlichen Bevölkerung in der Region. Für Pfarrer Lanko sind die Roma „die Verlierer des EU-Beitritts von Ungarn“. Für ihn haben sie am wenigstens Zugang zu Bildung und Arbeit. Nach Lankos Beobachtung hat sich die Lebenssituation der Roma seit dem Ende der sozialistischen Herrschaft, in der ja zwangsweise Vollbeschäftigung herrschte, drastisch verschlimmert.
Kirche für Hilfe aus Deutschland dankbar
Die kirchliche Situation vergleicht Markus Leimbach mit der in der Bundesrepublik Deutschland, was den Gottesdienstbesuch angeht. Rund 65 % der ungarischen Bevölkerung bekennen sich zur katholischen Konfession, den Gottesdienst besucht davon etwa ein Fünftel. Als schwieriger erweist sich jedoch die finanzielle Ausstattung der ungarischen Kirche gegenüber der Schwesterkirche in Deutschland. Die Ungarn können zwar ein Prozent der Einkommenssteuer unmittelbar den Kirchen zukommen lassen und der Staat unterstützt auch die Kirche inklusive ihrer kulturellen und sozialen Einrichtungen. Doch gerade für das kirchliche Schulwesen ist die Hilfe aus Deutschland dringend nötig. Schließlich hat der Staat nach der Wende der katholischen Kirche zwar zahlreiche Schulgebäude, die vor der kommunistischen Ära kirchlichen Schulen gedient haben, zurückerstattet, doch waren die Häuser in der Regel sanierungsbedürftig. Die ungarische Kirche, die 14 Diözesen umfasst, ist für die Unterstützung von Seiten der Katholiken in Deutschland ausgesprochen dankbar. Peter Kardinal Erdö, der Erzbischof von Esztergom-Budapest, sowie der Sekretär der ungarischen Bischofskonferenz, Weihbischof Andras Veres, haben dies immer wieder unterstrichen. Sie hoben dabei die Unterstützung für das katholische Bildungswesen hervor, mit dessen Hilfe die katholische Kirche die Werte in der ungarischen Gesellschaft neu festigen will.
Markus Leimbach erkennt über Jahre hinaus in Ungarn Handlungsbedarf für die Katholiken aus Deutschland, und zwar zugunsten von kirchlichen Schulen, der Seelsorge sowie für die Jugend- und Behindertenarbeit. Für ihn steht fest: „Brüssel wird die sozialen Schieflagen dort nicht richten.“
Ludwig Unger
