24. Juli 2012
Leben in einem Land nach Krieg und Vertreibung - Jugendliche aus Wunstorf berichten aus Bosnien
Es ist eine besondere Partnerschaft, die im Jahr 2007 in Wunstorf (Niedersachsen) begonnen hat und bis heute andauert. Jugendliche aus der Pfarrei St. Bonifatius beschäftigten sich im Rahmen ihrer Firmvorbereitung mit den Folgen von Krieg und Vertreibung in Bosnien und lernten die Situation der Menschen kennen. Das Thema ließ die Jugendlichen nicht mehr los und sie beschlossen aktiv zu werden. Gemeinsam mit ihrem Gemeindereferenten, Winfried Gburek, organisierten sie zahlreiche Aktionen in ihrer Heimatpfarrei und spendeten den Erlös für die Menschen in Simici in Bosnien. Als der Bischof von Banja Luka, Franjo Komarica, von dem Engagement der Jugendlichen aus Deutschland erfuhr, kam er nach Wunstorf, um die Unterstützer kennen zu lernen. Er lud die Jugendlichen nach Bosnien ein, damit sie die Menschen, die sie unterstützen, selbst kennen lernen können. Gemeinsam mit ihrem Gemeindereferenten reiste die Gruppe am vergangenen Freitag nach Banja Luka. Von dort aus berichten sie über ihre Erlebnisse und Erfahrungen während der insgesamt 10-tägigen Jugendbegegnung.
Grundstein für die Partnerschaft zwischen der St. Bonifatius Gemeinde (Wunstorf) und der Gemeinde St. Peter und Paul (Simici) war eine Aktion beim Pfarrfest der deutschen Gemeinde, bei der Jugendliche Gebäck verkauften und den Erlös für die Menschen in Bosnien spendeten. Es folgten zahlreiche weitere Aktionen, auf die schließlich auch der bosnische Bischof Franjo Komarica aufmerksam wurde. Sein Besuch in Deutschland war für viele der Startschuss für eine internationale Begegnung.
Der Pfarrgemeinderat griff die Einladung des Bischofs auf und wandte sich wegen der Finanzierung eines Gegenbesuchs an Renovabis. Die Zielsetzung des Projekts ist es, den gegenseitigen direkten Austausch zu ermöglichen und die Partnerschaft zwischen den Menschen beider Pfarreien weiter zu stärken. Das Projekt greift ganz zentrale europäische, aber auch weltkirchliche Aspekte auf. Es geht um die Folgen von Krieg und Vertreibung, um die Möglichkeit der Versöhnung, aber auch um den Austausch und den Respekt zwischen den Kulturen. Renovabis sagte die Unterstützung im Rahmen des Förderprogramms „GoEast“ für das Projekt zu und die Jugendlichen konnten am vergangenen Freitag, dem 20. Juli 2012, gemeinsam mit Winfried Gburek, ihrem Gemeindereferenten, nach Simici in Bosnien aufbrechen.
Während ihres Besuchs berichten die Teilnehmer für Renovabis immer wieder von ihren Eindrücken und Erlebnissen.
Eindrücke der Teilnehmer
Freitag, 20.07.
Unsere ersten Erlebnisse in Bosnien waren der Grenzübergang und der anschließende Besuch eines kleinen Marktes nach großer Erschöpfung durch die lange Reise. Eine der ersten großen Überraschungen begann bei der Grenzkontrolle. Nach der Erkenntnis des Kontrolleurs, dass wir deutsch sind und in ihr Land einfahren wollten, winkte man uns durch, ohne alle Bescheinigungen zeigen zu müssen. Bei dem Antreffen eines kleinen Marktes waren wir positiv erfreut. Wir konnten unsere knappen Wasservorräte auffüllen und gestärkt der Einladung zu einem Gemeindefest in Simici folgen. Dort wurden wir sehr herzlich empfangen, denn wir wurden erwartet. Schon von weitem hörten wir die feierliche und lautgestimmte Musik. Bei unserer Ankunft bot man uns einen Platz in der ersten Reihe an. Während man für uns das Essen zubereitete, sahen wir begeistert den tanzenden Leuten zu (siehe Bild).
Nachdem diese das bemerkt hatten, forderten sie eine von uns zum Tanzen auf. Bei fröhlichem Feiern aßen und tranken wir gemeinsam mit dem Pfarrer Anto Maric.
Bemerkenswert empfanden wir die spontanen Karaokeeinlagen verschiedener Leute, unter Anderem die des Pfarrers (siehe Bild).
Gegen Abend folgten wir einer weiteren Einladung zum Abendessen bei einer Familie. Die Gastfreundschaft dieser Leute war unbeschreiblich! Wir haben sofort etwas zu trinken bekommen, unter Anderem Slivowitz (Schnaps) zum Anstoßen, was hier so ein üblicher Brauch ist, und uns auf das Netteste unterhalten. Dabei haben wir dann auch erfahren, dass die Frau des Hauses vor Kurzem verstorben ist. Wir hatten uns schon gewundert, warum einige ältere Herrschaften auf einem bestimmten Platz sitzen geblieben sind. An diesem war die Frau verstorben. Der Witwer saß am Eingang, der von einer weiteren Frau betreut wurde. Die Tochter erzählte uns, dass sie in Australien lebe, aber sich in Bosnien beheimatet fühlt. Sie mag die Ruhe und die Unberührtheit des Landes. Da wir das Bedürfnis verspürten, unsere Unterkunft aufzusuchen, haben wir uns verabschiedet, ohne das frisch gebratene Lamm zu verspeisen. Wir legten einen kleinen Zwischenstopp bei der Bischofskirche ein, wo uns der Bischof Franjo Komarica auch herzlich begrüßte. Nach einiger Zeit waren wir angekommen, haben unsere Quartiere inspiziert und sind schlummern gegangen.
Samstag, 21.07.
Ein neuer Tag und neue Begegnungen. Heute haben wir einen weiteren katholischen Pfarrer kennengelernt, Darko. Zur Begrüßung gab es etwas Erfrischendes zu trinken – in einer Gaststätte. „Möglichst viele sollten erfahren, dass die Deutschen im Dorf angekommen sind.“ Kurz darauf sind wir aufgebrochen, um uns seine Pfarrkirche und das alte Pfarrhaus anzusehen. Darko erzählte uns, dass die Kirche neu aufgebaut wurde und dass das Pfarrhaus von Serben im Krieg verwüstet und ausgeraubt wurde. Im ganzen Haus hat man das den leeren Räumen angesehen. Jedoch endete unsere Rundtour an diesem Ort noch nicht. Wir fuhren weiter zu einem ehemaligen Kriegsgefangenen, wo wir ganz andere Eindrücke von dem täglichen Leben des „einfachen Volkes“ gewannen. Obwohl der Mann selbst nur für sich und seine Familie eine geringe Rente bekommt – 130 Euro - wurden wir mit verschiedenen Snacks verwöhnt (siehe Bild).
Hier hat man noch einmal die extrem große Gastfreundschaft erlebt. Der Hausbesitzer war zutiefst gerührt, dass wir Außenstehende etwas über seine Zeit im Gefangenenlager erfahren wollten und vergoss dabei einige Tränen. Auch dort mussten wir uns leider verabschieden, um zu einem Bürgermeister zu fahren. Dieser Mann fing in der Zeit des Krieges an, Akten über die Vertriebenen zu führen. Noch heute versucht er, seine Listen zu vervollständigen. Seine Zukunft sieht er in der Anzucht eines Tees, der gut gegen Bluthochdruck wirken soll. Er wächst in dem dortigen Boden besonders gut. Wie üblich stand die Gastfreundschaft im Mittelpunkt. Nicht nur,dass man sich für uns Zeit nahm, man bot uns auch wieder einen Begrüßungsschnaps an.
Unser nächster Besuch war bei einer Bio-Gärtnerei. Ein weiteres Mal wurden wir herzlich aufgenommen. Man zeigte uns den ganzen Stolz des Hausherren: seine Gewächshäuser (siehe Bild).
Dort wachsen Paprika, Tomaten und Melonen, welche mit Wasser aus dem Fluss versorgt werden müssen. Das ist nur durch den Tank auf seinem Anhänger zu beschaffen. Bei dem kleinen Spaziergang über das Anwesen staunten wir über die Riesentomaten. Anschließend versammelte sich die ganze Familie, um gekühlte Wassermelonen mit uns zu vernaschen. Eine Runde Slivowitz durfte nicht fehlen. Als wir uns verabschiedeten (ein weiteres Mal), bekamen wir großzügige Kostproben aus dem eigenen Anbau mit.
Zum Abschied von Darko aßen wir noch zu Abend. Lamm, Schwein und Huhn frisch vom Spieß. Wir wurden von Darko vortrefflich unterhalten. Dadurch fiel es uns auf einmal viel schwerer, uns zu verabschieden. Dabei wurden die Mädchen sogar mit einem formvollendeten Handkuss beehrt. Auf der Suche nach den Jugendlichen, die wir in Banja Luka für eine Stadtführung eigentlich schon vor drei Stunden hätten treffen sollen, nahmen wir an einem Gottesdienst in der Bischofskathedrale teil, der erstaunlich kurz ausfiel. Den Rest des Tages verbrachten wir in der Stadt. Nach einem kleinen Gang in die Innenstadt trennten wir uns. Der weibliche Teil der Gruppe machte einen kleinen Abstecher zum Shoppen und ließ daraufhin den Tag mit den Männern beim Eisessen ausklingen.
Sonntag, 22.07
Der Vormittag gehörte einem besonderen Gottesdienst: Einer Eucharistiefeier mit dem Kardinal Pulic aus Sarajevo, im Trappistenkloster von Banja Luka. Ein Kloster, das für die gesamte Entwicklung des Gebietes um Banja Luka seit 1780 entscheidendes geleistet hat. Nach dem festlichen Gottesdienst nutzen wir die Chance, in der Unterkirche eine Fotodokumentation zu der Geschichte des Klosters zu sehen, die bewiesen, wie vielfältig die Tätigkeiten und das Engagement aus dem Kloster heraus war. Sie verhalfen den Menschen zu Berufen, wie zum Beispiel Sattler, Bäcker, Drucker, Schneider, Weber, Maurer, Landwirt, Gärtner, Bierbrauer, Müller, Hersteller des Trappistenkäses. Entsprechende Erläuterungen vermittelte uns Winfried Gburek, der auch unsere Partnerreise organisierte.
Trotz des schlechten Wetters herrschte eine fröhliche Stimmung unter den Menschen. Anschließend stellte er uns dem Kardinal vor, der gern mit uns ein Gruppenfoto machen wollte (siehe Bild). Er war begeistert, dass wir uns aus Deutschland auf den Weg gemacht hatten, um das Land und seine Menschen kennen zu lernen.
Montag, 23.07
Am Montag fing der Tag für uns mit dem Klingeln des Weckers um 7 Uhr an. Um halb 8 folgte das gemeinsame Frühstück. Voller Erwartungen fuhren wir einen weiten Weg in die Bergregionen vor Banja Luka. Dort erwartete uns eine alleinstehende Frau auf einer Schafsfarm. Hier konnten wir tatkräftig helfen. Wir zogen das zuvor gefällte Holz aus dem Unterholz frei und stapelten es zum Abtransport (siehe Bild). Die Frau war in den Kriegsjahren geflohen. Vor zwei Jahren kam sie zurück, um den elterlichen Hof nach Plünderung und Zerstörung wieder aufzubauen. Inzwischen hat sie rund 100 Schafe und Ziegen in ihrem neuen Stall. Unser Weg zu den Arbeiten führte uns an aufgelassenen Häusern – halb verfallen – zahllosen leeren Grundstücken und weiten Wiesen vorbei, auf denen unendliche viel Pfefferminze wuchs. Zum Dank kochte die Hausbesitzerin uns köstliches Essen, wodurch wir noch gestärkter in den weiteren Tag einziehen konnten. Im Gespräch beim Essen erfuhren wir, dass sie den Hof ganz alleine leite und durch die Entschädigung durch den Krieg aufgebaut hat. Dieses traf bei uns auf großes Erstaunen.
Nachmittags war das Treffen mit dem Gründer des Caritas von Banja Luka, Sr. Milienco Anicic. Bei diesem erhielten wir ausgiebige Informationen über die Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens, bis zum heutigen Leben in Bosnien-Herzegowina. Im Weiteren folgten detaillierte Beschreibungen über derzeitige Projekte der Caritas (siehe Bild).
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Kurzinfo Renovabis
- deutsch: Renovabis stellt sich vor (07/2012)

- english: Renovabis at a glance (07/2012)

- по-русски: Информация о Renovabis (Реновабис) на русском языке (2009)



















