Eine Mutter und ihr kleines Kind pflanzen Rosen an.
Rosen pflanzen als Zeichen des Dankes - auch die Kleinen waren mit dabei.
Quelle: Kolping Ukraine
05.03.2020 – Reportage

Eine neue Heimat ohne Angst vor Krieg

Eine ganze Gasse voller Rosen: in Ivano-Frankivsk haben Binnenflüchtlinge aus dem Osten der Ukraine Rosen gepflanzt, um ihre Dankbarkeit zu zeigen. Ein Bericht von Vasyl Savka, Geschäftsführer Kolping Ukraine.

Die Arbeit war mühsam – dreckige Hände, schmutzige Hosen, manch eine Dorne – doch es hat sich gelohnt: Eine ganze Gasse voller Rosen ist entstanden, sehr zur Freude der Bewohner von Iwano-Frankiwsk, einer Stadt im Westen der Ukraine. Gepflanzt wurde das Blumenbeet von Binnenflüchtlingen aus den umkämpften Gebieten im Osten der Ukraine, die in Iwano-Frankiwsk eine neue Heimat gefunden und – und die mit ihrer freiwilligen Arbeit zeigen wollten, wie dankbar sie sind für die viele Hilfe, die sie in ihrem neuen Zuhause erfahren haben.
Mehr als zwei Millionen Menschen aus dem Osten der Ukraine haben seit dem Ausbruch der Kämpfe ihre Heimat verlassen. Ein Drittel ist an andere Orte im Donbass geflüchtet, ein Drittel in andere Regionen der Ukraine gezogen, ein Drittel ins Ausland, in erster Linie nach Russland. Manche der Binnenflüchtlinge - sogenannte Internally displaced persons (IDPs) - haben versucht, sich im Westen des Landes, wo es keine kriegerischen Handlungen gibt, ein neues Leben aufzubauen. Doch die staatlichen Stellen waren auf die Neuankömmlinge schlecht vorbereitet: die Lage der Binnenflüchtlinge und der Bewohner der umkämpften Gebiete ist eine der zentralen Herausforderungen für die Regierung – und ein Ende des bewaffneten Konflikts ist nicht absehbar, eine rasche Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat unwahrscheinlich.

Im Laufe der letzten Jahre haben sich die Bedürfnisse der Binnenflüchtlinge langsam verändert: Anfangs suchten die Menschen vor allem ein Dach über dem Kopf, Schutz, Nahrung und Kleidung für sich und ihre Kinder. Manche sahen die Situation als vorübergehend an, so dass sie es nicht eilig hatten, ein sinnvolles neues Leben zu beginnen. Inzwischen haben die Binnenflüchtlinge verstanden, dass es besser ist, die neue Situation zu akzeptieren und sich um eine aktive Integration zu bemühen – einschließlich der Suche nach einem Arbeitsplatz oder der Gründung eines eigenen Unternehmens. Die Integration in den Arbeitsmarkt ist derzeit eine der größten Herausforderungen.

Der katholische Sozialverband Kolping Ukraine engagiert sich seit vielen Jahren für benachteiligte und arme Bevölkerungsgruppen. Schon kurz nach der Ankunft der ersten Flüchtlinge haben die Verantwortlichen im Verband entschieden, dass sie sich den Hilfesuchenden zuwenden müssen. Seit dem Jahr 2016 hat Kolping Ukraine vier „Ressourcen-Zentren für Unterstützung von intern Vertriebenen“ gegründet, die als Anlaufstellen für die Betroffenen dienen. In diesen Zentren gibt es praktische Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags und professionelle Beratung bei juristischen, psychologischen oder anderen Anliegen. Freiwillige aus den lokalen Kolpingfamilien und professionelle Angestellte helfen bei der Wohnungs- und Jobsuche und laden die Binnenflüchtlinge zu Veranstaltungen ein, damit sie leichter Kontakte zur einheimischen Bevölkerung aufbauen können.

Mehr als 10.000 Binnenvertriebenen konnte Kolping Ukraine inzwischen helfen. Die Arbeit der Ressourcen- Zentren sowie der mobilen Teams in Uzhgorod, Lwiw, Iwano-Frankiwsk und Czernowitz fördert die Integration und stärkt die Selbsthilfekräfte der Betroffenen. Ein Beispiel: Das Zentrum Iwano-Frankiwsk ist sehr engagiert bei der Eingliederung der Binnenflüchtlinge in den Arbeitsmarkt und hat Kursangebote für Existenzgründer entwickelt, inklusive Darlehen für erfolgversprechende Start-up-Ideen. Parallel dazu hat sich ein Business-Club formiert, in dem sich die zukünftigen Unternehmer gegenseitig unterstützen.

Existenzgründungskurse von Kolping Ukraine
Die Existenzgründungskurse finden schon mal im Freien statt.
Quelle: Kolping Ukraine
"Daumen hoch" von den Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern.
"Daumen hoch" von den Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern.
Quelle: Kolping Ukraine

Die niederschwelligen und kostenlosen Angebote der Ressourcen-Zentren tragen dazu bei, dass Missverständnisse aus dem Weg geräumt, Konflikte gelöst und Vorurteile abgebaut wurden. Grundlage für den Erfolg ist die Kombination von professionellen Dienstleistungen mit den eher informellen Gesprächsangeboten der freiwilligen Helfer. Es wird sicher noch viel Zeit vergehen, bis alle Wunden geheilt und die Traumata überwunden sind, die dieser Krieg verursacht hat. Die Kolping-Familien können einen kleinen, aber wichtigen Beitrag zur friedvollen Entwicklung der Gesellschaft in schwierigen Zeiten leisten. Und das Blumenbeet in Iwano-Frankiwsk ist ein Zeichen, dass die Aktivitäten zur Versöhnung und Integration mittlerweile Früchte tragen, sagt Volodymyr Schegda, der Leiter des dortigen Ressourcen-Zentrums: „Die Menschen im Osten und Westen der Ukraine sind zwar unterschiedlich, aber in der Einheit liegt unsere Stärke!“

Alle Reportagen zum Thema der Pfingstaktion 2020


12.03.2020 · Ausstellung

Momentaufnahmen aus der Ostukraine

Im Kontext der Pfingstaktion zeigt diese Ausstellung Momentaufnahmen aus der Ostukraine - teils direkt aus der Pufferzone, teilweise aus den Randgebieten. Aufgenommen wurden die Fotos von Renovabis-Projektpartnern, insbesondere von der Caritas Ukraine.

10.03.2020 · Erfahrungsbericht

„Wovon können wir träumen, wenn um uns herum der Krieg herrscht?“

Als in der Ukraine der Krieg ausbrach, wurde das fünf Kilometer von der Frontlinie entfernte Dorf Muratove im Osten des Landes bombardiert und die Kinder traumatisiert. Bischof Bohdan Dzyurakh weiß um die Sorgen und Nöten, beobachtet aber auch Zuversicht und eine enorme Hilfsbereitschaft.

06.03.2020 · Porträt

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Seit Elena Makaiya 2014 mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen aus Donetsk geflüchtet ist, wohnen alle zusammen bei ihren Eltern auf knapp 50 Quadratmetern. Die Caritas Ukraine, die seit langem auch von Renovabis unterstützt wird, half in dieser schwierigen Situation. Ein Porträt von Susanne Haverkamp

04.03.2020 · Interview

„Erst helfen, dann beten“

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02.03.2020 · Reportage

Schlamm, Armut und ein bisschen Hoffnung

Bei einer Rundfahrt durch die umliegenden Dörfer von Severodonetsk zusammen mit Olena Nebeska, Mitarbeiterin Caritas Ukraine, bestätigt sich: „Dort gibt es nichts“. Dies möchte die Caritas ändern, indem sie in der Gegend ein Minimum an Infrastruktur aufbaut. Ein Bericht von Susanne Haverkamp.

28.02.2020 · Reportage

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Die „Lebendige Bibliothek“ der Caritas Mariupol – ein Projekt in der Ukraine, das Menschen miteinander ins Gespräch bringt und die Möglichkeit bietet, andere zu treffen und zu befragen, die man sonst nicht kennenlernen würde. Ein Bericht von Susanne Haverkamp.

14.02.2020 · Reportage

„Frieden ist wie eine neue Seite in einem Buch“

Wie kirchliche Projekte die Friedensbemühungen in der Ukraine unterstützen. - Diese Reportage können Sie in Ihren Publikationen verwenden. Text und Bilder: Markus Nowak
Inhalt erstellt: 05.03.2020, zuletzt geändert: 19.03.2020