02. Juli 2012
Demonstrationen und Gebete gegen Blutrache
Es klingt wie ein Krimi, aber es ist Realität: Vor wenigen Wochen wurden eine Jugendliche und ihr Opa in ihrem Garten in einer Stadt in Albanien ermordet - nach dem Kanun, dem alten Gewohnheitsrecht in den nordalbanischen Bergen. Der Kanun sieht Blutrache als Sühne für Ehrverletzungen vor. Am 29. Juni wurden wieder zwei Männer getötet, zwei Frauen und zwei Kinder wurden schwer verletzt. Aus diesem Anlass schrieb uns unsere Projektpartnerin Sr. M. Christina Färber aus Shkodra im Norden Albaniens einen bewegenden Brief über ihren Kampf gegen das Leid der Blutrache, den wir an dieser Stelle veröffentlichen.
Liebe Schwestern und Brüder,
die Wunde Albaniens blutet neu. Edi, ein Junge mit 13 Jahren malte mir heute ein Bild, wie er Blutrache erlebt. Edi weiß, wovon er malt. Er ist „im Blut“ geboren. (Das heißt, er muss immer damit rechnen, aus Rache für einen seiner Verwandten oder Vorfahren getötet zu werden. - Anmerkung der Redaktion) Wohl kennt er nur die Farben schwarz und rot für dieses Thema. Und er identifiziert diesen Fluch wohl als größte Wunde Albaniens.
Während Edi hier das Bild malt, ruft Nikoll, unser Nachbar, an. Furchtbares ist gestern passiert: Auf dem Weg nach Hause vom Fest Peter und Paul sind Verwandte seiner Mutter getötet worden. Motiv: Blutrache wegen Ehrverletzung. Die Sippe war mit einem eigenen Kleinbus unterwegs vom Fest nach Hause, als die vor vier Jahren Beleidigten die Rache vollzogen. Ein Mann der anderen Sippe wurde damals auf dem Dorfplatz ins Gesicht geschlagen. Das ist Gesichtsverlust, der nach dem Kanun mit Blut bezahlt werden muss. Zwei Männer, Brüder, waren auf der Stelle tot, zwei Frauen und zwei Jungs sind schwer verletzt, wir beten um ihr Überleben.
Ein Massaker sondergleichen. Nikoll ist unterwegs zur Beerdigung nach Puka. Als ich ihn bat, der Sippe doch abzuverlangen, dass sie nicht wieder rächen soll, hat er dies nicht verstehen können. Er sagte nur: „Zwei Tote, vier Verletzte, das geht nicht, Schwester.“ Und ich habe gemerkt, dass da Abgründe sind, die wir nicht überwinden können. (Der Kanun verpflichtet Opfer einer Gewalttat „Blut zu nehmen“, das heißt, an der Familie des Täters Rache zu üben und ein meist männliches Familienmitglied zu töten. Geschieht das nicht, dann gilt die Seele des Opfers als unerlöst. - Anmerkung der Redaktion) Dann hat Nikoll noch gesagt, dass die Getöteten vor einer Woche die Polizei um Hilfe gerufen und um Schutz gebeten hatten. Sie wussten um die bevorstehende Rache und haben um Entwaffnung der Gegenpartei gebeten. Es ist nichts passiert.
Wieder einmal sind wir alle geschockt – der letzte Mord an Maria und ihrem Opa ist noch nicht verarbeitet. Die eingesperrten Kinder haben Angst. Edis Bild sagt ja alles. Und mir kommt es vor, als wäre die albanische Erde wirklich von Blut getränkt vom Krieg der eigenen Sippen.
Umso überzeugter und umso bewusster werden wir am Mittwoch in Shkodra zur friedlichen Blutrache-Demonstration gehen. Luftballons mit Texten gegen die Blutrache werden fliegen und sagen: Es gibt eine neue Bewegung, es gibt Menschen, die begonnen haben, anders zu denken, anders zu reagieren. Es gibt das andere Albanien, das nicht nach Blut ruft, sondern nach echtem Leben, nach Versöhnung, nach Gerechtigkeit und friedlicher Konfliktlösung. Es gibt auch junge Christen, die das lebendige, glücklich machende Leben nach der Heiligen Schrift leben und nicht dem Gesetz des Kanun, einer tödlichen, zerstörerischen Kraft, folgen. Wir bezeugen es trotz allen Wahnsinns am Mittwoch neu. Edi und einmal seine Kinder sollen ein Albanien malen können, wo die Blumen blühen und die Vögel singen. Und ich bin neu davon überzeugt, dass jeder von uns, der wirklich versöhnt mit allen und allem ist, einen Beitrag leistet zur Versöhnung insgesamt in der Welt.
Der Friede Gottes sei so mit Euch allen und mit jenen, die nicht friedlich leben können.
Eure Sr. M. Christina
Über Sr. Christina
Schwester M. Christina Färber ist Mitglied der „Spirituellen Weggemeinschaft“, einer in der Schweiz beheimateten Vereinigung katholischer Ordensfrauen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, einfach, arm und konkret das Leben der Menschen zu teilen. Sie lebt und arbeitet in Shkodra im Norden Albaniens, in einer der ärmsten Regionen Südosteuropas. Ihr Einsatz umfasst praktische Lebenshilfe für die Ärmsten der Armen wie Dorfentwicklung und Müllentsorgung, medizinische Versorgung und Nothilfe bei den Winter-Überschwemmungen in Nordalbanien, aber auch das Bemühen, soziale Ungerechtigkeiten aufzubrechen, etwa im Kampf gegen die immer noch praktizierte Blutrache. Im April 2011 hat Sr. Christina einen Fragebogen für uns beantwortet.
Artikel zu Albanien
| Beitragsdatum | Titel | Verweis |
|---|---|---|
| 04.01.2013 | "Der grüne Zweig" oder das Prinzip Hoffnung | Lesen » |
| 12.10.2012 | Renovabis im Domradio | Lesen » |
| 31.07.2012 | Filmtipp: Die Gejagten - Ferien von der Blutrache | Lesen » |
| 18.07.2012 | So lebt... Helena aus Südalbanien | Lesen » |
| 16.07.2012 | Besuch aus Albanien | Lesen » |
| 02.07.2012 | Demonstrationen und Gebete gegen Blutrache | Lesen » |
Infos zu Albanien
Artikel, Neuigkeiten und Reportagen
| Beitragsdatum | Titel | Verweis |
|---|---|---|
| 04.01.2013 | "Der grüne Zweig" oder das Prinzip Hoffnung | Lesen » |
| 12.10.2012 | Renovabis im Domradio | Lesen » |
| 31.07.2012 | Filmtipp: Die Gejagten - Ferien von der Blutrache | Lesen » |
Bilder aus Albanien
Bilder aus Osteuropa
Unsere Bildergalerie mit Impressionen aus Mittel- , Ost- und Südosteuropa.
Aktuelles
Die Beiträge in „Aktuelles“ sind nach Themen sortiert. Je größer ein Wort ist, umso mehr Beiträge finden sie zu diesem Thema.
Kurzinfo Renovabis
- deutsch: Renovabis stellt sich vor (07/2012)

- english: Renovabis at a glance (07/2012)

- по-русски: Информация о Renovabis (Реновабис) на русском языке (2009)












