16. August 2011
Mit Öko-Landbau aus der Krise
Ausgerechnet im ehemaligen Kriegsgebiet in Georgien setzt eine neue Bauernbewegung auf Öko-Landbau. Die Bauern reagieren damit auf die katastrophale Lage der Landwirtschaft in dem Land. Ein Großteil der Böden liegt brach, 70 Prozent der Lebensmittel werden importiert. Die georgischen Bauern, die sich im Verband Elkana zusammengeschlossen haben, setzen auf die Vielfalt traditioneller georgischer Pflanzen.
Bio-Äpfel aus dem Krisengebiet: Georgische Bauern setzen auf Öko-Landbau
Eine Reportage von n-ost-Korrespondentin Ulrike Gruska, Tiflis
Tiflis (n-ost) – Bio-Äpfel und Trockenpflaumen mit Öko-Zertifikat? Marika Kandorelashvili, könnte man meinen, hat dringendere Probleme. Die Felder der georgischen Kleinbäuerin liegen in Sichtweite von Süd-Ossetien, jener winzigen Provinz im Südkaukasus, um die Russland und Georgien im August 2008 mit schweren Waffen kämpften. Der Krieg vernichtete Marikas Ernte und nahm ihr die letzten Käufer für ihre Äpfel. Denn der nur wenige Kilometer entfernte Markt im süd-ossetischen Zchinwali ist seither unerreichbar. Die Grenze zum benachbarten Russland ist schon seit Jahren geschlossen. In Satemo, Marikas Dorf, leben die Menschen von umgerechnet zehn Euro Sozialhilfe im Monat und von dem Wenigen, was sich auf ein paar Hektar Land anbauen lässt. Dennoch zahlt die 43-Jährige weiter ihren Mi tgliedsbeitrag im georgischen Bauernverband Elkana und wirbt bei den Nachbarn dafür, Geld für den Antrag auf ein Bio-Zertifikat zusammenzulegen.
Marika Kandorelashvili. Foto: Temo Bardzimashvili / n-ostMarikas Engagement für ökologischen Landbau erstaunt angesichts der existentiellen Probleme, vor denen georgische Bauern stehen. Mit fruchtbaren Böden und mildem Klima ist Georgien ein traditionelles Agrarland, doch seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion liegt ein Großteil der Felder brach. Nur rund ein Drittel des nutzbaren Ackerlandes wird bebaut, allein im vergangenen Jahr sank der Anteil der bewirtschafteten Fläche um 15 Prozent. Obwohl jeder zweite Georgier, der einer Arbeit nachgeht, in der Landwirtschaft tätig ist, trägt der Agrarsektor nur einen minimalen Teil zum Bruttoinlandsprodukt bei. Tendenz sinkend: 2004 waren es 16 Prozent, 2010 nur noch 7.
Marika aber baut auf. Mit Hilfe des Bauernverbands schrieb sie Finanzpläne und beantragte Kredite. Sie erhielt Geld und Baumaterial für einen klei nen Stall; ein Kälbchen liegt nun darin, zwei Ferkel suhlen sich im Dreck. Sie richtete einen Pflaumengarten her, der – „Da war ich selbst überrascht!“ – so viel abwarf, dass sie im vergangenen Jahr vier Hektar Land dazukaufen konnte und nun fünf besitzt.
Die Krise in der georgischen Landwirtschaft hat strukturelle Ursachen. Im Gegensatz zu Marika bewirtschaften die meisten georgischen Bauern nicht mehr als den einen Hektar Land. So viel wurde ihnen von der Regierung nach der Auflösung der Kollektivwirtschaften zugeteilt – winzige Parzellen, die sich kaum effektiv bestellen lassen. Außerdem fehlt den meisten Bauern Geld für Dünger und Maschinen, nur wenige Banken vergeben Kleinkredite. Was auf den Feldern wächst, reicht gerade für die, die es anbauen. Und so muss Georgien 70 Prozent seiner Lebensmittel importieren, in den Läden liegen türkische Äpfel neben Cornflakes aus Deutschland und Brot aus der Ukraine.
Marika Kandorelashvili erntet auf ihren fünf Hektar Land vor allem Äpfel und Pflaumen. Foto: Temo Bardzimashvili / n-ostMarika Kandorelashvili setzt dagegen auf den Anbau traditioneller georgischer Sorten. Dass sie dabei ökologische Methoden anwendet, ist pure Notwendigkeit. Marika geht über die Wiesen und zeigt auf einen Pfirsich-Zweig: die Blätter gelblich, mit seltsamen Blasen übersät. „Schlechter Dünger“, sagt sie, „besseren kriegen wir hier nicht.“ Im hohen Gras zwischen den Obstbäumen liegen deshalb jetzt Misthaufen und warten darauf, verteilt zu werden.
Angesichts der katastrophalen Situation in der Landwirtschaft räumt auch die Regierung in Tiflis seit einiger Zeit der Reform des Agrarsektors hohe Priorität ein. Sie hat „Landwirtschaftliche Servicezentren“ eingerichtet, etwa 30 im ganzen Land, in denen sich Bauern Traktoren und Maschinen ausleihen können. Sie hat die Mehrwertsteuer auf Agrarprodukte und die Zollgebühren für deren Export gestrichen und bietet ausländischen Unternehmen großflächigen Landkauf zu so günstigen Konditionen an, dass Kritiker von Schleuderpr eisen sprechen.
Doch finanzkräftige Investoren bleiben skeptisch. Weniger als ein Prozent der ohnehin geringen Auslandsinvestitionen geht in die Landwirtschaft, Tendenz auch hier sinkend. Im vergangenen Jahr lud Georgien deshalb Buren aus Südafrika zur Umsiedlung in den Kaukasus ein. Sie sind nach Ansicht der georgischen Regierung mustergültige Bauern und brächten genau jenes Fachwissen mit, das der georgischen Landwirtschaft fehlt.
Hirse war in Westgeorgien früher weit verbreitet, heute bauen viele Bauern stattdessen Mais an. Foto: Ulrike Gruska / n-ostMariam Jorjadze, Vorsitzende des Bauernverbands Elkana, hat dafür nur ein spöttisches Lächeln übrig. „Landwirtschaftliches Wissen ist bei uns vorhanden, schließlich wird in Georgien seit Jahrhunderten Ackerbau betrieben“, sagt sie, „aber in 70 Jahren erzwungener Kollektivwirtschaft ist eben viel verloren gegangen“. Zu Sowjetzeiten war Georgien ein Land der Monokulturen: Tee, Wein und Zitrusfrüchte wurden großflächig angebaut. Dabei kam es lediglich auf den Ertrag an und nicht darauf, wie lange das der Boden aushielt.
„Die meisten Bauern wussten nach der Unabhängigkeit nicht, was sie mit ihrem Land machen sollten, viele warteten weiter auf Anweisungen von oben“, erzählt Jorjadze.
Der Bauernverband Elkana bot deshalb Schulungen an, half beim Entwickeln von Geschäftsplänen, vermittelte Kredite. Vor allem aber setzte sich der Verband, der inzwischen etwa 450 Mitglieder hat, dafür ein, den Anbau traditioneller georgischer Pflanzenarten wiederzubeleben.
Murad Gogoladze pflanzt auf seinen Feldern traditionelle Sorten wie Flachs und Hirse. Foto: Ulrike Gruska / n-ostAuf den Feldern des Landwirts Murad Gogoladze in der südgeorgischen Region Akhaltsikhe stehen sie sorgsam beschriftet Reihe für Reihe: Platterbsen und Ackerbohnen, Flachs und Hirse, Nackte Gerste und diverse Weizensorten, die gut im Hochgebirge wachsen, weil sie Frost und Dürre trotzen. Die vielen Samen und Setzlinge hatte Murad Gogoladze vom Bauernverband erhalten. Manchmal staunt er selbst über seinen Wandel vom Chefingenieur der örtlichen Sowchose, des sozialistischen Großbetriebs, zum Vorreiter des ökologischen Landbaus in der Region. „Es ist schon absurd“, sagt der tatkräftige 67-Jährige, „früher haben wir die Bauern gezwungen, Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger einzusetzen, um den Ertrag zu steigern, und heute versuche ich, sie von umweltfreundlichen Verfahren zu überzeugen.“
Gogoladze pflanzt Bohnen als Gründünger, deren Wurzeln den Boden mit wertvollem Stickstoff versorgen. Er düngt mit Torf und Mist und hält auf seinen Feldern die Fruchtfolge ein. Selbst gegen die Mäuse, die regelmäßig den Getreidespeicher erobern, legt er kein Gift aus, sondern vertreibt sie mit einer ausgetüftelten Konstruktion, die den Elektrodrahtzäunen um Kuhweiden gleicht. Im Auftrag von Elkana verkauft Gogoladze Saatgut und Jungpflanzen zu günstigen Preisen an die Bauern in der Umgebung – damit der georgische Ackerbau nicht erneut in der Sackgasse der Monokulturen endet.
Ein Teil von Marikas Obst-Plantagen wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion zerstört, weil die Menschen in den umliegenden Dörfern Brennholz brauchten. Foto: Temo Bardzimashvili / n-ostMarika Kandorelashvili wohnt am anderen Ende des Landes und wür de sich freuen, wenn sie sich um Mäuse Sorgen machen könnte. Der Aufbau ihres Guts hat sie viel Anstrengung gekostet. In den ersten wirren Jahren nach der Unabhängigkeit, als die Kämpfe im benachbarten Süd-Ossetien in einen innergeorgischen Bürgerkrieg übergingen, wurden große Teile der ein halbes Jahrhundert alten Obstplantagen zu Brennholz zerhackt. Die Setzlinge ihrer traditionellen Apfelsorten musste sie sich bei den Nachbarn zusammen suchen.
Marika Kandorelashvili in einer ihrer Apfelplantagen. Foto: Temo Bardzimashvili / n-ostMarikas Traum ist ein Trockenraum für Dörrobst: Ein schwarzer Metallcontainer in einem Treibhaus aus Glas, in dem es bis zu 70 Grad heiß wird, wenn die Sonne darauf scheint. Pflaumen trocknen darin innerhalb weniger Tage, ganz ohne Strom. Wenn sie dann noch das Bio-Zertifikat hätten, könnte man sie bis in die Hauptstadt verkaufen. Marika könnte im nächsten Jahr vier Familien aus der Nachbarschaft auf ihrem Gut Arbeit geben.
Infos zu Georgien
Jahresbericht 2011 erschienen: Informieren Sie sich über die Arbeit von Renovabis im aktuellen Jahresbericht.
Aktuelles Spendenprojekt
Salesianerpater Witold Szulczynski SDB, Direktor der Caritas Georgia, hört zu und spendet Trost.Renovabis fördert den Betrieb von Suppenküchen in Georgien und sichert somit die Versorgung von alten und bedürftigen Menschen. Das Projekt können Sie mit Ihrer Spende unterstützen. Suppenküchen für notleidende Menschen in Georgien
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@renovabis schreibt:
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