09. August 2012

"Alter Mann mit Bart und so?" - Polnisch-deutsches Musical in Auschwitz

Jugendliche lassen sich vom Lebenszeugnis Edith Steins ansprechen - Von Barbara Dreiling

„Du glaubst also wirklich an einen Gott, einen weißhaarigen alten Mann mit Bart und so…?“ – Gibt es Gott? Ist er ein weißhaariger alter Mann? Oder ist das, was wir Gott nennen, ein Produkt unreflektierter frommer Rituale?… In dem Musical „Auf den Spuren Edith Steins“ nehmen die Zuschauer teil an den Diskussionen Edith Steins und ihrer Kommilitonen an den Universitäten Breslau und Göttingen. Sie verfolgen die Suche Ediths nach der Wahrheit bis zu ihrem Tod. Schülerinnen und Schüler aus Deutschland und Polen haben das Musical gemeinsam aufgeführt.

Kann man heute die Wahrheit finden?

Edith Stein ist für die jungen Schauspieler nicht nur eine Rolle in ihrer Aufführung. Sie haben sich von der Atheistin, Philosophin und Karmelitin auf deren Suche nach der Wahrheit mitnehmen lassen. Ob es Gott gibt, kann man auch heute – zumindest, wenn man Gott ernst nehmen will – nicht selbstverständlich bejahen. Julian hat keine Angst vor der Suche nach der Wahrheit und blickt kritisch auf das, „was unsere Eltern und manche Katholiken für wichtig halten“.

Als Hans Lipps im Musical stellt der Abiturient den Glauben an einen Gott „der unsere guten Taten in sein goldenes Buch einträgt“ sarkastisch in Frage. Darin zeigte sich die Distanz, die Edith zum Glauben eingenommen hat — als Chance, der Wahrheit auf die Spur zu kommen und sich von Gott überraschen zu lassen. Annika ist überzeugt, dass man die Wahrheit findet, wenn man sie sucht: „Menschen zu helfen, ist für mich eine Wahrheit geworden, der ich folgen möchte.“ Annika macht eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin. Als „Edith Stein als Karmelitin“ spielt sie im Musical eine der Hauptrollen.

“Edith Stein verbindet“ war das Motto der Feierlichkeiten

Das Musical entstand aus zwei Teilen. Krzysztof Gembała, Lehrer der Edith-Stein-Schule im polnischen Lubliniec, schrieb eine Kantate für Chor und Orchester über das Leben der Schulpatronin. Die deutsche Partnerschule, die Edith-Stein-Schule in Paderborn hatte ein Theaterstück einstudiert. Es wirkte, als hätten beide Gruppen eine Erleuchtung gehabt, als sie von ihrem Treffen erzählten, bei dem klar wurde, dass sie aus der Kantate und dem Theaterstück ein gemeinsames Musical machen müssen.

Opfer des Nationalsozialismus

Wichtiger als die Aufführung war die erneute Begegnung der Mitwirkenden. Die deutschen Schüler waren begeistert von der Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit mit der sie in Polen aufgenommen wurden. Es hatten sich schon bei früheren Besuchen Kontakte und Freundschaften angebahnt. Noch völlig überwältigt von dem Besuch der Stadt Krakau besuchten sie am nächsten Morgen das einstige Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Stille. Plötzlich wurden die Schüler von der Schwere dieses Ortes erfasst.

Ihre tiefe, sprachlose Betroffenheit, gilt es zu verarbeiten: Auf der Rampe hinter dem Lagertor waren sie dem letzten Weg Edith Steins aus dem Viehwagen in die Gaskammer gefolgt. Das Grauen führte sie zu der Frage, wie jemand wie diese Ordensfrau im Ausgeliefertsein, im Unschuldig-Sterben-Müssen, die Kraft behalten konnte, andere zu trösten, mit einem Lächeln „wie aus einer anderen Welt den Todgeweihten Wärme zu geben“.

Partnerschaften zwischen Menschen aus Deutschland und den Ländern Mittel- und Osteuropas sind Renovabis ein wichtiges Anliegen. Damit das Musical der deutschen und der polnischen Schüler erfolgreich aufgeführt werden konnte, unterstützte Renovabis den Aufbau der Bühne und die technische Ausstattung.

  • Barbara Dreiling ist Volontärin in der Öffentlichkeitsarbeit von Renovabis.*