10. Juli 2012

"Wir hofften, dass die Versorgung durch die Luftbrücke nicht lange dauern würde"

Fast vier Jahre (vom 4. April 1992 bis zum 29. Februar 1996) dauerte die Belagerung von Sarajevo im Bosnien-Krieg. Vor 20 Jahren, am 3. Juli 1992, begann die internationale Luftbrücke zur Versorgung der in Sarajevo eingeschlossenen Menschen. Sie wurde mit einer Dauer von 1.425 Tagen zur längsten Luftbrücke der Geschichte. Der katholische Weihbischof von Sarajevo, Dr. Pero Sudar, hat sich an diese Zeit erinnert:

“Ihr seid nicht allein!“

Sarajevo war eingekesselt, niemand konnte ohne besondere Erlaubnis die Stadt verlassen. Das Nötigste zum Leben war aufgebraucht. Die Menschen lebten in größter Angst. Sie fürchteten sich nicht nur vor der Hungersnot, sondern auch, dass sie jederzeit durch Granaten und Bomben getötet werden könnten. Man wusste auch von schlimmen Massakern, die in anderen Städten passiert sind. In dieser Situation war die Luftbrücke ein Signal und eine Erleichterung: Europa und die Welt wissen um unsere Lage und sie sind bereit uns zu helfen!

Wir hofften, dass die Versorgung durch die Luftbrücke nicht lange dauern würde. So absurd erschien uns die Belagerung, dass wir dachten, unseren Führern würde von außen oder aus ihren eigenen Reihen bald Einhalt geboten werden. Die Luftbrücke stärkte unsere Gewissheit, nicht allein zu sein, so wie es Papst Johannes Paul II. uns zugesagt hatte: „Ihr seid nicht allein!“

Für alle ein bisschen

Ohne diese Art der Versorgung hätte niemand die Belagerung überlebt. Die ankommenden Hilfsgüter waren knapp, aber für alle war ein bisschen da. Heute ist es anders: Viele essen zu viel und zu viele essen zu wenig. Im Krieg waren wir eine Familie: jeder hat geteilt, jeder hatte gleich wenig zu essen. In dieser Not habe ich so viel Mitmenschlichkeit erlebt, ohne die man psychisch nicht hätte überleben können. Oft bin ich ins Krankenhaus gegangen und sah, wie Menschen ohne Narkose operiert wurden, oder dass Verletzte keine Medikamente bekamen. Manchmal dachte ich, es sei besser zu sterben, als verletzt zu sein. Aber gleichzeitig spürte ich so viel Gutes! Menschen sorgten sich umeinander und die kleinen Gesten der Unterstützung halfen überleben.

Das Abkommen von Dayton steht dem Frieden im Weg

Heute bin ich traurig, dass nur im Krieg so gute Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen in Sarajevo möglich waren. Der Krieg ist zu Ende, aber wir haben trotzdem keinen Frieden. Das Abkommen von Dayton hat die Entwicklung einer gesellschaftlichen Normalität verhindert. Viele Menschen sagen, dass die Spannungen größer sind, als unmittelbar nach dem Krieg. Das ist nicht nur eine Tragödie für uns, sondern eine Tragödie für die Welt. Denn wenn das Zusammenleben verschiedener Ethnien in Bosnien und Herzegowina nicht möglich ist, in einem Land also, in dem verschiedenste Menschen über Jahrhunderte friedlich zusammengelebt haben, wo soll es dann auf der Welt möglich sein?

Armut erschwert das Miteinander

Hoffnungszeichen sind viele Menschen, die im Alltag viele kleine Schritte für ein besseres Miteinander machen. Einfache Menschen – manche haben fast alle ihre Familienangehörigen im Krieg verloren – sind bereit sich zu helfen und eine gute Nachbarschaft zu pflegen. Wir müssen sie darin ermutigen. Es ist nicht leicht zu teilen, wenn das Nötigste zum Leben fehlt.

Die Menschen ermüden und ich spüre, dass sie aufgeben. Sie haben keine Arbeit, junge Leute verlassen das Land. Wer soll dann eine friedliche Gesellschaft aufbauen?

Schulen für Europa – Zusammenleben funktioniert!

Darum sind wir dankbar für die Hilfe, die wir aus Deutschland, von den deutschen Katholiken und von Renovabis bekommen haben. Das waren starke Zeichen der Solidarität für uns. Mit dieser finanziellen und ideellen Unterstützung konnten wir unsere multiethnischen „Schulen für Europa“, in denen wir den Schülern zeigen: „Ihr seid für uns alle gleich!“

In den Schulen sehen wir, dass ein Zusammenleben funktioniert. Denn immerhin 25 bis 30 Prozent der Schüler in der Schule in Sarajevo kommen aus dem muslimischen Bevölkerungsanteil. Viele kommen sogar aus gemischt-religiösen bzw. gemischt-ethnischen Familien.

Die Schülerzahlen steigen – inzwischen lernen in allen Schulen etwa 5.000 Schülerinnen und Schüler – und wir können gar nicht alle aufnehmen, die sich bei uns bewerben. Der Staat unterstützt unsere Schulen finanziell. Sie sind wie kleine Inseln in einem Meer von wirtschaftlichen, politischen und ethnischen Schwierigkeiten. Aber wir sehen vor allem die kleinen Erfolge des Schulalltags und möchten vielen jungen Leuten eine Chance bieten. Wir sind sehr dankbar für die Hilfe aus Deutschland, durch die wir all das ermöglichen können.

Schulen für Europa

Renovabis hat den Aufbau der Schulen für Europa mit fast 5 Millionen Euro unterstützt. 2009 gab es bereits sieben katholische Schulzentren mit vierzehn Schulen, die alle multiethnisch und multireligiös konzipiert sind. Dort lernen insgesamt etwa 5.000 Schülerinnen und Schüler verschiedener Ethnien und Religionen gemeinsam.

Interview mit Weihbischof Dr. Pero Sudar

Aus Anlass des 15. Jahrestages der Eröffnung der „Schulen für Europa“ sprach Renovabis-Geschäftsführer Burkhard Haneke mit dem geistigen Vater dieser Schulen, Dr. Pero Sudar, Weihbischof in der Erzdiözese Sarajevo (Foto), über sein Schulkonzept.
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Pressemitteilung: „Grundsteine der Versöhnung gelegt“

Katholische „Schulen für Europa“ in Sarajevo wurden 15 Jahre alt… weiterlesen