"Brüssel wird nicht alles richten"
Donnerstag, 01. April 2004
Viele Polen sind Leidtragende der Umgestaltung Polens zu einer liberalen Marktwirtschaft
Einen merklichen wirtschaftlichen Aufschwung verzeichnet Polen in den Ballungsgebieten etwa um die Hauptstadt Warschau, um Danzig und Breslau sowie um Posen und Krakau. Dennoch macht die landesweite Arbeitslosigkeit von knapp 20 Prozent sowie das Bruttoinlandsprodukt in Höhe von 4770 € pro Einwohner im Jahr rasch deutlich: mit der wirtschaftlichen Lage des größten EU-Beitrittskandidaten steht es nicht zum besten. Entsprechend offenbaren sich schwerwiegende sozialen Folgen. Die Lasten tragen Menschen, die sich selbst kaum helfen können.
Eine dramatische Entwicklung verzeichnen nach Einschätzung des Renovabis-Projektreferenten für Polen, Martin Buschermöhle, zum Beispiel die Regionen, in denen landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften bis zur Wende bestanden hatten. Danach konnte dort keine neue Wirtschaftsgrundlage im größeren Stile aufgebaut werden. Nach dem Ablauf erster Sozialpläne sowie dem Auslaufen der Arbeitslosenunterstützung blieben die Menschen sich dort in der Regel selbst überlassen. An manchem Ort wurde versucht, Maschinenringe zu bilden und damit eine landwirtschaftliche Produktion aufrechtzuerhalten. Nicht überall gelang dies. Eine „eklatante Landflucht“ setzte ein und hält noch an. Nach seinen Informationen brauchen rund acht Millionen Menschen - bei einer Gesamtbevölkerung von rund 38 Millionen Menschen - eine neue Aufgabe, und zwar dringend.
Problemgebiete sind für den Theologen, der selbst mehrere Jahre in Polen gelebt hat, die Regionen östlich der Weichsel, vor allem in den Grenzgebieten zu Belarus und der Ukraine. Aber auch in Pommern, Schlesien und dem früheren Ostpreussen herrscht eine besonders hohe Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenunterstützung reicht gerade für „Brot und Margarine“. Und auch das Einkommen der „Durchschnittsbürger“ mit rund 300 € und eine Rente von rund 200 € reicht gerade aus, um die Existenz zu sichern. Die 69-järhige Rentnerin Grazyna Kowalska schildert die Lage: „Mit der Rente komme ich bisher recht gut über die Runden, solange mein Kühlschrank nicht kaputt geht und ich nicht krank werde. Medikamente kann ich mir nicht leisten.“
Wo Zechen und Werften geschlossen wurden
Schlecht „verdaut“ haben auch die ehemaligen Bergbauregionen die Transformation der Wirtschaft und der Gesellschaft. Ehemals arbeitsintensive und heute unrentable Eisen-, Kupfer- und Kohlezechen wurden geschlossen. Die Arbeiter, die bis zur Wende in vergleichsweise privilegierten Verhältnissen lebten, erlitten besondere Einbußen; viele von ihnen „stehen auf der Straße“. Die Folgen für die Familien - vom Alkohol über Zerrüttung der Familien bis hin zu Obdachlosigkeit und zur häuslichen Gewalt - sind leicht nachzuvollziehen. In vielen Fällen sichert nur die Großfamilie als „soziales Netz“ eine materielle Grundlage.
Auf der Strecke bleiben unter diesen Bedingungen vor allem die Kinder, denen nicht nur die Chancen für eine ihrer Neigung und Leistungsfähigkeit entsprechende adäquate Ausbildung genommen wird. Besonders hart betroffen sind die Kinder auf dem Lande. Der Rektor des Priesterseminar in Kielce etwa betont, dass die Bildungschancen auf dem Lande mittlerweile so schlecht sind, dass viele Kinder dort kein Abitur mehr erlangen können.
Die katholische Kirche, die gerade in der Zeit der sozialistischen Herrschaft in Polen auch als Bewahrer der nationalen Identität fungierte, kann vielerorts durch kirchliche Schulen ein Stück weit ein Korrektiv dieser sozialen Schieflage ermöglichen. Die Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa, Renovabis, hilft dabei.
Von Massenentlassungen betroffen waren auch die Beschäftigten unrentabler Industriebetriebe etwa Werften, Textil-, Kunststoff- und Traktorfabriken. In Warschau und Lodz wurden bereits in den frühen 1990er Jahren tausende Beschäftigter „freigesetzt“ - ohne jegliche Perspektive für eine berufliche Zukunft. Nur die am besten ausgebildeten und persönlich ungebundenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der geschlossenen Produktionsstätten haben nach der Kenntnis von Martin Buschermöhle die schwierige Lage meistern können, sie machten sich auf den Weg, verließen die Heimat und ihnen lieb gewordene Personen.
„Auf der Strecke blieben dagegen nahezu alle Frauen und Männer über 40 Jahre“, so der Projektreferent aus Freising. Mit „Ich-AGs“ und Nebenjobs versuchen sich viele „über Wasser zu halten“.
Aufbrüche und soziale Schieflagen
Allerdings dürfen auch die Aufbrüche in der polnischen Gesellschaft nicht übersehen werden. „Es gibt auch Leute, denen es gut geht, die binnen kurzer Zeit viel Geld verdient haben“, zeichnet der Renovabis-Mitarbeiter die Hoffnungszeichen der heute marktwirtschaftlich geprägten Gesellschaftsordnung in Polen nach.
Dennoch stellt Martin Buschermöhle fest: „Der Aufbau tragfähiger sozialer und zivilgesellschaftlicher Strukturen hat sich als langwieriger erwiesen, als Optimisten dies bei der Wende eingeschätzt hatten.“ Nach wie vor ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Verwaltung und die Rechtsprechung gering und viele Polen interpretieren die Politik in erster Linie als „Weg zur Bereicherung“, nicht als Chance, Gesellschaft und Staat zu gestalten. Die Korruption ist weit verbreitet und schadet auch der Wirtschaftskraft des Landes und damit den Ressourcen, die durch wirtschaftliche Leistungen für das Gemeinwohl aufgewendet werden können. Angesichts dieser Situation ist die Solidarität aus dem Westen nach wie vor unverzichtbar, meint Martin Buschermöhle. Bei der sozialen Arbeit, also in Kinder-, Alten und Behindertenheimen, erweist sich die helfende Hand aus Deutschland als Hoffnungszeichen, dies unterstreicht etwa Ania Stecka von der Stiftung zur Hilfe alleinstehender oder in Not geratener Mütter. Und die Zahl der in Not geraten(d)en Frauen steigt in Polen Jahr für Jahr. Denn gerade die sozialen Einrichtungen sind weithin „chronisch unterversorgt“. Ebenso geschätzt ist die Unterstützung der Laienarbeit in der polnischen Kirche durch Renovabis, die Vergabe von Stipendien und die Hilfe, die die Solidaritätsaktion zugunsten der Qualifizierung von Ordensfrauen leistet. Für Martin Buschermöhle ist unumstritten, dass jeder Euro der deutschen Spender eine Investition in eine gemeinsame europäische Zukunft darstellt und sich deshalb lohnt.
Nehmer- und Geberland
Polen stellt sich im Frühjahr 2004 nicht nur als Empfängerland von Hilfen dar. Polnische Bürgerinnen und Bürger geben selbst Unterstützung an Schwestern und Priestern, die in den östlicher gelegenen Ländern wie Russland, Weißrussland, Moldawien oder der Ukraine in der Seelsorge und der sozialen Arbeit tätig sind. Buschermöhle stuft die Polen als „sehr sensibel“ für die Notlagen anderer Menschen ein, was sich auch in den Hilfsaktionen zugunsten der Menschen in Tschetschenien gezeigt hat. „Wer selbst Hunger leidet, der kann leichter die Not anderer nachempfinden“, so der Renovabis-Länderreferent.
Von Seiten der Solidaritätsaktion Renovabis geht es in der Förderpraxis in Polen heute darum, vorwiegend Regionen sowie Kinder, alte Menschen, Behinderte, Obdachlose und Frauen in Notsituationen zu unterstützen, die nach wie vor bedürftig sind. Aber auch Ordensgemeinschaften und Bildungsprojekte benötigen bisweilen Unterstützung.
Ludwig Unger
