"Handelsware Frau" - Das Geschäft blüht
Montag, 22. Oktober 2012
Fachtagung zur Situation der Opfer von Frauenhandel in Ingolstadt
Zwischen 10.000 und 30.000 Frauen und Mädchen werden nach Schätzungen von Terre des Femmes jährlich zur sexuellen Ausbeutung nach Deutschland verschleppt. Die Betroffenen stammen häufig aus osteuropäischen Ländern und werden in Deutschland zur Prostitution gezwungen. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) geht davon aus, dass sich die weltweiten Einnahmen aus dem Menschenhandel auf rund 32 Milliarden US-Dollar belaufen. Die Situation der Opfer ist dabei häufig aussichtslos, denn nur rund jedes 100. Opfer kann befreit werden. Das Aktionsbündnis gegen Frauenhandel hat auf einer gemeinsamen Fachtagung mit Renovabis, dem katholischen Osteuropahilfswerk, und der Hanns-Seidel-Stiftung die Opfer in den Blick genommen. In einem waren sich die Experten dabei einig: Es besteht dringender Handlungsbedarf.
Freising. Es herrschte eine bestürzte Stille im Publikum, als die drei Schauspieler des Ingolstädter-Stadttheaters das Podium verließen. Ihre szenische Lesung von Opfererfahrungen und Gerichtsprotokollen hatte den Teilnehmern der Fachtagung die Brutalität und Ausweglosigkeit der Situation von Opfern des Frauenhandels drastisch vor Augen geführt. Erzählt wurde die Geschichte einer jungen Deutschen, die bereits als Jugendliche in die Prostitution gezwungen wurde. Es waren verstörende Einblicke, die die Abhängigkeit vom Täter aufzeigten und die den Zuhörer damit zurückließen, dass die junge Frau nun hochverschuldet weiterlebt, da sie in einem Zivilprozess gegen einen ihrer Freier unterlegen war, der bereits 50.000 Euro bezahlt hatte, um sie freizukaufen. Das Geld, soviel stand fest, hatte sie selbst nie gesehen, aber formal, und das war ausschlaggebend, wurde das Geschäft über sie abgewickelt. Es war eines von vielen Schicksalen, das den Teilnehmer den Handlungsbedarf verdeutlichte.
„Opfer von Frauenhandel – Sprachlos, hilflos, rechtlos?“, so lautete der Titel der diesjährigen Fachtagung des Aktionsbündnisses gegen Frauenhandel in Zusammenarbeit mit dem katholischen Osteuropa-Hilfswerk Renovabis und der Hanns-Seidel-Stiftung im Ingolstädter Kolpinghaus. Rund 100 Interessierte und Experten aus unterschiedlichen Bereichen, von Fachberatungsstellen, Hilfsorganisationen, der Polizeidirektionen und der Politik diskutierten darüber, wie die Situation der betroffenen Frauen effektiv verbessert werden könne. Ein konkreter Handlungsbedarf wurde dabei auf unterschiedlichen Ebenen ausgemacht. Klar sei, sagte Ursula Männle von der CSU-Landtagsfraktion, als Vertreterin der Politik, dass die Mittel für Fachberatungsstellen und andere Hilfseinrichtungen im kommenden Haushalt aufgestockt werden müssten. Es sei grundsätzlich notwendig, den gesellschaftlichen Druck zu erhöhen, denn nur so könne die Politik zum Handeln bewegt werden.
„Opfer brauchen Ebenbürtigkeit“
Barbara Abdallah-Steinkopff von Refugio in München zeigte die psychologischen Folgen der oftmals langanhaltenden Gewalterfahrungen auf. „Es gibt in diesem Bereich Vorurteile, die vor Gericht oder bei Befragungen zum Aufenthaltsrecht zu völlig falschen Annahmen und Urteilen führen“, stellte die Psychotherapeutin klar. So sei etwa die lückenlose und chronologische Erinnerung an traumatisierende Ereignisse keineswegs selbstverständlich. Die Opfer von derartigen Gewalterfahrungen erinnerten sich häufig noch sehr detailliert an bestimmte Details, die ihnen besonders bedrohlich erschienen, nicht aber an die Tageszeit oder andere vermeintliche Selbstverständlichkeiten.
Besonders problematisch seien diese Fehleinschätzungen beim Thema Aufenthaltsrecht für Betroffene, betonte Renate Hofmann von der Fachberatungsstelle Solwodi. Die Opfer von Zwangsprostitution aus Nicht-EU-Staaten dürften meist nur für die Zeit ihres Gerichtsverfahrens in Deutschland bleiben, da sie als Zeugen dringend benötigt werden, danach allerdings müssten sie in ihre Heimatländer zurückkehren. Für viele eine schwierige Situation, denn durch die Aussage vor Gericht, brächten sie sich in Gefahr. Die Menschenhändler verfügten häufig über gute Kontakte in die jeweiligen Länder, aus denen die Frauen verschleppt wurden. Auch für die Juristin Naile Tanis vom Bundesweiten Koordinierungskreis gegen Frauenhandel und Gewalt an Frauen im Migrationsprozess, die das Thema rechtlich beleuchtete, stand fest, dass es in diesem Punkt dringend einer neuen gesetzlichen Regelung bedarf. Begrüßenswert sei, dass die Umsetzung der „Konventionen des Europarates zur Bekämpfung des Menschenhandels“ in deutsches Recht nun kurz vor der Ratifizierung stehe. Wie Bettina Nickel vom Katholischen Büro Bayern aber hervorhob, hätte es bei der Umsetzung der Konventionen noch Möglichkeiten der „Nachbesserung in Deutschland gegeben“, was aber versäumt worden sei.
Die Theologin Barbara Haslbeck vom Bildungszentrum der Erzdiözese München und Freising beleuchtete die ethisch-moralische Perspektive. „Opfer brauchen Ebenbürtigkeit“, lautete einer ihrer Kernthesen. Es sei wichtig, dass die Betroffenen wieder selbst ihr Leben zu gestalten lernen. Das Gefühl der Ohnmacht könne dadurch verstärkt werden, dass sie sich auch nach ihrer Zeit in der Zwangsprostitution ausgeliefert fühlen. Es sei wichtig betonte Haslbeck, dass die Beraterinnen immer gemeinsam und in Absprache agierten und nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg entscheiden, sei es in noch so guter Absicht.
weitere Informationen unter www.gegen-frauenhandel.de
Bilder aus Osteuropa
Unsere Bildergalerie mit Impressionen aus Mittel- , Ost- und Südosteuropa.
Kurzinfo Renovabis
- deutsch: Renovabis stellt sich vor (07/2012)

- english: Renovabis at a glance (07/2012)

- по-русски: Информация о Renovabis (Реновабис) на русском языке (2009)












