30. Juli 2012

Jugendliche berichten aus Bosnien - Teil 3

Jugendliche unterwegs in Bosnien - Teil 3: Seit gestern sind die Jugendlichen aus Wunstorf, die im Rahmen des „GoEast“-Programms im Bistum Banja Luka zu Gast waren, wieder zurück in Deutschland. Im dritten Teil des Reiseberichts schildern sie das letzte Wochenende ihrer Bosnien-Reise.

Die Partnerschaft zwischen der St. Bonifatius Gemeinde in Wunstorf und der Pfarrei St. Peter und Paul in Simici hat bereits eine lange Geschichte. Lesen Sie mehr zu den Hintergründen der Partnerschaft und den ersten Teil des Reiseberichts.

Eindrücke und Erlebnisse der Teilnehmer

Donnerstag, 26.7.

Eigentlich sollte heute die zweite Gruppe von uns in der Suppenküche arbeiten, doch leider kam etwas dazwischen. Es war das Fest der heiligen Anna und somit blieb die Küche für uns unerwartet kalt. Im Gegenzug dafür machten wir uns direkt auf den Weg, um ein besonders großartiges Projekt der Caritas Banja Luka kennen zu lernen. Es ging zur Farm in der Nähe von Alexandrovac. Die große Farm besteht aus mehreren Kuhstallungen mit insgesamt 300 Tieren (siehe Bild).

Desweiteren verfügt die Farm über eine hochmoderne, nach europäischen Standards ausgerüstete Biogasanlage, die gleichzeitig die erste und einzige Biogasanlage in Bosnien und Herzegowina ist. Ein echtes Vorzeigeprojekt der örtlichen Caritas. Unser erster Kontakt mit der Farm bestand in der Besichtigung der dortigen Käserei (siehe Bild), die durch die Trappisten aus Banja Luka betrieben wird. Die lange Geschichte der Käserei von Banja Luka beeindruckte uns sehr. Auch der auf diese Weise ins Leben gerufene Neuanfang der Produktion. Der verantwortliche Trappist der Käserei ist darüber hinaus auch der einzige, der über die Kenntnis der Rezeptur verfügt und ist damit einer von wenigen auf dieser Welt. Die Rezeptur hatte er während seiner Ausbildung bei den Trappisten in Frankreich mündlich erhalten. Sie wird auch nur mündlich den zukünftigen Generationen übermittelt. Auch die Stallungen machten uns deutlich, wie hoch die Qualität der Aufzucht und Tierhaltung ist. Um das zu erkennen, mussten wir keine Fachleute sein.

Mit der Biogasanlage wurde zusätzlich deutlich, was alles möglich ist, um den Menschen nach den Kriegsjahren eine positive Sicht für eine Zukunft in diesem Land zu geben. In unserem Gespräch untereinander wurde klar, dass es aber nicht nur bei den Projekten der Caritas bleiben darf. Warum wird hier der Staat nicht aktiver, wenn er schon so großartige Projektvorbilder hat? – Mit Hochachtung vor dem Engagement lasen wir die symbolische Kennung an den Häusern und der Biogasanlage, über die Beteiligten. Nicht schlecht staunten wir, wie sich Renovabis, die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die Caritas und die Deutsch-Kroatische-Gesellschaft e.V. Hannover dieser Projekte angenommen hat. Auch die Bundesrepublik hat sich engagiert, zum Beispiel beim Aufbau der Käserei.

Es ging weiter zu den Menschen in Nova Topola. Genau gesagt, zu den Schwestern der Anbetung des Blutes Christi. Die mit 90 Jahren „jüngste“ Ordensschwester, Schwester Irma, hinterließ mit ihrem Rückblick in ihr Ordensleben und die Geschichte des Klosters und der Ortschaft Nova Topola, das ehemalige Windthorst, tiefen Eindruck bei uns. Wir hätten das Engagement dieser Schwestern und gar nicht so vorstellen können. Vor allem nicht, wie sie durch Kriege und Misshandlungen doch wieder den Neuanfang suchten und auch Erfolgreich in die Tat umsetzten. Dass sie darüber hinaus noch so Erfolgreich mit ihrem „Broterwerb“ sind, mit dem Sammeln von Kräutern und der der Herstellung von zahlreichen Tees, dass zeigte uns zusätzlich, dass sich Ideen und Tatkraft auf jeden Fall lohnen. Zu ihnen kommen alle Menschen, um den guten Tee zu kaufen: Serben, Bosniaken und Kroaten gleichermaßen. Sie wissen offenbar, wie gut die Tees sind.

Neben dem Kloster wurde die Josefskirche innerhalb von zehn Jahren völlig saniert. Eigentlich wäre sie abbruchreif gewesen, hörten wir. Aber durch das Engagement wiederum vieler Förderer und Spender, gerade auch aus Deutschland, wurde das „Wunder“ von Nova Topola möglich (siehe Bild).

Wir hätten nicht gedacht eine derart schöne und farbenprächtige neugotische Kirche hier vorzufinden. Ein Muss für jeden Besucher des Landes, sind wir uns sicher. Kloster und Kirche sollen mehr und mehr auch der Begegnung und des internationalen Austausches zugeführt werden. So wie wir gekommen sind, sollen viele Menschen kommen können, um Ruhe, aber auch Geistliches von dort auftanken zu können.

Freitag, 27. 7.

Durch das intensive Gespräch, das wir mit Dr. Anicic, dem Caritas-Direktor hatten, war für uns klar, dass die Programmplanung mit einer Fahrt von Banja Luka in die Hauptstadt des Landes, nach Sarajevo, die richtige war. Allein die Beschreibungen der intensiven und weiterhin zunehmenden Ausweitung der Islamisierung des Landes von Osten her kommend, die der Caritas-Direktor uns verdeutlichte, ließ uns mit besonders offen Augen diese Fahrt an diesem Tag antreten. Es zeigte sich wiederum als ein besonderes Geschenk, hierfür nicht nur einen Dolmetscher sondern zusätzlich einen ortskundigen Führer, einen Theologiestudenten und Priesteramtskandidaten, dabei zu haben. Unsere ganze Reise stand ja unter dem Wunsch, der Frage nachzugehen, wie die Menschen nach Krieg und Vertreibung in diesem Land leben, welche Zukunft sie sehen – oder auch schon bereits leben. Niemand konnte die zunehmende Zahl und die Größe der Moscheen übersehen. Je dichter wir an die Hauptstadt herankamen, desto mehr wurden es.

Noch vor der Hauptstadt gehörte unsere ganze Aufmerksamkeit der Lebenssituation in der Ortschaft Travnik. Die dortige Schule mit Seminar, die allein schon räumlich die Katholiken von den Muslimen trennt, ist für uns unverständlich, auch wenn wir selbst unsere Vorurteile nicht unberücksichtigt sehen wollen. Uns wurde durch den dortigen Schulökonomen der Zusammenhang sehr deutlich erklärt. Das ganze Gebäude gehört der Katholischen Kirche. Auch der Gebäudeteil, in dem die Muslimen unterrichten. Sie sind aber nicht bereit das Gebäude zu räumen, obwohl sie eine Schule im Ort dafür nutzen könnten. Wir erkannten in dieser Schule, mit Internat, auch die große Chance für die Jugendlichen, wenn sie diese Schule besuchen können. Ihnen wird alles geboten, was für ihre berufliche und persönliche Entwicklung – vor allem unter der Situation des Landes - dringend notwendig ist. Unser Führer besuchte selbst zuvor diese Schule. Daher blieb keine unserer Fragen unbeantwortet. Vor der Weiterfahrt nahmen wir mit Erstaunen zur Kenntnis, wie stark muslimisch diese Ortschaft ist. Denn hier ist auch das Zentrum einer extremistischen Richtung des Islams. Hier haben die Wahabiter ihre Moschee (siehe Bild).

Sarajevo beheimatet offenbar alle Religionen und Rassen. Immer wieder fühlten wir uns beim Anblick der Häuser an Österreich (Wien, Salzburg) erinnert. Auch an die Donaumonarchie. Vieles ist baufällig – aber vielversprechend. Emotional wurden wir von historischen Orten und Plätzen überrascht. So zum Beispiel die Brücke, vom Ort des Attentats an Kronprinz Ferdinand, das den 1. Weltkrieg auslöste. Oder der Marktplatz im Zentrum der Stadt, der während des letzten Krieges mit einer Granate gezielt beschossen wurde. Viele Todesopfer und Verletzte ließen damals zum ersten Mal die Welt aufhorchen, was in und mit Sarajevo während der Belagerung geschieht. Die Namen der Toten begegnen allen Besuchern des Marktes: sie wurden auf roten Flächen auf der Rückwand des Marktes aufgeschrieben.

Zusätzlich wurde der deutlich sichtbare Einschuss der Granate mit Glas überdacht – ein echtes „Denk-Mal“ für die Opfer, wie wir finden.

Und so ganz nebenbei wurden wir Zeugen eines Wahlkampfauftrittes für die Wahl eines Präsidenten. Zunächst erstaunte uns die Tatsache, dass dabei gesungen wurde. Dann aber war uns klar, dass dieser öffentliche Auftritt auch deutlich zeigt, dass die Menschen in diesem Land Demokratie „einüben“. – Die lange Hin- und Rückfahrt verwies uns auf ein sicherlich nicht zu übersehendes Problem im Land: Die Hauptstadt ist weit weg von der Republik Srpska. Was bekommen die Verantwortlichen in Sarajevo von den Entwicklungen in Sarajevo wirklich mit?, ist unsere Frage. Die separatistischen Strömungen in der Republik Srbska werden sicherlich durch die Entfernung „erleichtert“. Wir sahen zum Beispiel auch die geschlossene Außenstelle der deutschen Botschaft in Banja Luka. Wäre es nicht besser, wenn auch dort Botschaften und internationale Einrichtungen ihr Auge darauf hätten?

Von den vielen Menschen, denen wir in Sarajevo begegnet sind, hätten wir persönlich gern noch vieles erfragt. Dafür reichte weder die Zeit noch die Möglichkeit, die uns eine Stadt an einem Tag lässt. Aber ohne Sarajevo wäre unsere Reise auf jeden Fall unvollständig gewesen! – Die Rückfahrt verlief für uns mehrheitlich im Schweigen. Wir waren so angefüllt mit Informationen, die wir in Zweiergesprächen während der Fahrt versuchten miteinander zuzuordnen und mit denen von Banja Luka zu verknüpfen. Dabei blieb eine unmittelbare Nachfrage von Herrn Gburek ganz wesentlich. Er fragte uns, ob wir uns vorstellen könnten, hier zu wohnen und zu leben, mit wem wir gern Kontakt aufnehmen würden. Wir sind unsicher. Vielleicht, wenn uns der Beruf in das Land führen würde, waren unsere Antworten. Und die Nachfrage von ihm, ob wir die Stadt Sarajevo mit einer anderen Stadt direkt vergleichen könnten, nannten einige Hannover. Dass hat uns dann doch selbst etwas erstaunt. Aber wir haben es nicht widerrufen.

Ach, ja! – Und dann gibt es auch noch die Live-Sendung aus Banja Luka in das Programm von Leinehertz106einhalb, dem Lokalsender in der Region Hannover. In dieser Sendung wurde den Hörern live aus Banja Luka berichtet, warum wir eigentlich nach Bosnien-Herzegowina gefahren sind. Und im September sind wir alle gemeinsam ins Studio von Leinehertz106einhalb zu einer weiteren Live-Sendung unter dem Motto „Sonn Talk“ eingeladen, in der wir nach unseren Erfahrungen befragt werden sollen. Auch die Hörfunkabteilung von NDR1-Radio Niedersachsen möchte „uns haben“, um über unsere ganz andere „Urlaubsreise“ zu berichten. Natürlich wartet auch die örtliche Presse von Wunstorf auf unsere Mitteilungen.

Samstag, 28.7.

Den krönenden Abschluss unserer Reise gestalten wir mit weiteren zwei Höhepunkten: Der erneuten Begegnung mit Jugendlichen aus Banja Luka – mit denen wir über unsere Reiseerfahrungen sprechen werden – und der Besuch einer Werkhalle. Einen Ort, an dem aus Wunstorf heraus eine Schneiderwerkstatt eingerichtet werden soll, zur Produktion von Kinderbekleidung. Wir sind schon gespannt darauf, wie das gehen soll und was dafür alles getan werden muss.

Und dann haben wir von einer Ordensschwester einen Zettel mit der Bitte um Hilfe bekommen. Für die notleidenden Familien, die das Familienzentrum in Banja Luka aufsuchen, benötigen sie dringend Bettwäsche, Handtücher und Unterwäsche. Wir wollen heute noch gemeinsam klären, was wir mit dem Hilferuf anfangen. – Aber zunächst kommen wir gar nicht darüber hinweg, dass Menschen auch getragene Unterwäsche tragen wollen…

Lesen Sie den ersten und zweiten Teil des Reiseberichtes:

Reisebericht Teil 2

Reisebericht Teil 1