Pfingstaktion 2009
Zur Freiheit befreit:
Renovabis erinnert an Wendepunkt in europäischer Geschichte
2009 ist für die Bundesrepublik ein Jahr zahlreicher Gedenktage. So jährt sich auch zum 20. Mal das „annus mirabilis“ 1989: Es markiert das Ende des kommunistischen Systems in Mittel- und Osteuropa und öffnete den Weg zu einer freiheitlichen Entwicklung. An diesen entscheidenden Wendepunkt in der europäischen Geschichte erinnert das Osteuropa-Hilfswerk Renovabis im Jahr 2009. Dabei soll das Leitwort „Zur Freiheit befreit“ (ein Zitat aus dem Brief des Apostels Paulus an die Galater / Gal 5,1) deutlich machen, dass Freiheit im persönlichen wie im politischen Sinn ebenso sehr Geschenk und Chance wie Herausforderung und fortdauernder Auftrag ist. Gleichzeitig verweist Renovabis darauf, dass zahlreiche Menschen in den osteuropäischen Ländern von der neu gewonnenen Freiheit nicht profitieren konnten und bis heute auf der Schattenseite ihrer Gesellschaften leben müssen. Auf ihre Situation lenkt die Renovabis-Pfingstaktion 2009 den Blick.
Lesen Sie auf dieser Seite:
Hirtenwort 2009 - Aufruf der deutschen Bischöfe <br/> zur Renovabis-Pfingstkollekte 2009
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Vor zwanzig Jahren fiel der Eiserne Vorhang, der Europa gewaltsam in zwei Teile gespalten hatte. Nach Generationen währender Missachtung der menschlichen Würde und der Einschränkung persönlicher wie auch gesellschaftlicher Entfaltungsmöglichkeiten in den kommunistischen Systemen gelang den Menschen der Aufbruch zur Freiheit.
An dieser gewaltlosen Wende von 1989 hatten die Kirchen maßgeblichen Anteil. Wie durch ein Wunder fand ihre Unterdrückung ein Ende. Christen haben dies als Wirken des Heiligen Geistes erlebt – ein neues Pfingsten.
Unter dem Leitwort „Zur Freiheit befreit“ (vgl. Gal 5,1) möchte RENOVABIS mit der diesjährigen Pfingstaktion nicht nur die historischen Ereignisse von damals ins Gedächtnis rufen, sondern auch daran erinnern, dass Freiheit sowohl Geschenk als auch fortwährende Aufgabe ist.
Viele Menschen im Osten Europas haben auch heute ein schweres Leben. Die Wunden der kommunistischen Zeit sind noch lange nicht verheilt. Nicht wenige leiden an Orientierungslosigkeit, wo frühere Werte in Frage gestellt werden und neue Wahlmöglichkeiten persönliche Entscheidungen erfordern. Auch der jahrzehntelange Ausfall an religiöser Bildung macht sich hier bemerkbar. Hinzu kommen wirtschaftliche Turbulenzen und die politische Instabilität der noch jungen Demokratien. Probleme wie Arbeitslosigkeit, Abwanderung ins Ausland, Alkoholismus und die Ausbreitung von AIDS tragen zu Sorgen bei. Besonders alte Menschen, deren Rente weit unter dem Existenzminimum liegt, Kinder aus zerrütteten Familien, Kranke und gesellschaftliche Randgruppen leiden oft große Not.
Die Solidaritätsaktion RENOVABIS nimmt sich gemeinsam mit den Ortskirchen dieser Menschen an und will dabei helfen, dass für sie die Freiheit nicht nur Last, sondern Geschenk sein kann. Wir Bischöfe bitten Sie daher herzlich: Unterstützen Sie die Arbeit von RENOVABIS durch Ihre großzügige Spende am kommenden Pfingstfest.
Auftakt und Abschluß der Pfingstaktion
Im Rahmen der bundesweiten Eröffnung der Renovabis-Pfingstaktion fanden in der Zeit vom 2. bis 5. Mai im Erzbistum Freiburg zahlreiche Veranstaltungen statt, an denen auch Gäste von Renovabis aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa mitwirkten. Die Aktion selbst wurde am Sonntag, 3. Mai 2009, um 10 Uhr von Erzbischof Robert Zollitsch im Rahmen eines Festgottesdienstes im Freiburger Münster eröffnet.
Mit der Renovabis-Kollekte am Pfingstsonntag, 31. Mai 2009, endete die Renovabis-Pfingstaktion. Die Abschlussveranstaltungen fanden vom 29. bis 31. Mai 2009 im Bistum Magdeburg statt.
Material zur Pfingstaktion
Aktionsmaterial für das Jahr 2009 und weiteres kostenpflichtiges Material können Sie über unseren Vertriebspartner, die MVG (MVG Medienproduktion und Vertriebsgesellschaft, Aaachen), bestellen oder herunterladen.
„Das glücklichste Jahr eines grausamen Jahrhunderts“
Erinnerungen von Dr. Gerhard Albert, Geschäftsführer der Solidaritätsaktion Renovabis. Auszug aus dem Aktionsheft 2009, S. 4-6
Woran ich mich vor allem erinnere? – An die Fernsehbilder. Menschen, die auf der Berliner Mauer tanzen; der Jubel im Garten der deutschen Botschaft in Prag, als Außenminister Genscher den Flüchtlingen mitteilt, dass sie in den Westen ausreisen können; die Menge auf dem Prager Wenzelsplatz, die als Zeichen des Protestes gegen das von der „Samtenen Revolution“ schon fast gestürzte Regime fröhlich mit den Hausschlüsseln klappert; aber auch der Ausdruck tödlichen Erschreckens im Gesicht des rumänischen Diktators Nicolae Ceaușescu, als er erkennen muss, dass ihm die Macht endgültig entgleitet. So viel wie in jenen Wochen saß ich nie vor dem Bildschirm. Die Bilder haben sich unauslöschlich eingeprägt und halten die Ereignisse gegenwärtig, als wäre es gestern gewesen.
Wenn ich dann aber Bücher und Broschüren sortiere, die aus den Jahren kurz vor 1989 stammen und „Ost-West-Fragen“ zum Gegenstand haben, dann frage ich mich unwillkürlich: Ist das alles erst zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre her – Europa mittendurch geteilt in zwei Hälften, zwei sich diametral unterscheidende politische Systeme, zwei inkompatible Wirtschaftsordnungen, zwei Machtblöcke, mit dem Kernstück, der Spaltung Deutschlands und seiner Hauptstadt durch Mauer und unüberwindliche Sperrsysteme? Jene Zeit scheint endgültig abgelegt zu sein im vergangenen Jahrhundert. Vergilbt genug sind ihre Überbleibsel inzwischen schon.
Manches davon ruft dann doch urplötzlich wieder die Lebenslügen und Gewissensfragen der alten Bundesrepublik vor dem Mauerfall wach. „Die vergessene Hälfte – Osteuropa und wir“ lautet da der Titel eines schon lange nicht mehr geöffneten Bandes 1. Wir im Westen saßen damals zweifellos auf der komfortableren Seite und konnten uns bedeutend leichter mit dem Zustand Europas abfinden – so leicht, dass trotz durchaus vorhandener Informationen über die Welt auf der anderen Seite die Sorgen und Hoffnungen der Mittel- und Osteuropäer in der Öffentlichkeit der westlichen Länder kaum Resonanz fanden.
Sicher – es gab die Polen, die keinen Zweifel daran ließen, dass sie sich mit der Friedhofsruhe nicht abfinden wollten, die die Unterdrückung der Solidarność seit dem Dezember 1981 herbeiführen sollte. Seit der Wahl des polnischen Papstes am 16. Oktober 1978 und dem Besuch in seiner Heimat im Jahr darauf war dort die Sehnsucht der Menschen nach einem Leben in Würde und Freiheit nicht mehr auszulöschen. Aus der Tschechoslowakei mit ihrem versteinerten kommunistischen Regime drang immer wieder die Kunde von den Dissidenten der Charta 77 und den gegen sie verhängten Repressionen. Im Ganzen aber waren es nur wenige, die etwa die Stimme von Andrej Sacharow oder des litauischen „Komitees zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen“ hören wollten. Die berechtigte Sorge um Stabilität und Sicherheit im geteilten Europa diente allzu vielen als Vorwand, die Verletzungen der Menschenrechte in der Nachbarschaft, im kommunistisch beherrschten Teil Europas, zu verdrängen. Die Teilung Deutschlands war das Schlüsselproblem der damaligen Lage des Kontinents. Dieser existenzielle Zusammenhang gab jeder Beschäftigung mit Osteuropa eine Tragweite, der manch einer auszuweichen strebte.
Materielle Not und Bespitzelung
Die Vergangenheit leistet den Versuchen, ihren schriftlichen Niederschlag zu entsorgen, an manchen Stellen Widerstand. Berichte über Dienstreisen, die ich in meiner damaligen Position als Referent im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz in die „Ostblockländer“ unternahm, rufen besondere Erinnerungen wach. Der Eiserne Vorhang hatte die gewachsenen Räume und Wege der Kommunikation zwischen den Menschen zerstört. Einer der wenigen Bereiche, in denen, wenn auch unter großen Schwierigkeiten und Einschränkungen, Verbindungen aufrechterhalten werden konnten, waren die Kirchen. Dabei waren diese in den einzelnen kommunistisch regierten Ländern in sehr verschiedenem Umfang der Marginalisierung, Unterdrückung oder sogar Verfolgung unterworfen. Besuche dienten der Vermittlung von Hilfe, vor allem aber sollten sie den Christen die Gewissheit geben, nicht vergessen zu sein. Wir machten uns keine Illusionen darüber, dass alle unsere Bewegungen und Gespräche fürsorglich von den zuständigen staatlichen Organen begleitet wurden. Eine Reise nach Litauen im Oktober 1983 bleibt unvergesslich, weil dort gerade zwei Wochen zuvor zwei Priester wie zu Stalins Zeiten zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt worden waren; einer davon war der heutige Erzbischof von Kaunas, Sigitas Tamkevičius. In Rumänien steckte um die gleiche Zeit das Ceaușescu-Regime in der Sackgasse; ausweglose materielle Not und Angst vor dem allgegenwärtigen Spitzelsystem herrschten unter den Menschen. Im September 2007 musste ich mir in Hermannstadt (Sibiu) die Augen reiben, um den prächtig renovierten Großen Ring der Stadt wiederzuerkennen, auf dem sich bei der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung Christen aus ganz Europa fröhlich und in Freiheit versammelt hatten. Zwanzig Jahre zuvor wirkte er grau und verfallen, die Gläubigen mussten sorgenvoll in ihren Kirchen und Sakristeien ausharren.
Erst 1989 ging für die Menschen in Mittel- und Osteuropa der Zweite Weltkrieg wirklich zu Ende, in jedem Fall der längste und schonungsloseste Abschnitt des 20. Jahrhunderts, der 1914 mit dem Ersten Weltkrieg begonnen hatte. „Ostmittel- und Osteuropa war die Kernzone der Weltkriegs- und Revolutionsepoche. Hier tobte in präzedenzloser Form die Gewalt. Die Region geriet zwischen die Fronten von Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus, sie war der Hauptschauplatz von Kriegen, sozialer und ethnischer Säuberungspolitik, des Genozids an den Juden, der Kriegführung der verbrannten Erde und großer erzwungener Bevölkerungs- und Fluchtbewegungen“ (Karl Schlögel)2 Aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen folgten stalinistischer Terror, hegemoniale Unterdrückung nationaler Unabhängigkeit sowie jahrzehntelanges Eingeschlossensein in einem aufgezwungenen totalitären System und einer versagenden Wirtschaftsordnung. 1989 leuchtete für kurze Zeit die Vision all dessen auf, was Menschen sich von Freiheit und Gewaltlosigkeit für ihr Leben erhoffen mochten. So wurde dieses Jahr zum „glücklichsten Jahr eines grausamen Jahrhunderts“ (Fritz Stern)3.
Gewaltlosigkeit wurde zum Inbegriff dieser großen Umwälzung, die man die friedliche, die sanfte, die samtene Revolution genannt hat. Das erschien vielen schlicht als ein Wunder, die zuvor an der Unüberwindlichkeit der alten Ordnung verzweifelt waren. Zu den unvergesslichen Bildern jener Wochen zählen die Lichterketten, die oft von Gebetsversammlungen ausgingen. Nicht nur in der Symbolsprache der Demonstrationen, auch im Geist des Friedens, von dem sie bestimmt waren, schien das christliche Erbe ganz Europas auf einmal wieder lebendig zu werden. Papst Johannes Paul II. deutete in dieser Weise die Ereignisse, als er wenig später auf den „annus mirabilis“ Rückschau hielt: „Der unauslöschliche Durst nach Freiheit … hat die Entwicklungen beschleunigt, hat die Mauern einstürzen und die Tore sich öffnen lassen … Wie man sicherlich wahrgenommen hat, war der Ausgangs- oder der Treffpunkt oft eine Kirche. Nach und nach entzündeten sich Kerzen und bildeten eine wahre Straße des Lichts, wie wenn sie denen, die über Jahre hinweg sich angemaßt hatten, den Horizont des Menschen auf diese Erde zu begrenzen, sagen wollten, dass der Mensch nicht auf unbegrenzte Zeit in Fesseln gehalten werden kann… Warschau, Moskau, Budapest, Berlin, Prag, Sofia, Bukarest – um nur die Hauptstädte zu nennen – sind praktisch zu Stationen einer langen Pilgerschaft hin zur Freiheit geworden“ (Neujahrsansprache an die Mitglieder des Diplomatischen Corps, 13. Januar 1990).
Derselbe Papst, prophetischer Gestalter und Deuter der Umwälzungen zugleich, wurde aber bereits auf dem Höhepunkt der Umwälzungen nicht müde, den moralisch inspirierten politischen Gestaltungswillen der Europäer einzufordern, weil er um die Ambivalenz menschlichen Freiheitsstrebens und um die Gefahren auf dem langen Weg wusste, der noch zu gehen bleibt. „Man darf nicht vergessen, dass nichts endgültig erreicht ist. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs … mahnen zur Wachsamkeit. Immer ist es möglich, dass jahrhundertealte Rivalitäten neu aufleben, dass sich Konflikte zwischen ethnischen Minderheiten wieder entzünden, dass sich Nationalismen verschärfen“ (ebd.). Eineinhalb Jahre später stand das zerfallende Jugoslawien in Flammen, herrschte zum ersten Mal seit 1945 wieder Krieg in Europa.
Dem Wohle Europas dienen
Zu diesem Zeitpunkt, 1991, war weithin das Glücksgefühl schon verloren, ungeheure Schwierigkeiten für den Neuanfang in den jetzt postkommunistischen Ländern türmten sich allenthalben auf. Erneut wurde der Papst zum Mahner, wenn er die Westeuropäer in die Pflicht nahm. „Für einige Länder Europas beginnt in gewissem Sinne die eigentliche Nachkriegszeit. Die radikale Neuordnung der bisherigen Kollektivwirtschaften bringt Probleme und Opfer mit sich, die sich mit jenen vergleichen lassen, die die westlichen Länder des Kontinents für ihren Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg auf sich nahmen. (…) Die Hilfe der anderen … entspricht einer Verpflichtung der Gerechtigkeit. Aber sie entspricht auch dem Interesse und dem allgemeinen Wohl Europas. Europa wird nicht in Frieden leben können, wenn die vielfältigen Konflikte, die als Folge der Vergangenheit aufbrechen, sich durch wirtschaftlichen Niedergang, geistige Unzufriedenheit und Verzweiflung verschärfen.“ (Enzyklika Centesimus annus, 28)
Bischöfe und katholische Laien in Deutschland sahen darin einen Gewissensanstoß, der bald in die Gründung der Solidaritätsaktion Renovabis mündete. Mein eigenes Exemplar von „Centesimus annus“, wo Johannes Paul II. ein Vermächtnis seines Wirkens für das neue Europa und dessen Verantwortung in der Welt hinterließ, hatte ich seinerzeit nicht irgendwo abgelegt oder gar entsorgt. Als Inspiration für den Auftrag von Renovabis ist es immer in Gebrauch geblieben.
Fußnoten
1)
Reißmüller, Johann Georg: Die vergessene Hälfte. Osteuropa und wir. Mit einem Vorwort von Otto B. Roegele. München, Wien: Langen Müller, 1986
2)
Schlögel, Karl: Orte und Schichten der Erinnerung. Annäherungen an das östliche Europa, in: Osteuropa 58, 6/2008, Seiten 13 bis 25, hier: Seite 13
3)
Fritz Stern in der Laudatio auf Angela Merkel zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der New School of Social Research, Berlin 19. Februar 2009; zitiert nach FAZ, 20. Februar 2009













