Apostolische Administrator von Estland Philippe Jourdan
Apostolische Administrator von Estland Philippe Jourdan
Foto: Markus Nowak
14.09.2018 – Papstbesuch im Baltikum

„Die Visite kann uns sichtbarer machen in der Gesellschaft“

Der Apostolische Administrator von Estland Philippe Jourdan hegt Erwartungen an den Besuch von Papst Franziskus.

Philippe Jean-Charles Jourdan stammt aus Frankreich und studierte zunächst Ingenieurwesen in Paris, ehe er ins Priesterseminar eintrat und 1988 zum Priester geweiht wurde. nach Stationen als Studentenpfarrer in Paris, war er seit 1996 Generalvikar der Apostolischen Administratur Estland, die in dieser Zeit vom Nuntius in Vilnius verwaltet wurde. 2005 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Titularbischof von Pertusa und Apostolischen Administrator von Estland. Es war nach der Weihe des Märtyrers Eduard Profittlich SJ 1936 die zweite katholische Bischofsweihe in Estland seit der Reformation. Im Interview spricht er darüber, welche Wirkung der Papstbesuch auf Estland haben kann und Franziskus´ Speiseplan beim Mittagessen in Tallinn. Die Fragen stellte Markus Nowak.

Wie ist die Stimmung in Estland, am Vorabend des Papstbesuches? Immerhin sind nur 0,5 Prozent der Esten katholischen Glaubens.
Wir sind froh, dass der Papst kommt, denn wir sind in der Tat eine kleine Gemeinschaft. Ich werde oft von Journalisten gefragt, welche Bedeutung es hat, wenn der Papst in ein Land mit so wenigen Katholiken kommt. Aber Franziskus schaut nicht auf Statistiken. Er sagt, die Kirche ist nicht nur das Kirchengebäude. Und ich füge hinzu, Kirche ist nicht nur da, wo sie traditionell stark ist.
Die Katholiken sind nicht bloß in Estland in einer extremen Minderheit; etwa die Hälfte aller Katholiken lebt in Ländern, wo sie weniger als ein Prozent bilden. So wird der Papst nicht nur zu uns Esten sprechen, sondern zu allen Menschen, wo die katholische Kirche nur eine geringe Präsenz hat. Denken wir etwa an Russland oder China.
Estland hat 6.000 Katholiken, wie groß wird der Empfang für den Papst?
Wir erwarten keine sehr großen Zahlen. Wenn der Papst in Länder reist, wo es wenige Katholiken gibt, dann zelebriert er in der lokalen Kathedrale, denn so ist es einfacher. Aber wir haben uns entschieden, den Papstbesuch so zu gestalten, wie er sein sollte: Also sichtbar für die ganze Gesellschaft. Der Besuch wird nicht nur bei uns in der Kathedrale stattfinden, sondern auf dem Hauptplatz von Tallin. Und dann ist da dieses Treffen mit Jugendlichen, es findet in der größten Kirche von Tallinn statt, einer lutherischen und es haben sich fast 1.800 junge Menschen angemeldet. Es ist bezeichnend, dass es das letzte Treffen des Papstes mit Jugendlichen vor dem Beginn der Jugendsynode sein wird. Wenn die Synode beginnt, wird er also Tallinn im Gedächtnis haben.
Der Papst wird also Eindrücke mitnehmen. Doch was wird er in Estland hinterlassen?
Ich bin kein Prophet (lacht). Wir sind eine kleine Gemeinschaft und seine Visite kann uns sichtbarer schon machen in der Gesellschaft. Ich werde oft gefragt, ob es nach dem Besuch mehr Katholiken geben wird. Wenn Gott es will, schon. Aber das ist ja kein Automatismus. Als Johannes Paul II. nach Estland kam, war es für viele Menschen hier ein wichtiger Moment. Ich hoffe, das wird ähnlich stärkend für unsere Gemeinschaft sein. Ich hoffe auch, dass sich das Image unserer Kirche verändern wird. Denn das Ansehen auch von anderen Konfessionen ist nicht immer positiv in Estland. Die Sowjetpropaganda tat ihres dafür und heute hat Religion für die meisten Esten keine Bedeutung. Aber die Menschen können sehen, wie Glauben die Menschen glücklich macht und sie für andere öffnet. Ich hoffe, dass das die Menschen bestärkt und sie hoffnungsvoller werden. Denn manchmal ist es in unserer kleinen Kirche schwer optimistisch zu sein.
Gibt es Dinge, die Sie mit dem Papst konkret diskutieren möchten in Tallinn?
Einmal wäre da die Sache, dass wir keine Diözese haben. Klar, für die Menschen würde sich nicht viel ändern, aber es würde uns helfen in der pastoralen Arbeit. Es würde auch zeigen, dass die katholische Kirche von Estland auch die lokale Kirche ist und nicht nur verwaltet wird vom Vatikan.
Erwähnen würde ich zudem gerne die Sache mit der Seligsprechung von Eduard Profittlich …
…einem Jesuiten, der in der Zwischenkriegszeit viel für den Aufbau der Kirche in Estland getan hat und vom Papst zum Apostolischen Administrator berufen wurde. In der Sowjetokkupation wurde er verfolgt und starb den Märtyrertod…
…der Seligsprechungsprozess ist von unserer Seite abgeschlossen. Ich habe bereits mit unserer Staatspräsidentin darüber gesprochen und sie war begeistert und sagte, wenn der Papst kommt, können wir die Seligsprechung gleich auch machen. Das geht natürlich nicht so schnell. Ich möchte es dem Papst aber sagen, wie wichtig uns die Sache ist. Es wäre der erste Heilige der estnischen Kirche: Ein Mann, der sein Leben für die Kirche im Sowjetregime gegeben hat. Die Sowjetzeit dauerte fast 50 Jahre und war sehr dunkel. Profittlich war aber auch ein Bischof einer Kirche, die erst am Beginn stand. Ein estnischer Seliger würde zeigen, dass die Geschichte der estnischen Kirche auch ein Teil der allgemeinen Kirchengeschichte ist.
Wirklich viel Zeit haben Sie nicht mit dem Papst. Er fliegt ja am gleichen Tag wieder ab.
Ja, und etwa das Mittagessen wird er außerhalb des Zentrums im neuerbauten Kloster der Birgitten in Pirita einnehmen. Die Schwestern haben mir gesagt, was auf der Speisekarte stehen könnte. Es wird sicher etwas Estnisch-Internationales sein. Aber für Mittagessen und Kaffee hat der Papst gerade einmal 40 Minuten. Ich habe den Tagesplan unserem Premierminister gezeigt. Er sagte, ein solch dichtes Programm wäre für ihn zu viel, aber er ist erst 40. Und der Papst ist 81.

Fotos von Philippe Jourdan hierzum Download. Im Zusammenhang mit diesem Text sind sie honorarfrei. Fotos: Markus Nowak

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Inhalt erstellt: 14.09.2018, zuletzt geändert: 14.09.2018