10. August 2012

Perspektivenwechsel: Europäischer Workshop über Umgang mit der Auschwitz-Geschichte

Den „Umgang mit der gewaltbelasteten Vergangenheit von Auschwitz“ thematisiert in diesen Tagen ein europäischer Workshop der Maximilian-Kolbe-Stiftung. Unsere Volontärin Barbara Dreiling nimmt an dem Workshop teil und schildert ihre Eindrücke (aktualisiert).

Bereits zum dritten Mal treffen sich 30 Teilnehmer aus Polen, Israel, Deutschland, der Ukraine, Russland, Litauen, Lettland, Tschechien, Bosnien-Herzegowina, Albanien und Irland im „Zentrum für Dialog und Gebet“ in Oświęcim/Auschwitz (Polen), um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Notizen von Barbara Dreiling

15. August 2012

Das Hochfest Mariä Himmelfahrt ist in ganz Polen Feiertag. Auch wir feierten mit Buffet, Musik und Tanz unseren letzten gemeinsamen Abend. Und weil an diesem Ort fast nichts ohne besondere Bedeutung ist, war auch unsere Feier eine Erinnerung an die Opfer des Lagers. In ihrem Sinne soll hier das Leben blühen.
Eigentlich habe ich gar keinen wirklichen Werktag erlebt, seit ich vor über einer Woche gekommen bin. Wir begingen den 70. Todestag von Edith Stein, anschließend einen Sonntag, gestern den Gedenktag von Maximilian Kolbe und heute Mariä Himmelfahrt. Ich genoss jeden Tag die leckeren polnischen Gerichte. Abgesehen davon, dass man sie nur in Polen bekommt, war in die Suppen, Soßen, Beilagen, Salate und Nachspeisen viel Liebe gerührt. Das fand ich an manchen Tagen mit schätzungsweise 100 hungrigen Gästen sehr bemerkenswert. Den stärksten Eindruck jedoch hinterließ die sensible, aber auch offene Gesprächsatmosphäre während des Workshops, die wirklichen Austausch ermöglichte. Wo sonst hat jemand aus Deutschland die Möglichkeit, Historiker aus Albanien zu treffen, die am Ort nationalsozialistischer Massenvernichtung über die Vernichtung ihrer eigenen Kultur im Kommunismus sprachen? Wo sonst können sich junge Leute aus Deutschland, Polen, Israel, Litauen, Lettland, Russland, Albanien und Bosnien über die Gewalterfahrungen in ihren eigenen Ländern und den Dialog darüber austauschen?

Das, was mich persönlich am meisten beeindruckt hat, war die Erinnerung an die Perspektive der Opfer: In Deutschland geht es oft darum, was wir tun können, damit sich der Holocaust nicht wiederholt. Unser Schuldgefühl lässt uns nicht los. Wenn wir aber auf die Opfer schauen, bleibt uns nichts anderes als Schweigen. Die Überlebenden stehen vor dem Nichts des ausgelöschten jüdischen Lebens. Können wir uns auch in die Trauer hineinversetzen?
Am Ende dieses Workshops möchte ich allen danken, dass ich durch ihre jeweilige Geschichte und ihre Erfahrungen so viel Neues entdeckt habe. Die Maximilian-Kolbe-Stiftung hat es ermöglicht – Danke!

14. August 2012

Heute ist der Gedenktag des Heiligen Maximilian Kolbe. Nach der Eucharistiefeier beschäftigten wir uns mit seiner Verehrung in Deutschland und in Polen. In Polen wurde Kolbe zu einem Symbol für die Opfer der vernichtenden nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Er wurde sogar in das kulturgeschichtliche Konzept des Messianismus eingefügt – ein Mensch, der das Leiden Polens auf sich nimmt und sein eigenes Land und viele andere Völker zur Auferstehung führt. Für die Katholiken in Deutschland wurde Maximilian Kolbe zum Symbol des deutsch-polnischen Dialoges und der Versöhnung mit Polen. Seine Heiligsprechung im Jahr 1982 durch Johannes Paul II. war ein bedeutender Schritt auf dem Weg der deutsch-polnischen Verständigung. Als gemeinsamer Heiliger ermöglichte er die Auseinandersetzung mit der Gewalt und Schuld des Nationalsozialismus.

13. August 2012

Am Vormittag trafen wir uns in kleinen Gruppen mit Überlebenden aus den Lagern. Dabei hörten wir nicht nur Berichte über das Leid der Häftlinge in Auschwitz. Besonders beschäftigte uns die Frage, warum einige der ehemaligen Insassen die Schuld der Lagerkommandanten, die Schuld der SS-Männer und die vielfältige Gewalt unter den Häftlingen selbst ausblendeten. Wir verstanden wie schwierig es ist, über bestimmte persönliche Erinnerungen vor anderen Menschen zu sprechen. Einige der Überlebenden verspüren Schuldgefühle, weil sie überlebt haben, während 1,1 Millionen Menschen in Auschwitz ermordet wurden. Das Läuten der Glocke am Morgen war für sie wie eine Totenglocke: Niemand konnte sicher sein, am Abend lebend von der Arbeit zurückzukommen.
Vor dem Hintergrund jüngerer Gewalterfahrungen in Albanien, Bosnien und Nordirland stellte sich uns immer wieder die Frage, wie Menschen einerseits fürsorgliche Eltern, Nachbarn oder treue Freunde sein können, wenn sie gleichzeitig systematischen Massenmord begehen oder dulden. Wie schwierig es war, in Auschwitz nicht selbst zum Täter zu werden und seine menschliche Würde und die Würde der Mitgefangenen zu bewahren, sahen wir am Nachmittag in der Ausstellung von Marian Kołodziej. Dieser polnische Künstler, Bühnenbildner und Überlebende von Auschwitz verarbeitete seine Erlebnisse und die Dilemmata dieses Ortes mit Hilfe von apokalyptischen Zeichnungen.

11. und 12. August 2012

Am Samstag kamen etwa 25 Teilnehmer zum „3. Workshop zum Umgang mit der gewaltbelasteten Vergangenheit von Auschwitz“ der Maximilian Kolbe Stiftung im polnischen Oświęcim (Auschwitz) zusammen. Als Volontärin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit vertrete ich Renovabis. Hier, im Zentrum für Dialog und Gebet, wollen wir uns bis zum 16. August über den Umgang mit Gewalt und Diktatur in unseren europäischen Ländern austauschen. Der Nationalsozialismus ist der Ausgangspunkt für Themen, denen sich auch viele Projektpartner von Renovabis in ihren Ländern stellen müssen. Teilnehmer aus Albanien werden von der Aufarbeitung der Arbeitslager während des Kommunismus berichten. Teilnehmer aus der Ukraine, aus Irland und Bosnien und Herzegowina berichten über die Versöhnung zwischen ethnischen Gruppen.
Nach der gestrigen Anreise standen heute (12. August) zunächst Führungen durch die ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz I und Auschwitz-Birkenau auf dem Programm. Die Ausstellungen und die Gebäude wie die Baracken und Gaskammern haben uns alle stark belastet. Für niemanden war es einfach, sich diesen Orten tausendfachen Leides zu nähern. Umso wichtiger war es, dass wir am Abend über unsere Erlebnisse gesprochen haben. Die Methode des Erzählens und Zuhörens hat uns dabei sehr geholfen: Jeder durfte seine Eindrücke mitteilen, ohne dass sie von den anderen kommentiert, bewertet oder hinterfragt wurden. So entstand eine Atmosphäre des Zuhörens. Jeder konnte sich der Perspektive eines anderen öffnen und dadurch neues erfahren.

Ziel des Workshops

Ziel des Workshops ist es, angesichts der tiefen, gesellschaftlichen Gewaltprägungen des 20. Jahrhunderts auch eine Ausdrucksfähigkeit gegenüber diesen Belastungen zu fördern. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Rolle der Kirche in Versöhnungsprozessen und die damit verbundenen Herausforderungen gelegt. Dazu referiert unter anderem Erzbischof Wiktor Skworc von Tarnów, der Vorsitzende der deutsch-polnischen Kontaktgruppe der Bischofskonferenzen. Im Jahr 2010 hat Martin Lenz an dem Workshop teilgenommen und darüber berichtet.

Filmtipp: Im Angesicht der Dunkelheit

Eine spirituelle Begegnung mit Auschwitz - Ein Film von Christof Wolf SJ

Auschwitz - einzigartiges Symbol methodisch perfektionierten Grauens und Zugleich Zielort alltäglicher Touristenströme. Wie kann eine Begegnung mit diesem Ort der Banalität einer Besichtigung entgehen? Die Frage stellt sich der New Yorker Zen Meister Roshi Bernhard Glassman. Seine Antwort: „Das Ausschwitz-Retreat“. Er lädt Menschen verschiedenster Herkunft und Weltanschauung ein, sich Ausschwitz ungeschützt zu stellen. Es begegnen sich Christen, Juden, Muslime und Buddhisten. Nachkommen von Opfern begegnen Nachkommen von Tätern. Der Film portraitiert fünf Teilnehmer und folgt aus der Nähe ihrer inneren Entwicklung. Nicht mehr sie kommen nach Auschwitz, Auschwitz kommt zu ihnen. Renovabis hat die Produktion dieses Films unterstützt.
Bezugsmöglichkeiten und Trailer

Durch die gemeinsame Vergegenwärtigung der Geschichte von Auschwitz und ihren Folgen soll die Veranstaltung einen Beitrag zum tieferen Verständnis für das Zusammenleben in Europa leisten. Dabei kommt der Begegnung mit dem Ort des Geschehens bei Vorträgen, Führungen und insbesondere Gesprächsrunden mit Überlebenden eine zentrale Rolle zu. Außerdem machen sich die Teilnehmer aus Kirche, Politik und Gesellschaft anhand ausgewählter Länderbeispiele gegenseitig mit der jeweiligen Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs und von Auschwitz vertraut und gehen der Bedeutung von Unterschieden nach. Jörg Lüer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Maximilian-Kolbe-Stiftung, erklärt: „Der nationenübergreifende Austausch liegt uns am Herzen. Für die gemeinsame Zukunft ist entscheidend, dass wir ein gutes und zugleich kritisches Gespür für die gegenwärtige Bedeutung der Vergangenheit entwickeln.“

Die Maximilian-Kolbe-Stiftung wurde 2007 mit Unterstützung der Polnischen und der Deutschen Bischofskonferenz gegründet. Ziel der katholischen Stiftung ist es, Beiträge zur Stärkung der kirchlichen Versöhnungsarbeit in Europa zu leisten und sich für Opfer von Unrecht und Gewalt zu engagieren. Der heilige Maximilian Kolbe gab sein Leben stellvertretend für einen Mithäftling im Konzentrationslager Auschwitz hin und setzte damit ein Zeichen, dass Hass und Gewalt nicht das letzte Wort haben.

Das „Zentrum für Dialog und Gebet“ in Auschwitz ist mit maßgeblicher Unterstützung von Renovabis in unmittelbarer Nachbarschaft des ehemaligen Konzentrationslagers errichtet worden.