Solidarisch die Welt verwandeln - Rückblick auf das Jahr 2011

Freitag, 23. Dezember 2011

FREISING. Das Prinzip der Solidarität hat die Renovabis-Pfingstaktion, nach den Worten von Gastgeber Reinhard Kardinal Marx, im Jahr 2011 ideal aufgegriffen: „Die Schöpfung ist Gabe Gottes, sie ist nicht irgendein Gegenstand“, sagte Marx und weiter: „Solidarität bedeutet hier, dass wir die Lebensgrundlagen, die ja für alle da sind, nicht nur für wenige, nicht nur für die Mächtigen, die die Hände danach ausstrecken, sondern für alle Menschen – dass dieses Grundprinzip, das in der katholischen Soziallehre immer neu wiederholt wird, auch im Bereich der Schöpfungsverantwortung gilt.“ Der Mensch dürfe die Schöpfung in Dienst nehmen, für die Menschen, für die Weiterentwicklung, „aber es ist auch eine Frage der Gerechtigkeit, dass alle daran teilhaben dürfen, auch die kommenden Generationen, dass man ihnen die Lebensgrundlagen nicht entzieht“. Dazu seien Bewusstseinsveränderung und Bildung nötig, wie sie Renovabis in Ost und West leiste. Es gehe dabei „nicht bloß um ein Umweltthema, sondern um ein spirituelles, um ein theologisches Thema. Eben um die Verwandlung der Welt, die eine Ausrichtung haben muss, und diese Ausrichtung ist geprägt vom Geist der Solidarität und der Gerechtigkeit“.

Mit der Pfingstaktion 2011 konnte Renovabis auf die im Westen relativ unbekannten oder vergessenen Umweltprobleme im Osten Europas aufmerksam machen. Im Mittelpunkt standen immer die Menschen vor Ort, deren Gesundheit geschädigt und deren Lebensgrundlage beeinträchtigt wird. Als Beispiele dafür wurden Überschwemmungen etwa im Donauraum, hohe Abgas-Belastungen in vielen mittel- und osteuropäischen Städten oder die mangelnde Energieeffizienz von Gebäuden thematisiert. Viele Umweltzerstörungen resultieren noch aus dem Kommunismus und der Nachwende-Zeit. Aber nicht nur Umweltprobleme prägen das Bild: Renovabis vermittelte auch, dass es im Osten Europas noch zahlreiche unberührte Naturflächen gibt und vor allem im Rahmen ländlicher Lebensformen reiches Wissen über einen nachhaltigen Umgang mit der Natur. Um noch intakte Systeme zu bewahren, gilt es in Politik und Gesellschaft ein Bewusstsein für umweltgerechtes Verhalten zu entwickeln, was bis heute erst in Ansätzen geschieht.

Wenige Wochen nach Fukushima und genau 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erinnerte die Solidaritätsaktion Renovabis mit einer großen Ausstellung an das Atomunglück: Renovabis, der Bund Naturschutz in Bayern und das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk machten mit einer vielbeachteten Ausstellung im Münchner Hauptbahnhof darauf aufmerksam, dass die Auswirkungen des Super-GAUs bis heute spürbar sind – sowohl für die Menschen wie auch für die Umwelt. Neben den an ungewöhnlichen Plätzen ausgestellten Dokumenten zum Thema „Menschen – Orte – Solidarität“ erlebten viele Schulklassen bundesweit Führungen und Zeitzeugengespräche mit Liquidatoren, etwa Hubschrauberpiloten, die Blei in den Höllenschlund des glühenden Reaktors abgeworfen haben.

Am Pfingstsonntag fand in allen katholischen Pfarrgemeinden in Deutschland die Renovabis-Pfingstkollekte statt, wie in den Vorjahren ein wesentlicher Posten der Einnahmen von Renovabis. Dennoch hängt die Summe dieser Sammlung von der Zahl der Gottesdienstbesucher ab, und die ist leicht rückläufig. Die Entwicklung der Direktspenden während des Jahreslaufes stagniert voraussichtlich.

Die mittel-, ost- und südosteuropäischen Partner von Renova¬bis können weiterhin mit nachhaltiger Unterstützung von der als „Antwort auf den Fall des Eisernen Vorhangs“ gegründeten Solidaritätsaktion rechnen. Bei den beiden turnusgemäßen Trägerkreis-Sitzungen unter dem Vorsitz des Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner sind 2011 insgesamt knapp 27 Millionen Euro für 827 Projekte von Partnern in den meisten der insgesamt 29 Länder, in denen Renovabis kooperiert, bewilligt worden. Seit der Gründung im Jahr 1993 hat sich Renovabis an der Verwirklichung von rund 18.200 Projekten beteiligt. Dafür wurden inzwischen mehr als 532 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Als „Türöffner der Freiheit“ und „Wegbereiter der Wende“ würdigte Renovabis den verstorbenen Papst Johannes Paul II., der im Frühjahr 2011 selig gesprochen worden ist . Renovabis-Hauptgeschäftsführer Pater Stefan Dartmann erinnerte an den geradezu prophetischen Appell des Papstes bei seiner Amtseinführung im Jahr 1978: „Habt keine Angst! Öffnet, reißt die Tore auf für Christus. Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme für seine rettende Macht!“ Diese Freiheitsbotschaft sei – so Dartmann – auch als Kampfansage an den sozialistischen Allmachtsanspruch verstanden worden. Den Menschen im Osten Europas, die sich nach Freiheit sehnten, habe der polnische Papst als Verfechter ihrer Anliegen gegolten.

Mit der Initiative Christen für Europa (ICE) hat Renovabis 2011 erneut Freiwilligen-Einsätze von jungen Menschen aus Deutschland in Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas vermittelt. Zusammen mit jungen Frauen und Männern, die bereits seit 2008 in den östlichen Teil Europas ausgesandt wurden, beteiligten sich 2011 nochmals 16 Freiwillige an diesem Programm, das vom abgelaufenen Jahr an zusätzlich mit den „Jesuit European Volonteers“ (JEV) als zweiter Entsendeorganistion angeboten wird. Die bislang 63 Renovabis-Freiwilligen brachten sich vor Ort in Projekte ein, die oft von Renovabis auch finanziell unterstützt werden. Die Solidaritätsaktion förderte die Freiwilligen-Einsätze in den ersten drei Jahren mit insgesamt 350.000 Euro und setzt diese Unterstützung fort.

Der Nationale Caritasverband Polens „Caritas Polska“ hat Renovabis Anfang Oktober den in der polnischen Gesellschaft hochangesehenen Preis „UBI CARITAS“ verliehen. Renovabis erhielt den Preis in Anerkennung der langjährigen nachhaltigen Unterstützung und Beratung „auf gleicher Augenhöhe“, wie der Direktor der Caritas Polen, Prälat Dr. Marian Subocz, sagte. „Ausschlaggebend war die Sensibilität für die Bedürfnisse der Armen in Polen und die aktive Verbesserung ihrer Situation“, erläuterte Subocz. Verschiedenste soziale Aktivitäten, zuletzt der Aufbau der Warschauer Caritas-Schule, seien gefördert worden. „Mit dem Preis wollen wir danken und das Beispiel der Geehrten hervorheben“, so Subocz.

Um die Schattenseiten der Freiheit nach der politischen Wende in Europa ging es bei der diesjährigen Fachtagung des „Aktionsbündnisses gegen Frauenhandel“ in Passau, die wieder in Kooperation mit Renovabis und der Hanns-Seidel-Stiftung stattfand. Experten aus Wissenschaft, Kirche und Politik, von Opferschutzeinrichtungen, Beratungsstellen sowie der Polizei befassten sich mit dem Zusammenhang von immer weiter gehender Mobilität, Freizügigkeit und Migration in Europa mit dem Problem des Menschenhandels. Hierbei ging es vor allem um den Handel, die Verschleppung und Versklavung von Frauen, denn 96 Prozent der Betroffenen des Menschenhandels sind weiblich. Aktueller Anlass des Tagungsthemas war die seit Mai 2011 in der EU geltende volle Arbeitnehmer-Freizügigkeit.

Dass die ländlichen Regionen der Länder im Osten Europas von einer „galoppierenden Entwicklung mit erheblichen Umbrüchen“ geprägt sind, die sich auch auf die Lebens- und Glaubenswelt der Menschen auswirkt, ist auch für Pater Stefan Dartmann (54) unübersehbar. Der Jesuit und Hauptgeschäftsführer von Renovabis wies beim 15. Internationalen Kongress Renovabis darauf hin, dass religionssoziologische und vor allem pastoraltheologische Erkenntnisse es nahe legten, die Methoden der Seelsorge und überhaupt das gesamte kirchliche Leben immer wieder an die sich rasch verändernden soziokulturellen Lebensgewohnheiten anzupassen. Dabei betonte Dartmann, dass neue pastorale Herausforderungen auch „neue Formen der Evangelisation“ erfordern. Es gehe darum, den „Glauben in einer veränderten Welt nicht nur zu bewahren, sondern ganz neu zu entdecken“. Weltweit befinden sich die ländlichen Regionen im Umbruch, und in der Regel sind sie im Vergleich zu den städtischen Zentren benachteiligt; auch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa gibt es viele Beispiele dafür, dass der ländliche Raum vernachlässigt worden ist, sich entvölkert hat und jahrhundertealte Traditionen gefährdet oder bereits untergegangen sind. Diesen Befund hat der Renovabis-Kongress beschrieben und 340 Kongressgäste aus 29 Ländern – vorwiegend Mittel-, Ost- und Südosteuropas – diskutierten Möglichkeiten zur Förderung der Lebenskultur einschließlich des kirchlichen Lebens in ländlichen Räumen. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, der früher maßgeblich in Regierungsämtern und als Präsident des Bayerischen Landtages sowie ehrenamtlich in der Katholischen Landvolkbewegung (KLB) den ländlichen Strukturwandel mitgestaltet hat, verdeutlichte, dass Wandlungsprozesse dieser Art – zeitlich und räumlich versetzt – wiederkehren. Im Sinne von zivilgesellschaftlichem Engagement und gestaltender Kraft gelte es, verantwortungsvolle Politik mit gut verzweigten Netzwerken zu machen; dies sei auch eine zutiefst christliche Aufgabe.

Der ökumenische „Journalistenpreis Osteuropa 2011“ ist im September in München an die Journalistinnen Agnieszka Monika Hreczuk (36 Jahre) aus Polen und Ann-Dorit Boy (30) aus Deutschland verliehen worden. Sie wurden für ihre Sozialreportagen über das Leben von Menschen in Mittel- und Osteuropa ausgezeichnet. Der Preis, der in diesem Jahr erstmals gemeinsam vom evangelischen Hilfswerk „Brot für die Welt“ und von „Renovabis“ verliehen wurde, war mit insgesamt 6.000 Euro dotiert. In seiner Laudatio betonte Werner D’Inka, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Die Arbeiten zeigten, dass „die thematische Vielfalt in Osteuropa viel reicher an Facetten ist, als es den Eindruck macht“. Im „Presseclub München“ beklagte er die thematische Monokultur in der Berichterstattung über Osteuropa.

„Perspektiven für Kinder im Osten Europas“, so hieß das Schwerpunktthema des Renovabis-Partnerschaftstreffens, zu dem Anfang Dezember rund 140 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet nach Freising gekommen waren. Caritas-Verantwortliche aus Rumänien und Weißrussland machten deutlich, in welcher prekären Situation sich Kinder in ihren Ländern häufig befinden. Sie vor allem sind nämlich die Leidtragenden der schwierigen Wirtschaftslage in ihren Ländern und leben oft im sozialen Abseits. „Millionen von Eltern können ihren Kindern kaum das Notwendigste zum Überleben bieten“, verdeutlichte der Geschäftsführer der Caritas Timisoara/Temeschwar, Herbert Grün, das Elend. Eine große Herausforderung stellten auch die vielen „Euro-Waisenkinder“ dar, die aufgrund der Arbeitsmigration ihrer Eltern verlassen und oft völlig auf sich allein gestellt seien.
Als zentrale Frage wurde bei dem Treffen in Freising die Bibelstelle „Und er stellte ein Kind in ihre Mitte“ (Mk 9,36) angesprochen. Es gelte, Kindern Not und Leid zu ersparen und ihnen eine Zukunftsperspektive zu geben.

Termine 2012

  • Die Renovabis-Pfingstaktion 2012 wird im Bistum Osnabrück eröffnet. Den Eröffnungsgottesdienst zelebriert Bischof Franz-Josef Bode am Sonntag, 6. Mai 2011, in der Domkirche Sankt Petrus mit Gästen aus Mittel- und Osteuropa, darunter dem katholischen Bischof in Südrussland, Clemens Pickel.

  • Renovabis nimmt zusammen mit den weltkirchlichen Hilfswerken vom 16. bis zum 20. Mai am Mannheimer Katholikentag teil. Der Abschluss der Renovabis-Aktion findet in Aachen am Pfingstsonntag, 27. Mai 2012, statt.

  • Der Internationale Kongress Renovabis wird sich mit neuen Wegen der Evangelisierung Europas befassen und in Freising vom 30. August bis 1. September ausgerichtet.

  • Das 20. Partnerschaftstreffen findet auf dem Freisinger Domberg am 7. und 8. Dezember statt.

Jahresbericht 2011 erschienen: Informieren Sie sich über die Arbeit von Renovabis im aktuellen Jahresbericht.

@renovabis schreibt:

Programmtipp Katholikentag, ab 11 Uhr: Podium zum Thema "Leben mit HIV und #Aids - weltweit und ganz nah", Reiss-Engelhorn-Museen. #kt12
vor 5 Tage 1 Stunde
RT @lerenovabis: Schöne diözesane Aktionseröffnung in Ffm. Danke ans Hedwigs-Team. Spannende Diskussion und Kuchen satt! #Renovabis...
vor 1 Woche 3 Tage
Renovabis ist auf Facebook

Aktuelles Spendenprojekt

Salesianerpater Witold Szulczynski SDB, Direktor der Caritas Georgia, hört zu und spendet Trost.Salesianerpater Witold Szulczynski SDB, Direktor der Caritas Georgia, hört zu und spendet Trost.Renovabis fördert den Betrieb von Suppenküchen in Georgien und sichert somit die Versorgung von alten und bedürftigen Menschen. Das Projekt können Sie mit Ihrer Spende unterstützen. Suppenküchen für notleidende Menschen in Georgien