10. November 2011

Nationalmannschaft kickt für die Verständigung

Am 11. und 15. November trifft Bosnien in der EM-Qualifikation auf Portugal. Erstmals seit der Unabhängigkeit könnte sich damit eine bosnische Fußball-Nationalmannschaft für ein bedeutendes internationales Turnier qualifizieren. 16 Jahre nach Kriegsende ist die Gesellschaft des Balkanstaates noch immer entlang seiner drei Volksgruppen gespalten, seit mehr als einem Jahr gibt es keine Regierung. Ein Erfolg der multiethnischen Nationalmannschaft könnte die Bosnier ein Stückchen mehr zusammenbringen.

Kicken für die Verständigung: Bosniens Fußballer spielen auch für die Einheit ihres Vielvölkerstaats

Ein Bericht von n-ost-Korrespondent Simon Riesche, Sarajevo

Sarajevo (n-ost) – Der bosnische Mittelfeldspieler Zvejzdan Misimovic gilt nicht gerade als Mann der großen Worte. Vor den Playoffs gegen Portugal aber können die Sätze auch für den sonst so zurückhaltenden 29-Jährigen nicht pathetisch genug sein.

„Wir wollen dafür sorgen, dass das Lächeln auf die Gesichter der Bosnier zurückkehrt“, erklärte Misimovic in einem FIFA-Gespräch.

An diesem Freitag (11. November) tritt er mit seinen Teamkollegen in der EM-Qualifikation gegen Portugal im Stadion von Zenica an, vier Tage später gibt es das Rückspiel in Lissabon. Erstmals könnte sich Bosnien-Herzegowina damit für ein großes Fußballturnier qualifizieren. Für Misimovic würde „ein Traum in Erfüllung gehen“.

Eine Teilnahme an der EM 2012 wäre aber nicht nur eine sportliche Sensation. Sie gilt auch für die Bevölkerung des Balkan-Staats als Aufbruchssignal. 16 Jahre nach Kriegsende ist die bosnische Gesellschaft noch immer tief gespalten. Das Daytoner Friedensabkommen hatte 1995 zwar die Waffen zum Schweigen gebracht, gleichzeitig aber die ethnische Teilung des Landes festgeschrieben. Noch heute besteht das Staatsgebiet aus einer Republik der bosnischen Serben und einer muslimisch-kroatischen Föderation. Das Misstrauen gegenüber den jeweils anderen Volksgruppen ist nach wie vor groß, seit den Wahlen im Oktober 2010 gibt es keine gesamtstaatliche Regierung mehr.

Man dürfe den Einfluss des Sports natürlich nicht überschätzen, sagt Ajla Kasumovic von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Sarajevo. Bosnien-Herzegowina fehlt eine nationale Identität. Viele Bürger haben zwar einen bosnischen Pass, sehen sich aber als Serben oder Kroaten.

„Ich habe aber durchaus die Hoffnung, dass ein Erfolg der multiethnischen Nationalmannschaft die Bosnier zumindest zeitweise zusammenführen könnte“ , sagt Kasumovic.

Auch Valentin Inzko, EU-Sonderbeauftragter in Bosnien-Herzegowina, glaubt an den Fußball. Dieser bilde, so sagte er bereits vor einigen Monaten in einem Interview, eine seltene Kraft, „die helfen kann, das Land zu vereinen“.

Da stört es auch nicht, dass Bosniens Nationalspieler fast alle bei ausländischen Vereinen unter Vertrag stehen, im Gegenteil. Misimovic kickt in Moskau, Edin Dzeko in Manchester und Vedad Ibisevic in Hoffenheim. Allein schon, weil sie in der Ferne weilen, haben die Stars in der Regel wenig mit den ethno-nationalistischen Grabenkämpfen in ihrer Heimat am Hut. Das allerdings hält die Politiker und Funktionäre in Bosnien-Herzegowina nicht davon ab, den Fußball für ihre Zwecke und Interessen zu missbrauchen.

Nachdem sich der entlang der drei Volksgruppen zerstrittene bosnische Fußballverband nicht auf einen gemeinsamen Präsidenten einigen konnte, schlossen ihn UEFA und FIFA im April dieses Jahres kurze rhand von allen Wettbewerben aus. Allein ein eilig einberufenes Notkomitee konnte erreichen, dass die Nationalmannschaft die EM-Qualifikation nun doch noch zu Ende bestreiten kann und die Spieler weiter auf die versöhnende Wirkung ihres Sports hoffen können. Mittelfeldregisseur Misimovic ist sicher: Sollte seine Mannschaft gegen Portugal gewinnen, die Menschen in Bosnien-Herzegowina würden ein großes Fest feiern, „alle miteinander“.

Hintergrund-Info

Bosnien und Herzegowina – Schwerpunkt der kommenden Ausgabe der Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“

Bosnien und Herzegowina – ein Land oder zwei Länder? Die Wirklichkeit ist leider noch komplizierter, denn dieses Land im Herzen des ehemaligen Jugoslawiens war immer „Spielball“ seiner Nachbarn und zuletzt Schauplatz des blutigsten der Kriege, die sich nach 1990 auf dem westlichen Balkan abgespielt haben.

1995 konnte durch Eingreifen der internationalen Gemeinschaft der militärische Konflikt beigelegt werden; auch wurde ein Verfassungssystem geschaffen, das das Zusammenleben aller Volksgruppen sichern und die Voraussetzungen für einen Wiederaufbau von Gesellschaft und Wirtschaft garantieren sollte. In den vergangenen sechzehn Jahren hat sich tatsächlich manches bewegt, dennoch herrschen vielfach Stagnation und Pessimismus vor. Und doch gibt es auch sichtbare Zeichen der Hoffnung. Wie immer ist es die junge Generation, die die Last der Vergangenheit am ehesten hinter sich lässt und versucht, im Geist der Versöhnung auf eine friedliche Zukunft hinzuarbeiten. Eine wichtige Rolle kommt dabei den „Schulen für Europa“ zu, deren Aufbau Renovabis seit 1994 tatkräftig unterstützt hat. Allen Widerständen zum Trotz gelingt dort im Alltag und in kleinen Schritten ein friedliches Miteinander der Volksgruppen.

Ein Land – zwei Länder oder sogar noch mehr? Die Realität ist oft noch viel absurder, als man es sich vorzustellen vermag. Dies gilt für viele Bereiche, etwa auch für den Fußballverband von Bosnien und Herzegowina, wie diese Reportage zeigt. In wenigen Tagen wird das nächste Heft der Zeitschrift OST-WEST. Europäische Perspektiven erscheinen und sich mit „Bosnien und Herzegowina“ befassen – vielleicht kann es zu etwas mehr Klarheit beitragen.

Jahresbericht 2011 erschienen: Informieren Sie sich über die Arbeit von Renovabis im aktuellen Jahresbericht.

@renovabis schreibt:

Programmtipp Katholikentag, ab 11 Uhr: Podium zum Thema "Leben mit HIV und #Aids - weltweit und ganz nah", Reiss-Engelhorn-Museen. #kt12
vor 5 Tage 50 Minuten
RT @lerenovabis: Schöne diözesane Aktionseröffnung in Ffm. Danke ans Hedwigs-Team. Spannende Diskussion und Kuchen satt! #Renovabis...
vor 1 Woche 3 Tage
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