Notstandsgebiete oder Zukunftsregionen
Donnerstag, 25. August 2011
OWEP-Heft zum 15. Internationalen Kongress Renovabis
FREISING. „Ländliche Räume im Umbruch“ fokussiert das von Zentralkomitee der deutschen Katholiken und Osteuropa-Solida-ritätsaktion Renovabis herausgegebene dritte Vierteljahrsheft von „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP). Das Heft setzt den Schwerpunkt auf den Strukturwandel in Mittel-, Ost und Südost-europa: „Notstandsgebiete oder Zukunftsregionen?“, provozieren Redaktion und Autoren mit ihren Beiträgen den Befund, der, wie die soziokulturellen Lebensgewohnheiten im Allgemeinen, auch markante Auswirkungen auf Seelsorge und kirchliches Leben hat.
In seiner Mehrheit wohnt der „moderne“ Mensch in der Stadt oder an deren urban geprägtem Speckgürtel; das zwischen solchen Siedlungs-konzentraten liegende „flache Land“, kennt er nur noch als flüchtiger Durchreisender oder als gelegentlicher Urlaubsgast – meist in von seinem Herkunftsgebiet weiter entfernten „Oase-Regionen“. Zum Umland außerhalb der Stadtgrenzen seines Wohnortes hat wohl ein großer Teil der europäischen Bevölkerung des 21. Jahrhunderts ein eher zwiespältiges Verhältnis. Verloren gegangen ist häufig das Bewusstsein, dass die ländliche Siedlung, also der Marktflecken, das Dorf, der Weiler oder das Gehöft Keimzellen der Besiedlung gewesen sind. Hier hatten sich Sprache und Brauchtum herausgebildet, von hier aus wurden sie tradiert. Und dort, wo es diese Siedlungsformen trotz aller Landflucht noch gibt, ist der ländliche Raum bis heute ein we-sentlicher Träger von Überlieferungen, die in den städtischen Regionen verkümmert oder sogar verschwunden sind. Um das komplexe Verhältnis von Stadt und Land in ganz Europa angemessen zu beschreiben, müsste freilich dieser etwas holzschnitt-artige Befund von Land zu Land überprüft und verfeinert werden. In den Ländern des ehemaligen Ostblocks zeigte sich, so wird in den Beiträgen der Zeitschrift OWEP deutlich, dass sich - mehr als 20 Jahre nach der „Wende“ - ähnliche Phänomene wie im westlichen Europa eingestellt haben: Verfall ländlicher Strukturen und Traditionen, oft einhergehend mit Umweltzerstörung, jedoch auch Beispiele einer Bewegung „zurück zur Natur“. Diesen Prozessen geht OWEP 3/2011 nach. Dabei wird auch der Rolle der Kirche(n) Beachtung geschenkt.
Mit Alois Mit Alois Glück, dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, eröffnet ein Autor die Reihe der Beiträge, der selbst wie wenige andere deutsche Politiker immer wieder seine Wurzeln im ländlichen Bayern betont und die Bedeutung des ländlichen Raumes für die Entwicklung von Kultur und Zivilisation herausgestellt hat: Er äußert sich in einem Grundsatzbeitrag. Einen breiten Überblick über die strukturellen Veränderungen in Mitteleuropa vermittelt der Beitrag von Dr. Karl Martin Born von der Uni Münster; er beschreibt historische Entwicklung, Folgen der Transformation in Mittel- und Osteuropa und die Rolle der Europäischen Union (EU) für die Entwicklung einer neuen Agrarpolitik. Vertieft werden seine Überlegungen durch Analysen von Dr. Judith Möllers und Professor Dr. Thomas Glauben vom Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa in Halle. Sie stellen anhand von Zahlen und Fakten die Veränderungen in Mittel- und Osteuropa, die Folgen des demografischen Wandels, das Verhältnis zwischen Land und Stadt und Schwerpunkte der EU-Politik dar.
Eine zweite Reihe von Beiträgen bietet Beispiele aus ländlichen Regionen mehrerer Länder mit unterschiedlichen Problemstellungen. András Koncz vom ungarischen katholischen Netzwerk HÁLÓ lenkt den Blick auf die entvölkerten Dörfer an der Grenze Ungarns zur Slowakei und zur Ukraine. Brauchtum und kirchliche Traditionen werden dort vielfach von katholischen Laien gepflegt. Der Politik-wissenschaftler Tim Graewert schildert die Entwicklung in Bulgarien, das zwar auf eine reiche ländliche Tradition zurückblicken kann, jedoch bis heute unter den Folgen der kommunistischen Wirtschaftspolitik leidet, die manche Regionen gravierend geschädigt haben. Nationale und soziale Komponenten haben die Entwicklung Ober-schlesiens geprägt und wirken bis heute in dieser Region Polens nach, wie der Historiker Marcin Wiatr belegt. Eine ganz besondere Entwick-lung nahm seit 1945 das Kaliningrader Gebiet, das Dr. Elke Knappe vorstellt. Nach jahrzehntelanger Isolierung sucht die russische Exkla-ve Anschluss an Westeuropa, hat jedoch mit den Folgen der Vernachlässigung des agrarischen Raumes zu kämpfen. Schließlich stellt der Historiker Nenad Stefanov die Entwicklung der Stadt Dimi-trovgrad im Grenzland zwischen Serbien und Bulgarien vor und zeigt damit, wie fragwürdig nationale Trennlinien sind, die seit dem 19. Jahrhundert willkürlich gezogen wurden. Wenn man über ländliche Räume im Osten Europas spricht, darf Russland nicht fehlen: Gerade dort sind die Entfernungen größer, die Siedlungen klein und weit voneinander entfernt, was das Leben der Menschen nicht leicht macht. In einem Interview schildert der aus der Slowakei stammende Pater Karol Maria Mikloško das Leben der Menschen in der Gemeinde Alexejevka in der Nähe der Stadt Ufa. Der Geistliche ist dort nicht nur Seelsorger, sondern Ansprechpartner in vielen Fragen und Problemen des Alltags.
Die Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP) wird vom katholischen Osteuropa-Hilfswerk Renovabis und vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) herausgegeben und erscheint im Verlag Friedrich Pustet. OWEP kostet als Einzelexemplar 6,50 Euro. Die Zeitschrift kann telefonisch (08161/5309-71) oder per E-Mail: owep@renovabis.de angefordert werden. Ein Überblick über den Inhalt der aktuellen Ausgabe ist im Internet unter www.owep.de zu finden.
Jahresbericht 2011 erschienen: Informieren Sie sich über die Arbeit von Renovabis im aktuellen Jahresbericht.
Aktuelles Spendenprojekt
Salesianerpater Witold Szulczynski SDB, Direktor der Caritas Georgia, hört zu und spendet Trost.Renovabis fördert den Betrieb von Suppenküchen in Georgien und sichert somit die Versorgung von alten und bedürftigen Menschen. Das Projekt können Sie mit Ihrer Spende unterstützen. Suppenküchen für notleidende Menschen in Georgien





@renovabis schreibt:
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