Uhr an der Kathedrale von Zagreb
Uhr an der Kathedrale von Zagreb, auch als Stephansdom bekannt
Quelle: TheoRivierenlaan, Pixabay
19.09.2019 – Interview

„Die Leute haben ihre Traditionen mitgenommen“

Interview mit Prof. Dr. Željko Tanjić, Universität Zagreb über die Herausforderungen der Stadtpastoral in Zagreb, Kroatien, entstanden während seiner Teilnahme am Internationalen Kongress Renovabis in München, 11.-12. September 2019

Prof. Tanjić, Sie kommen aus Zagreb, der größten Stadt Kroatiens. Wie unterscheidet sich die Pastoral dort von der Pastoral auf dem Land?

Zagreb ist die größte Stadt Kroatiens mit rund 1 Million Einwohnern, rechnet man die Vororte und die nähere Umgebung dazu. Wenn man nun bedenkt, dass Kroatien insgesamt rund 4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner hat, dann entspricht das einem Viertel der kroatischen Bevölkerung. Diese Situation ist für die Stadt herausfordernd. Ganz grob kann man Zagreb in zwei Gebiete einteilen: Da ist die Innenstadt, also die historische Altstadt, und die Neustadt. Wie praktisch in allen Städten in Osteuropa in der kommunistischen Zeit, wurde nach dem Krieg Neu-Zagreb errichtet. Man hat die Wohnsiedlungen für die Arbeiter dann einfach dorthin verlegt und gesagt: Das sind die „Schlafräume Zagrebs“, also Orte, wo die Leute nur schlafen – arbeiten und leben sollten sie woanders.
Dies wirkte und wirkt sich natürlich auch auf die pastorale Arbeit der Kirche aus. In der Altstadt gab es bis dahin die klassische Pfarrei-Seelsorge. Doch die Kirche musste sich mit der neuen Situation auseinandersetzen: In Neu-Zagreb lebte praktisch die Hälfte der Bevölkerung, doch man durfte in kommunistischer Zeit keine Kirche bauen.

Zunächst wurden in illegaler Weise Privatwohnungen genutzt, um die heilige Messe zu feiern und die Gemeinde zu versammeln. Vieles musste natürlich heimlich gemacht werden.

Alojzije Kardinal Stepinac, der damalige Erzbischof, hat dann, auch gegen Widerstände aus den eigenen Reihen, neue Pfarreien gegründet und diese zum Teil auch Ordensgemeinschaften für die Seelsorge zugewiesen. Er war überzeugt davon, dass Kirche an den Stadtrand gehen und in der Bevölkerung, unter den Arbeitern, präsent sein muss – dort, wo im Übrigen auch die kommunistische Partei schon präsent war.

Heute haben wir in Zagreb ein großes und breites pastorales Angebot.

Das ist sicherlich der wichtigste Unterschied zum Land. In Zagreb gehen, wie in ganz Kroatien, noch etwa 25 % der katholischen Bevölkerung jeden Sonntag zur heiligen Messe. Die Menschen halten sich dabei aber nicht an die Grenzen ihrer Pfarrei, die immer noch nach dem Territorialprinzip organisiert ist, sondern sie suchen spirituelle Zentren – bei den Franziskanern, den Jesuiten, den Salesianern oder bei einem bestimmten Priester. Alles ist also ein wenig mehr in Bewegung als früher und das ist für die Pfarreien in ihrem Territorium eine Herausforderung. Es bilden sich Pastoralzentren für die Jugendarbeit, für Studenten, für caritative Arbeit mit Obdachlosen u.v.m. heraus.

Zagrebs Stadtteil Srednjaci mit Regenbogen
Zagrebs Stadtteil Srednjaci entstand überwiegend in den 50er und 60 Jahren. Seine Architektur zeigt, dass der Stadtteil als Schlafstadt konzipiert wurde.
Quelle: Robert Marinkovic, Pixabay
Sie waren schon viel unterwegs, haben viel gesehen. Wo sehen Sie den Unterschied zwischen den Herausforderungen in Ost- und Westeuropa?

Unser Bischof in Zagreb hat in den letzten 20 Jahren mehr als zehn neue Pfarreien gegründet und es werden sogar neue Kirchen gebaut. Das ist für manche angesichts der Situation in ihren eigenen Ländern, wo Kirchengebäude aufgegeben werden müssen, überraschend. Man kann bei uns auch immer noch Jugendliche, zu denen wir die Beziehung nicht ganz verloren haben, oder junge Familien mit Kindern in der Kirche sehen, und das finde ich sehr wichtig.

Es gibt einige Herausforderungen bei uns. Das, was ich bisher zur pastoralen Situation sagte, gilt für die großen Städte oder die größeren Ortschaften. Aber was Slawonien angeht, oder Ostslawonien oder kleinere Dörfer: Die leeren sich und wir können von einer echten demographischen Katastrophe in Kroatien sprechen.

In Zagreb gibt es im Vergleich mit anderen Städten in Westeuropa – abgesehen von den erwähnten Faktoren wie Kirchenbau und Gottesdienstbesuchszahlen – keinen großen Unterschied: Es geht um das Sozialwesen, Wohnungen oder die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm. Kirche ist mit der Frage konfrontiert, wie eine Gesellschaft überhaupt zusammengehalten werden kann. Ich glaube, es ist so, wie Papst Franziskus sagt: Die Leute am Rande der Gesellschaft sieht man kaum. In den Städten ist alles hell beleuchtet, im Zentrum ist viel Leben, es wird konsumiert, es gibt viele kulturelle Angebote. Aber hinter den Kulissen, da sind viele Leute mit Problemen: Sie kämpfen mit Einsamkeit, mit der Suche nach Sinn, mit vielen Schwierigkeiten in der Familie oder in der Ausbildung ihrer Kinder. Die Präsenz der Kirche ist hier notwendig, nicht nur, um auch ein geistiges Leben aufzubauen, sondern um ganz konkret in Notsituationen zu helfen.

Ein Gedanke auf diesem Kongress lautete, die Impulse des städtischen Lebens religiös zu deuten – „Gott lebt in der Stadt“. Manche Fachleute nennen dies die „religionsproduzierende Kraft städtischen Lebens“. Dies steht in einem gewissen Gegensatz zur traditionellen Vorstellung, dass Kirche religionsproduzierend für die Gläubigen in der Stadt wirkt. Wie beurteilen Sie die beiden Ansätze und welche Spannung ergibt sich für Theologie und Lehramt?

Es ist wirklich ein Spannungsverhältnis, aber ich würde die beiden Positionen nicht gegeneinander ausspielen wollen, sondern einander ergänzend sehen. Ich kann das anhand dessen, was in Kroatien und insbesondere in Zagreb und Neu-Zagreb passiert ist, kurz erläutern: Die Kommunisten wollten tatsächlich die Dörfer zerstören. Es war für sie klar, dass dort die Kirche und überhaupt die Tradition eine große Rolle spielen. Ihr Ziel war es, das umzudeuten und eine neue Tradition zu etablieren. Sie sagten: „Wir bringen die Leute in die Städte, dann bilden wir eine neue Tradition.“ Und die Leute werden dankbar sagen: „Die Kommunisten haben uns aus unserer Armut herausgezogen.“

Aber die Leute sind in die Städte gekommen und sie haben ihre Traditionen mitgenommen.

Und sie haben in der Kirche erneut einen Ort gefunden, wo sie ihre jeweilige Tradition auch in der Stadt leben konnten. Und diese Tradition lebt weiter – man sieht es bei der Liturgie, den Festen und auch ein wenig in den Straßen. Der Kirchturm ist nicht ein Zeichen der Macht, der schönen Ansicht oder lediglich ein Zeichen der Präsenz, dass Kirche da ist. Er ist ein Zeichen, dass die Menschen diese Tradition suchen – so ähnlich, wie sie am Wochenende aufs Land fahren, ans Meer, Geborgenheit in der Familie erfahren oder eine andere Art des Lebens suchen, die es so in der Stadt nicht gibt. Deshalb sollten sie einen Teil dieser Tradition auch in den Gemeinden finden.

Auf der anderen Seite sollte Kirche, sollten Gemeinden jedoch auch offen sein für – wie Sie zutreffend gesagt haben – religiöse Impulse, die aus der Stadt kommen: Kultur, Bewegungen, neue Subkulturen, Sprachen, Kunst.

Es fehlt manchmal in der Kirche die Offenheit, auch bei uns. Es gibt aber auch Aufbrüche: So haben wir jetzt beispielsweise in Kroatien – analog zur „Offenen Nacht der Museen“ eine „Offene Nacht der Kirchen“ eingeführt, so wie jemand es auf dem Kongress heute schon für Deutschland erwähnt hat.

Das Programm ist vielfältig und es gibt ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Anliegen: Man sieht zum Beispiel auch immer mehr Leute, die einfach in Stille eine Zeit in einer Kirche verweilen wollen.
Sicher ist das Nebeneinander und Zusammenspiel von Tradition und Gemeinschaftsgefühl auch für die Kirche in Kroatien eine Herausforderung. Ich glaube, wir sind noch nicht entschieden und offen genug dieser Frage nachgegangen. Es gibt für die Kirche hier noch mehr Chancen, positive Impulse aufzunehmen. Es gibt auf der anderen Seite sicherlich auch kritische Punkte, nicht alles ist positiv. Manchmal spreche ich mit Menschen, die sehen alles negativ. Ich sage dann immer: Das ist eine Gelegenheit, den Alltag der Menschen mit der Frage nach Sinn und Religiosität und letztlich mit der Frage nach Gott zu verknüpfen.

Kann man so weit gehen und sagen, die Kirche der Zukunft wird eine städtische Kirche sein – so, wie die Urkirche eine städtische war – und die Kirche auf dem Land wird ganz verschwinden?

Ich hoffe, dass die Kirche auf dem Land nicht verschwindet. Sie wird wohl schwächer werden. Aber dabei hoffe ich zugleich, dass wir den Zugang zu Land und Natur nicht verlieren, auch aus ökologischen Gründen. Es gibt heute die Meinung, dass die Menschen als Antwort auf alle ökologischen Fragen am besten wieder auf dem Land leben sollten, dort wisse man am besten, wie mit der Natur umzugehen ist. Und es stimmt ja: Wenn es nur große Konglomerate gibt, hat man die Beziehung zur Erde oder zur Ökologie gänzlich verloren. Dann gilt es nur zu produzieren – diese Erfahrung hatten wir auch im Kommunismus. Deshalb bin ich überzeugt, dass es auch für die Kirche wichtig ist, auf dem Land präsent zu bleiben, obwohl wir feststellen, dass der Unterschied zwischen Stadt und Land durch die Medien und auch die künftige Digitalisierung noch kleiner wird.

Sicher liegt schon aufgrund der demographischen Entwicklungen die Zukunft der Kirche in der Stadt.

Ich hoffe dabei, dass die Kirche nicht die territoriale Verankerung einer Gemeinde verliert. Wir dürfen einerseits die geistliche Bewegung, dass der Mensch heute wie ein Nomade auf individuelle Weise Spiritualität sucht, nicht unterschätzen. Andererseits ist auch das Territorium (einer Pfarrei, Anm. d. Redaktion) wichtig, nicht als etwas Begrenzendes, das es ängstlich zu verteidigen gilt, sondern als etwas Überschaubares, das uns hilft, Identität zu stiften und ein Geborgenheitsgefühl zu geben. Anonymität und Zugehörigkeit sind Fragen der Stadt, bei denen Pfarreien, die offen sind und sich nicht auf ihr Territorium zurückziehen, vermitteln können, und schon allein deshalb darf das Territorialprinzip nicht verloren gehen.
Wir sehen in Städten heute die Entwicklung, dass Stadtteilfeste organisiert werden, dass die Menschen Schulen in jedem Stadtviertel wünschen oder sich dort sicher fühlen, wo es auch soziale Angebote gibt. Wir können also stolz auf unsere kirchliche Tradition der Pfarrgebiete sein und müssen aufpassen, dass wir sie angesichts der beschriebenen Situation, in der Menschen Heimat suchen, nicht aufgeben. Es bleibt allerdings eine Herausforderung, den Spagat zu schaffen zwischen den Suchenden, die sich Hoffnung machen auf die Verwirklichung ihrer geistlichen Bedürfnisse irgendwo in der Gemeinschaft und unabhängig vom Ort, wo sie leben, und einem Beharren auf einem bestimmten Territorium und damit einem Pfarrbezirk, um den dort lebenden Menschen ein Stück Beheimatung zu geben.

Der Erzbischof von Chicago, Blase Kardinal Cupich, hat heute in seinem Vortrag drei Herausforderungen beschrieben: Die Erneuerung der Familienpastoral, die soziale Spaltung der Gesellschaft, die sie schon angesprochen haben, und den Einfluss des Missbrauch-Skandals auf die Glaubwürdigkeit der Kirche. Gilt dies auch für Kroatien?

Ja, ich würde sagen diese drei Herausforderungen stellen sich der Kirche momentan überall. Nächste Woche findet beispielsweise eine Tagung über den sexuellen Missbrauch in der Kirche statt. Das richtet sich vor allem an die Verantwortlichen in den Seminaren und Ordensgemeinschaften und es kommen rund 140 Männer und Frauen auch aus anderen mittel- und osteuropäischen Ländern. Das Thema ist für uns wichtig.
Die Situation der Familien ist ebenfalls ein wichtiges Thema. Wir halten daran fest, dass die Familie der Kern der Gesellschaft ist, auch wenn es für manche traditionalistisch klingen mag. Trotzdem sehen wir, dass auch bei uns viele Familien zerrissen sind. Auch die Scheidungsrate nimmt zu. Doch, wenn man die Leute fragt, dann ist die Antwort immer noch, dass die Familie das Modell der Zukunft ist. Die Leute haben dieses Ideal der Familie nicht verloren, obwohl die Realität oft vielfältig und sehr schwierig ist.
Die soziale Ungleichheit ist die dritte beschriebene Herausforderung. Ich sehe eine große Gefahr, dass gesellschaftliche Probleme zunehmend der Frage nach dem Kapital und der Produktion untergeordnet werden. Wenn das soziale Miteinander einer Gesellschaft sich diesen beiden Größen unterordnet, dann werden wir große Probleme bekommen.

Die Fragen stellte Markus Ingenlath.

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Inhalt erstellt: 19.09.2019, zuletzt geändert: 19.09.2019