Viele Tschechen erleben immer noch soziale Not

Mittwoch, 14. April 2004

Soziale und kirchliche Lage in dem EU-Beitrittsland in Mitteleuropa gestaltet sich schwierig

FREISING/TROPPAU. „Armut bleibt ein drückendes Problem“, auf den ersten Blick scheint diese Aussage für den EU-Beitrittskandidaten Tschechien nicht zuzutreffen. Bei gut 7.000 € liegt das Bruttoinlandsprodukt pro Person in diesem östlichen Anrainerstaat an die Bundesrepublik Deutschland und damit bei etwas mehr als der Hälfte des EU-Durchschnitts. Und die Cities der Großstädte wie Prag sind gekennzeichnet von westlichen Produkten und Designerboutiquen. Fahrzeuge mit dem Stern und den weiß-blauen Signet „made in Germany“ auf der Kühlerhaube sind unter denen aus der Skoda-VW-Flotte keineswegs rar. Doch der Anschein trügt. „Tschechien ist zwar kein armes Land, aber das Vermögen ist höchst ungleich verteilt“, so Dr. Jörg Basten, der zuständige Länderreferent der katholischen Solidaritätsaktion Renovabis. Der Zusammenbruch des Kommunismus und der Aufbau von marktwirtschaftlichen Strukturen in einer demokratischen Gesellschaft haben viele alte Bindungen aufgelöst. Das gilt für die Arbeitswelt, aber auch für Familien und Kommunen.

Viele der rund 10,3 Millionen Menschen in Tschechien leben von kärglichen Gehältern. Besonders schwierig stellt sich nach den Erfahrungen des Projektreferenten Basten für die Menschen in den östlichen Gebieten, in denen früher die Sudetendeutschen gelebt hatten. Dort ernährt sich das Gros der Bevölkerung - eher schlecht als recht - von der Landwirtschaft. Auch die unter kommunistischer Planwirtschaft dort angesiedelte Industrie ist seit der Wende weithin „weg gebrochen“, neue Arbeitgeber haben sich in dieser Region des Transformationslandes kaum gefunden. Die Arbeitslosenquote in diesen Gebieten liegt bei knapp 30 Prozent. Alkoholismus und zerrüttete Familien belegen verbreitete Perspektivlosigkeit. Besonders schlecht geht es den Roma, die dort leben.

Lange scheinen - und zwar nicht nur für diese Region - auch die Zeiten vorüber, in denen Tschechien, ein vermeintliches „Musterland unter den Beitrittskandidaten“, als Billiglohnland viele Unternehmen aus dem Westen anzog. Unter diesem wirtschaftlichen Druck gerät offensichtlich die soziale Verantwortung des Staates unter der Präsidentschaft von Vaclav Klaus und Ministerpräsident Vladimir Špidla stark ins Hintertreffen. Drastische Einschnitte stehen gegenwärtig zum Beispiel Arbeitslosen bevor.

Soziale Einrichtungen leiden unter Geldmangel

Chronisch unterversorgt scheinen die sozialen Einrichtungen wie Alten-, Kinder- und Behindertenheime. Grund dafür ist nicht zuletzt die rigide liberal ausgerichtete Regierungspolitik. Für Basten besteht angesichts der Situation allemal Grund, dass die Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken für die Menschen in Mittel- und Osteuropa dort ihre Unterstützung nicht verweigern kann, allerdings unter klarer Auswahl der einzelnen Projekte nach ihrer Notwendigkeit. So unterstützt Renovabis beispielsweise ein für Tschechien einzigartiges Projekt der Caritas Opava, mit dem drogenabhängige Kinder wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Caritasdirektorin Anna Ekslerova ist stolz darauf, dass ihre Einrichtung die einzige in ganz Tschechien ist, die die Eltern und Geschwister in die Resozialisierung der ehemals drogenabhängigen Kinder einbezieht. Es ist nicht selten, dass bereits zwölf-jährige Kinder erste Erfahrungen mit Prostitution, Drogen und Kriminalität gemacht haben. In Ostrau fördert Renovabis ein Haus für Menschen in schwierigsten Situationen. Die Solidaritätsaktion begleitet materiell den Versuch der Caritas Ostrava, in dem „Dörflein des Zusammenlebens“ das Miteinander von Tschechen und Roma zu fördern. Die Arbeit zugunsten von „Frauen in Not“ unterstützt Renovabis in Veselicko. Der Caritas von Brünn greift Renovabis dabei unter die Arme, behinderte Kinder in einer Tageseinrichtung zu betreuen und zu fördern. Abends kehren diese Kinder in ihre Familien zurück und verlieren so nicht den Bezug zu ihrem Elternhaus, wie es in den staatlichen Behinderteneinrichtungen in der Regel der Fall ist.

In Rychnow nad Kneznon wurde mit Hilfe von Renovabis ein Obdachlosenheim gebaut, dem drei Betriebe angegliedert sind. In einer Schreinerei, Schlosserei und auf einem Bauernhof wird etwa 40 Männern nach oft jahrelangem Vagabundieren auf der Straße eine neue Chance gegeben. Der Vorsitzende des Trägervereins „Emaus Tschechien“, Fridolin Zahradnik, macht als Ursachen für den gebrochenen Lebensweg das Scheitern der Ehe, den Verlust des Arbeitsplatzes und zerstörte soziale Netze als Folge der Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft aus.

Atheismus weit verbreitet

Ausgesprochen schwierig gestaltet sich die kirchliche Situation in Tschechien. Der Anteil der Katholiken unter den Tschechen lag zur Zeit der Wende bei rund einem Drittel, doch die Zahl ist mittlerweile auf ein Viertel zurückgegangen. Dagegen stieg der Anteil der sich als Atheisten bezeichnenden Menschen in den vergangenen rund 15 Jahren von rund 40 auf nun fast 50 Prozent an. Zwischen Konsolidierung und Revitalisierung einerseits sowie einer rasch voran schreitenden Säkularisierung beschreibt Jörg Basten die Lage in Tschechien. „Pilsen gilt als das atheistischste Gebiet in Europa“, bringt der Länderreferent des katholischen Osteuropa-Hilfswerks die problematische Lage der Kirche in Tschechien auf den Punkt und macht damit deutlich, wie schwierig sich die Erneuerung der über viereinhalb Jahrzehnte stark verfolgten Kirche erweist. Will Renovabis dem Auftrag, den die deutschen Bischöfe 1993 Renovabis mit auf den Weg gegeben haben, gerecht werden, muss die Solidaritätsaktion die Kirche in Tschechien intensiv und nachhaltig fördern. In besonderer Weise ist die Solidarität aus Deutschland in den Diözesen Ostrau-Troppau, Leitmeritz und Pilsen gefordert. Dort befindet sich die katholische Kirche in einer schwierigen Diasporasituation mit etwa zehn Prozent Katholiken. Neue Begeisterung für geistliche Berufe und pastorale Dienste muss geweckt werden. Bischof Frantisek Radkovsky (Pilsen) ist trotz der nicht selten entmutigenden Rahmenbedingungen stolz darauf, dass „kleine Gruppen von Gläubigen in einem religiös gleichgültigen Umfeld den Weg des Weg des Volkes Gottes beschreiten“.

Renovabis wird die katholische Kirche Tschechiens nicht im Stich lassen. Und dies ist auch angesichts der Tatsache erforderlich, dass die tschechische Kirche nach Einschätzung von Prof. Dr. Tomas Halik von der Tschechischen Christlichen Akademie in Prag, ihre Position in der pluralen Gesellschaft neu definieren muss. Geistliche und Laien müssten auf der Grundlage einer fundierten Ausbildung die Gesellschaft intellektuell und Werte orientiert mitgestalten.

Ludwig Unger